Schweiz
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Mathias Gnädinger war ein Volksschauspieler, weil er das Volk spielte. Weil er uns spielte. Und er fehlt uns



Er war der Fels, der Berg in unserer Filmlandschaft. Und einmal, da war der Fels ganz traurig. Es war an den Solothurner Filmtagen Ende Januar, in der Nacht der Nominationen für den Schweizer Filmpreis.

Mathias Gnädinger und der Regisseur Paul Riniker waren auch gekommen, hatten gehofft, für ihren Film «Usfahrt Oerlike» irgendeine Nomination einzuheimsen, eine für den besten Schauspieler für Gnädinger hätte sich gehört, für seine Darstellung des Alleinunterhalters im Hawaii-Hemd, der seinen besten Freund in den Tod begleitet. 

Der Trailer zu «Usfahrt Oerlike»

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video: youtube/freneticfilms

Der Film ging leer aus. Und während die anderen feierten im Saal, gingen die beiden geknickt und ohne Worte durch die Gassen von Solothurn davon. 

Die Schweizer Schauspieler Mathias Gnaedinger, links, und Joerg Schneider, posieren bei der Filmpremiere ihres Films

Mathias Gnädinger, links, und Jörg Schneider, rechts, bei der Filmpremiere ihres Films «Usfahrt Oerlike». Bild: KEYSTONE

Wenig später gewannen sie in Solothurn den Publikumspreis. «Usfahrt Oerlike» war eigentlich als Vermächtnis des krebskranken Jörg Schneider gedacht, jetzt ist es der letzte Film von Mathias Gnädinger geworden, und das ist zum heulen. 

Es kann nicht sein, dass es einen, den man für unerschütterlich hielt und für unersetzbar, jetzt ganz plötzlich und ohne Federlesen gefällt hat. Einen, der seit Jahrzehnten da war wie das absolut logische Zentrum unendlich vieler Schweizer Filme. Logisch, weil kein anderer diese Kraft besass, die oft zum Fürchten war. Wenn der Fels tobte und fluchte, wollte man ihm nicht begegnen. Aber wenn dann wieder die Seele und die Gutherzigkeit aus ihm sprachen, dann hätten wir ihn alle sofort gerne adoptiert, als Vater, als Grossvater. 

In Erinnerung bleibt: Natürlich sein Heimkehrer ins Winzdorf «Sternenberg», natürlich sein gnädiger Wirt in «Das Boot ist voll», der jüdischen Flüchtlingen zu helfen versucht. Und dass sein Göring in «Der Untergang» für ihn die schlimmste Rolle seines Lebens war.

Mathias Gnädinger in seiner Rolle als Göring in «Der Untergang»:

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video: youtube/rightwingriot

«Ich sass drei Tage lang im Führerbunker, der in den Bavaria-Studios nachgebaut worden war, mit all diesen deutschen Superstars um mich herum», erzählte er in einem Interview. Und weiter:

«Ich durfte Hitler gegenübersitzen, während alle anderen standen, und musste drei Sätze sagen. Aber ich brachte sie nicht heraus; ich wusste nicht mehr, was Wörter bedeuten, vor lauter Angst.»

Wir erinnern uns auch noch an den Artillerie-Oberst Louis Lauener, den Bösewicht aus «Der Bestatter», wo er nicht einmal eine halbe Mine zu verziehen brauchte, um sie an die Wand zu spielen. Und auch sein Kommissar «Hunkeler», nach den Krimis von Hansjörg Scheider, der in Basel ermittelte, an der Seite von Gnädingers Ex-Freundin Charlotte Heinimann.

Gnädinger in einer Szene aus «Hunkeler und der Fall Livius»:

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video: youtube/mike steiner

Aber es sind vor allem die grossen zärtlichen Rollen, die einem im Herzen steckenbleiben: Jahrelang spielte er den rüpeligen Bauer Ruedi in «Lüthi und Blanc», der in seinem dritten Frühling ganz weich wird und noch einmal die Liebe findet und verzweifelt versucht, ein dem Teufel vom Karren gefallenes kleines Mädchen an Kindesstatt grosszuziehen.

Und er spielte den Witwer Urs in «Lieber Brad», der sich in die schwarze Krankenschwester Carolin verliebt und damit das eh schon komplizierte Gefühlsleben seiner pubertierenden Töchter vollends durcheinander bringt.  

Der Film mit dem Drehbuch von Güzin Kar gilt noch heute als Meilenstein der romantischen Schweizer Komödie. 

Güzin Kar auf Twitter.

Mit schwermütigem Einschlag, muss man anfügen, der selbstverständlich von Gnädinger kam. Von dem Mann, dessen beträchtlicher Körper (in seinen schwersten Zeiten habe er 133 Kilos gewogen, sagte er einmal) gerade die sensiblen Rollen enorm vergrösserte und ihnen einen Resonanzraum gab, den andere, schönere, jüngere, auch mit dem perfektesten Body nie erreichten.

ARCHIV --- ZUM TOD DES SCHAUSPIELERS MATHIAS GNAEDINGER STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Der Zuercher Kuenstler und Musiker Dieter Meier, links, applaudiert dem Schauspieler Mathias Gnaedinger, rechts, an der Pressekonferenz zu Rolf Lyssys Film

Dieter Meier (links) und Mathias Gnädinger – das Bild wurde 1989 aufgenommen. Bild: KEYSTONE

Trotzdem versuchte er, sich zu bändigen, abzunehmen, nicht mehr zu rauchen, nicht mehr zu trinken, «beim Saufen kenne ich keine Grenzen», sagte er erst vor einem Jahr.  

Mathias Gnädinger kam am 25. März 1941 in Ramsen zur Welt. Sein Grossvater war Totengräber, als Junge half er ihm beim Einsargen der Leichen. Die Vorstellung von den Würmern hat ihm dabei nie gefallen. Er selbst wollte, dass er kremiert wird, obwohl die Angst vor dem Feuer seine grösste ist. Er hinterlässt das Andenken an über 130 Rollen auf der Bühne – in der Schweiz und in Berlin und Wien, wo er lange Jahre gearbeitet hat – und an über 70 Kino- und Fernsehfilme. Und seine Frau Ursula, die wie er aus Ramsen stammt und seine erste Liebe war. Allerdings nahmen die beiden ein paar Umwege, bevor sie sich 2001 endlich wieder fanden.  

ARCHIV --- ZUM TOD DES SCHAUSPIELERS MATHIAS GNAEDINGER STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILD ZUR VERFUEGUNG --- Mathias Gnaedinger, mit Ehefrau Ursula, bekommt den Lifetime Award  am Galaabend des diesjaehrigen Schweizer Fernsehpreises im Rahmen  des Rose d Or Festivals am Sonntag,6. Mai 2012 im Kultur- und Kongresszentrum Luzern, KKL.  (KEYSTONE/Sigi Tischler)

Gnädinger mit seiner Frau Ursula im Jahre 2012. Bild: KEYSTONE

Am 5. März stürzte Mathias Gnädinger in ihrem gemeinsamen Heim in Stein am Rhein und brach sich den linken Oberschenkel. Während der Rekonvaleszenz im Spital hatten sich Komplikationen mit Lungen- und Herzfunktionen ergeben. Jetzt ist er im Universitätsspital Zürich kurz nach seinem 74. Geburtstag gestorben. Er spielte Bergler, Bauern, Wirte, Politiker, Dörfler, Klein- und Grossstädter. Er war ein Volksschauspieler, weil er das Volk spielte. Weil er uns spielte. Und er fehlt uns.

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