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Schweiz spricht in Genf mit Taliban-Delegation

Schweiz spricht in Genf mit Taliban-Delegation – das empört Afghanistans Noch-Botschafter

Eine Delegation der radikal-islamistischen neuen Machthaber in Kabul weilt derzeit in Genf. Auch das Aussendepartement EDA trifft sich mit den Taliban zu Gesprächen.
10.02.2022, 05:17
Christoph Bernet / ch media
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Im letzten August eroberten sie Kabul. Die Bilder gingen um die Welt: Verzweifelte Menschenmassen, die versuchten, auf das noch von den abziehenden US-Soldaten kontrollierte Flughafengelände in Afghanistans Hauptstadt vorzudringen. Jetzt sind sie in Genf angekommen: Die Rede ist von den Taliban, den neuen Machthabern von Afghanistan.

epa09709337 Representatives of the Taliban leave Oslo Gardermoen Airport after attending meetings at the Soria Moria hotel in Oslo, Norway, 25 January 2022. Representatives of the Taliban met with Wes ...
Eine Taliban-Delegation im Januar 2022 in Oslo. Es war der erste hochrangige Taliban-Besuch in einer westlichen Hauptstadt.Bild: keystone

Am Sonntag ist eine Delegation der radikalislamistischen Bewegung in der Schweiz angekommen. Das Westschweizer Radio RTS berichtet mit Berufung auf afghanische Medienkreise von einer elfköpfigen Delegation unter der Leitung von Latifullah Hakimi, einer Führungsfigur der Taliban, der gleichzeitig einen hochrangigen Posten im Verteidigungsministerium besetzt.

An den Lac Léman gereist sind die Islamisten auf Einladung der Nichtregierungsorganisation «Appel de Genève», die seit Jahrzehnten in Afghanistan humanitäre Hilfe leistet. Deren Direktor Alain Delétroz sagte gegenüber Radio RTS, man rede mit der Taliban-Delegation «ausschliesslich über humanitäre Themen» drehe. 23 Millionen Afghaninnen und Afghanen lebten unter der Armutsgrenze, die humanitäre Lage sei schlimm. Die Delegation aus Kabul wird sich laut Medienberichten auch mit Vertretern des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sowie von Médecins sans frontières (MSF) treffen.

EDA: «Keine Legitimation, keine Anerkennung»

Auch die offizielle Schweiz trifft sich mit den Taliban. Das Aussendepartement EDA bestätigte gegenüber RTS ein Treffen im Lauf dieser Woche. Über dessen Inhalt schweigt man sich mit Verweis auf den «vertraulichen Rahmen» aus. Auf Seiten des EDA sind die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), die Abteilung Frieden und Menschenrechte und die Politische Abteilung für Asien und Pazifik an den Gesprächen beteiligt.

Der Bund sei nicht Organisator des Taliban-Besuchs in Genf, betont das EDA gegenüber RTS. Dieser erfolge auf Einladung der Zivilgesellschaft. Die Anwesenheit einer Delegation auf Schweizer Boden stelle «keine Legitimation oder Anerkennung» der Taliban dar. Aber man müsse mit den «De-facto-Behörden» Afghanistans sprechen, heisst es beim EDA.

«Fragwürdig, sich mit Taliban an einen Tisch zu setzen»

Keine Freude an dem Treffen der offiziellen Schweiz mit der Taliban-Generation hat der amtierende Botschafter Afghanistans bei der UNO in Genf, Nasir Ahmad Andisha.

epa09427147 Nasir Ahmad Andisha, ambassador of the Permanent Representative Mission of the Islamic Republic of Afghanistan to Geneva, addresses his statement, during the Human Rights Council special s ...
Botschafter Nasir Ahmad Andisha im August 2021 vor der Uno in Genf.Bild: keystone

In einem am Dienstag veröffentlichten Statement nennt er den Besuch in Genf «beunruhigend». Zwar sei ein internationaler Dialog über humanitäre Hilfe und die Menschenrechtssituation in Afghanistan nötig. Aber es sei «fragwürdig», sich mit den Taliban an einen Tisch zu setzen, solange diese in Afghanistan systematisch folterten, Menschenrechte verletzten, Frauen und Mädchen das Recht auf Bildung verweigerten und die Presse unterdrückten.

Botschafter Andisha wurde noch von der Vorgängerregierung ernannt. Weil die UNO die Taliban bisher nicht anerkannt hat, vertritt er weiterhin sein Heimatland in Genf. (saw/aargauerzeitung.ch)

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Kabul 1972: Studentinnen in Miniröcken sind im Neubauviertel Shar-e-Naü unterwegs. Eine dünne städtische Oberschicht in Afghanistan übernahm westlichen Lebensstil und westliche Kleidung.
quelle: laurence brun /gamma-rapho via getty images
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38 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Hans Doe
10.02.2022 07:12registriert Juni 2018
Die bisherigen Kommentare machen die Welt wieder mal einfacher als sie ist. Im Echo der Zeit war gestern ein guter Beitrag dazu. Die humanitäre Situation in Afghanistan muss katastrophal sein. Anscheinend droht eine riesige Hungersnot. Alle Länder stellen sich die Frage, wie können sie der Bevölkerung helfen, ohne den Taliban zu helfen. Und da die Taliban nun mal die Macht haben, muss man mit ihnen sprechen. Ansonsten kann man der Bevölkerung nicht helfen.
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du_bist_du
10.02.2022 06:28registriert Mai 2020
Man kann es drehen wie man will. Jegliche Unterstützung, Hilfe für das Land, wird den Taliban zugute kommen und sei nur, weil sie ihnen innenpolitische Probleme vom Hals schafft.
Abgesehen davon. Man kann natürlich mit den Taliban reden und immer nachschieben, man erkenne sie nicht an. Allerdings zementiert man damit, verbunden mit Hilfe, trotzdem ihre Macht.
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Bits_and_More
10.02.2022 08:14registriert Oktober 2016
In Afghanistan sind Millionen von Menschen, darunter viele Kindert, vom Hungertod bedroht. Es gilt dringendst diese Lage zu Verbessern und NGOs sicheren Zugang zum Land zu ermöglichen. In solchen Situationen muss man teilweise auch einfach Pragmatisch sein, heute sind die Taliban an der Macht und die Menschen hungern heute.
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