Frau Egli, Sie sind die einzige Tiktok-Polizistin der Schweiz. Was für ein Fall beschäftigt Sie gerade?
Rahel Egli: Mein letzter Fall hat von Liebeskummer gehandelt. Ein junges Mädchen hat sich bei mir gemeldet, weil ihr Freund ihre Handynummer überall herumgeschickt hat. Ich versuche herauszufinden, was man machen kann, damit es dem Mädchen besser geht. Und kläre ab, ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt.
Sie sind also vielmehr Teenie-Psychologin als Cyber-Cop?
Nein, aber wenn ich Zeit habe, helfe ich den Jugendlichen gerne bei ihren Problemen weiter. Es gibt auch eine andere Seite: Oftmals versuchen die Teenager, mich mit doofen Sprüchen zu provozieren. Darauf lasse ich mich aber nicht ein.
Was war der krasseste Fall, den Sie als Tiktok-Polizistin erlebt haben?
Ich stand sehr lange mit einem Mädchen in Kontakt, welches sich das Leben nehmen wollte. Ihr geht es inzwischen zum Glück wieder besser. Weiter melden sich immer wieder Mädchen bei mir. Diese schreiben zum Beispiel, sie seien von ihrem Lehrer komisch angefasst worden.
Wie reagieren Sie auf solche Anschuldigungen?
Es ist sehr schwierig, alleine aus einem Internet-Chat zu beurteilen, ob eine Straftat vorliegt oder nicht. Es gibt einen Graubereich. Darum stelle ich viele Fragen. Und empfehle Schülerinnen etwa, mit der Klassenlehrperson oder den Eltern darüber zu sprechen. Einmal wurde dann von der Schulleitung tatsächlich die Polizei angefordert. Ich übernehme selber nur Fälle, wenn sie sich in Winterthur ereignen.
Was sind typische Fragen, mit denen Tiktok-User an Sie gelangen?
Mofas sind ein grosses Thema. Töffli-Bube haben mir schon Bilder von ihren getunten Fahrzeugen geschickt und gefragt, ob das noch legal sei. Diese verweise ich dann an einen Töfflimech oder die Kollegen von der Verkehrspolizei. Weiter tauchen immer wieder Fragen zu Gewalt- oder Sexvideos auf. Mich haben schon 13-jährige Mädchen kontaktiert, die Nacktbilder von sich verschickt hatten. Und plötzlich nicht mehr weiter wissen.
Wurden schon Leute wegen Ihren Ermittlungen auf Tiktok verhaftet?
Zu Festnahmen ist es bislang nicht gekommen. Einmal meldete sich ein junges Mädchen bei mir, das von ihrem Freund verprügelt worden war. Ich bestellte die beteiligten Personen umgehend auf den Posten. Grundsätzlich versuche ich, mit den Teenagern das Gespräch zu suchen und ihnen die Konsequenzen ihres Verhaltens aufzuzeigen.
Sie haben alleine auf Tiktok 80'000 Follower. Werden Sie oft auf der Strasse angesprochen?
Ich werde in der Tat immer wieder angequatscht. Bei einem Verkehrsunfall wollte einmal sogar eine Gruppe Jungs Fotos von mir machen. Am Albanifest wurde ich von zahlreichen Leuten umringt, die Selfies mit mir knipsen wollten. So oft kommt das aber nicht vor, ich bin kein Tiktok-Star wie Luca Hänni.
Als Polizei-Influencerin sind Sie stark exponiert. Wie fühlt sich das an?
Ich arbeitete früher als Mediensprecherin und bin es mir gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Aber sehen Sie: Als Social-Media-Polizistin kann ich die Themen selbst vorgeben. Ich stehe nicht wie Influencerinnen unter Druck, Bikini-Bilder zu posten, um möglichst viele Likes zu holen.
Social Media macht nie Pause. Nehmen Sie das Dienst-Handy mit ins Bett?
Ich gebe es zu: Selbst wenn ich frei habe, schaue ich ab und zu bei meinen Social-Media-Profilen rein. Wenn jemand wirklich Hilfe braucht, reagiere ich auch in meiner Freizeit. Dazu fühle ich mich als Mensch verpflichtet. Die meisten Fälle sind aber wenig dramatisch.
Sie sind 33 Jahre alt und damit eigentlich zu alt für Tiktok. Was halten Sie von der Plattform?
Klar sind mir auch schon Videos auf den Nerv gegangen. Aber es hat oft super Beiträge, bei denen man sogar etwas lernen kann. Ich ziehe mir aber sicher nicht jeden Tag stundenlang Videos rein.
Welche Videos stellen Sie selbst am liebsten auf Tiktok?
Ich mag Tierli-Videos. Wenn man ein Tier aus einer misslichen Lage befreien kann, ist das etwas Schönes.
Müssen Sie sich von Ihren Kolleginnen und Kollegen im Polizeicorps eigentlich viele Sprüche anhören?
Das hat sich mittlerweile gelegt. Viele sagen, sie würden nie als Polizist Sachen auf Tiktok posten. Andere können sich vorstellen, den Job selbst zu machen.
bin ich alt?