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Eine Postkarte aus einer vergessenen Zeit.
Eine Postkarte aus einer vergessenen Zeit.

Liebe Kulturpessimisten, nicht traurig sein über den drohenden Tod der Postkarten, sie sind sowieso eine Lüge 

Ist es nicht oft so, dass die Menschen empört sind, sobald etwas Neues etwas Altes bedroht? Jetzt sind es die Postkarten-Apps, die einen neuen«Traditionsverlust» einläuten. Aber leben wir diese Tradition überhaupt? Sind wir ohne die guten alten Postkarten verloren? – Nein.
18.06.2015, 19:4822.06.2015, 12:29

Was für eine Freude doch das Öffnen des Briefkastens machte, wenn sich zwischen all den Rechnungen, den Mahnungen und dem Haufen an wahlpropagandistischen Politikergesichtern auf hauchdünnem Papier eine hübsche Ansichtskarte versteckte. Vorne ein schöner Strand, vielleicht ein paar vom Winde verwehte Grashalme rechts in der Ecke und im Vordergrund ein lachendes Kind, das seine kleinen Zehen in den Sand gräbt. 

Oder vielleicht auch eher etwas in diese Richtung.
Oder vielleicht auch eher etwas in diese Richtung.

Eine Postkarte aus der Toscana von den Schneiders! Sieh an, sie sind beeindruckt vom Piazza del Campo in Siena, ansonsten geniessen sie die sonnigen Tage am Meer. Und dieser italienische Espresso, so billig und doch so gut! 

Als Kind musste ich unzählige Postkarten schreiben. Eine für Oma und Opa, eine andere für die andere Oma und den anderen Opa, eine dritte fürs Gotti, für den Götti und, und, und. Es war eine Pflicht. Es gehörte sich so. Man bekam etwas zum Geburtstag und dafür bedankte man sich artig. Und im Winter schickte man viele Grüsse von der Lenzerheide hinunter zu den lieben Verwandten. 

bild: poppygall
«Sitte ist die im Leben eines Volkes sich bildende, verpflichtende Gewohnheit.» 
Rudolf von Ihering, deutscher Rechtswissenschaftler

Also lasst uns ehrlich sein. Geradeaus wollen wir reden, gänzlich befreit von diesem sentimentalen Gehabe und all dem pathetischem Gerede vom tragischen Verlust einer ehrwürdigen Tradition. Postkarten sind doof. Warum?

Beantworte diese zwei Fragen wahrheitsgetreu:

Hast du als Kind gerne (das heisst freiwillig) Postkarten geschrieben?
Viele Grüsse aus unseren Abenteuerferien.
Viele Grüsse aus unseren Abenteuerferien.
Bild: etsy
Hast du als Erwachsener wirklich so wahnsinnig gerne Postkarten gekriegt?

Welche Tradition wird jetzt genau durch diese Postkarten-Apps bedroht? Das Internet bedroht schon lange den handschriftlichen Verkehr. Das Traurige daran ist, dass keine Briefe mehr geschrieben werden. Nicht, dass keine Postkarten mehr geschrieben werden.

Denn denkt man wirklich an jemanden, dann schreibt man einen Brief. Oder von mir aus ein Email. Letztlich kommt es auf den Inhalt an. Die Relevanz – daran ist unter anderem auch der dürftige Platz Schuld – der gemeinen Postkarte ist gleich null: «Hallo, ich bin hier und hier, mache das und das, das Wetter ist so und so. Viele Grüsse.» Gibt es etwas Langweiligeres als eine derart trockene Sachlichkeit? 

Wie immer gibt es Ausnahmen. Karten mit einem wirklich schönen oder wirklich lustigen Motiv.

Hier eine aus der lustigen Sparte (oder, je nach Geschmack, vielleicht sogar aus der schönen).
Hier eine aus der lustigen Sparte (oder, je nach Geschmack, vielleicht sogar aus der schönen).

Oder Karten, auf denen nicht «viele Grüsse» steht, sondern zum Beispiel das: 

Die Postkarte, die ich behalten habe.
Die Postkarte, die ich behalten habe.
bild: watson/rof

Und alle Kulturpessimisten, die diese Postkarten-App als weiteres Indiz für den drohenden Untergang werten, die dahinter das Ende der persönlichen Wertschätzung und den Krieg gegen die Handschrift wittern. Alle Zitternden, die befürchten, dass sowieso alles den Bach runter geht, weil die Welt immer noch schneller, noch kurzlebiger und seelenloser wird; setzt euch hin. Nehmt euch wirklich Zeit. Und schreibt wirklich etwas. Und wenn möglich ein bisschen mehr als viele Grüsse aus dem Tal der Wehklagen. 

P. S. Anstatt Kommentare werden auch gerne Postkarten (randvoll mit Kritik) entgegengenommen. 

Bitte an:
Anna Rothenfluh
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8005 Zürich

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