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Interview mit Statistiker

«Herr Moser, welcher Ecopop-Umfrage soll man nun Glauben schenken?»

Die ersten Umfragen zur Ecopop-Initiative sind gemacht. Während die SRG ein Nein ausmacht, stimmen 53 Prozent der 20-Minuten-Leser der Vorlage zu. Statistiker Peter Moser schätzt die Ergebnisse ein.



Die Ergebnisse der 20-Minuten-Umfrage und des SRG-Wahlbarometers sind massiv unterschiedlich – besonders diejenigen zur Ecopop-Initiative. Welcher Umfrage soll man nun Glauben schenken? 
Peter Moser: Keine hat ihre alleinige Berechtigung. Man muss beide Umfragen einzeln untersuchen und beurteilen. 

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Peter Moser ist Politikexperte des Statistischen Amtes Zürich.  bild: zvg

Bei der Masseneinwanderungsinitiative hat das gfs im Januar ein Nein vorhergesagt. Haben wir es bei der Ecopop-Prognose wieder mit einer Fehleinschätzung zu tun?
Claude Longchamp verkauft die SRG-Umfrage als Momentaufnahme, nicht als Prognose. Aber ja: Die beiden Abstimmungen sind ungefähr vergleichbar. Das Problem bei diesen Telefon-Umfragen ist, dass es ein gewünschtes Antwort-Verhalten gibt, das nicht erfasst werden kann.  

Was für ein gewünschtes Antwort-Verhalten? 
Nach dem knappen Ja im Frühling läuft die Kampagne der Ecopop-Gegner auf Hochtouren. Es ist momentan sozial unerwünscht, dass man für die Initiative ist. In diesem Klima muss man davon ausgehen, dass die Leute in der Tendenz am Telefon nicht unbedingt die Wahrheit sagen, wenn ihre Haltung diesem Konsens widerspricht. Sehen Sie, die Befragungsforschung hat es im Moment wirklich schwierig.

Warum?
Die klassische Telefonumfrage, wie das SRG-Barometer eine ist, ist ja eigentlich passé: Junge Leute verfügen kaum noch über einen Festnetzanschluss, und auch die Handy-Befragung ist schwierig: Viele nehmen nicht ab, wenn eine unbekannte Nummer dran ist, sind gerade unterwegs oder können sich die Zeit nicht nehmen. 

Mit dieser Befragungsmethode erwischt man also nur eine bestimmte Art von Personen. 
Genau. Nämlich solche, die am Telefon überhaupt Antwort geben. Dabei beruht die gesamte Befragungswissenschaft und die Berechnung von statistischen Unsicherheiten darauf, dass man eine völlig zufällige Stichprobe zieht. 

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Gemäss gfs-Umfrage wäre die Ecopop im Moment chancenlos. bild: gfs.bern/srg

Hat dann die Umfrage überhaupt noch eine Berechtigung? Im Gegensatz zu den 1200 befragten Personen hatte die 20-Minuten-Umfrage 14’000 Teilnehmer. Ist sie damit nicht repräsentativer?
Das kann man so nicht sagen. Wenn man die Daten der online-Umfrage unbearbeitet nimmt, sind sie stark verzerrt. Um ein repräsentatives Ergebnis zu liefern, muss die Umfrage gewichtet werden. Beispielsweise stimmen online eher junge Leute ab. Um die Verteilung der Altersklassen der Bevölkerungsstruktur entsprechend hinzukriegen, muss man die Stimmen der älteren Personen stärker gewichten, also gewissermassen mehrfach zählen. 

Immerhin: Bei der Masseneinwanderungsinitiative entsprach das Ergebnis der 20-Minuten-Umfrage dem Abstimmungsergebnis. 
Ja, aber auch Online-Befragungen haben Schwächen. 

Welche?
Man sucht sich die Befragten nicht aus, sondern muss die Daten nehmen, die geliefert werden. Ausserdem nehmen vermutlich einige aus Jux an der Umfrage teil. Ob die Antworten ehrlich sind, kann man am Telefon noch eher bestimmen, bei der Online-Befragung kaum. Und die Angaben zur Person können nicht überprüft werden.

Welche Methode ist besser? 
Ich bin der Meinung, dass man unbedingt den online-Weg verfolgen muss. Man hat in kurzer Zeit viel mehr Datenmaterial. Und es ist viel billiger. Ideal ist wohl eine Kombination der beiden Methoden. 

Wie gross ist der Einfluss der Umfragen? 
Auf die Meinungsbildung? Das wird tendenziell überschätzt. Und könnte ohnehin kaum bewiesen werden. Die Frage ist, ob solche Umfrageergebnisse allenfalls eine bestimmte Wählerschaft mobilisieren – ob beispielsweise diejenigen, die noch nicht recht wussten, ob sie abstimmen sollten, nach der 20-Minuten-Umfrage jetzt halt doch an die Urne gehen. Aber ich denke nicht, dass das der Fall ist. 

Wagen Sie eine Prognose zur Ecopop-Initiative?
Die Abstimmung wird knapper ausfallen als das Ergebnis der ersten gfs-Umfrage – ähnlich wie die Masseneinwanderungsinitiative. Nahe bei 50 Prozent auf jeden Fall. Ob darüber oder darunter, kann man fast nicht prognostizieren. Fakt ist: Vorlagen, die die Einwanderungspolitik thematisieren, haben beim Volk grosse Chancen. 

Grössere Chancen als früher. Die Zuwanderungsskepsis ist gestiegen. 
Im letzten Jahrzehnt, seit der Einführung der Personenfreizügigkeit,  hat die Zustimmung gegenüber der Einwanderung abgenommen. Besonders stark in den Agglomerationsgebieten zwischen Stadt und Land, dort wo fast die Hälfte der Stimmberechtigten heute lebt. Vor allem diese Menschen sind mit dem Wandel konfrontiert.  

Und haben Angst davor.
Ja. Diese Ängste generell – vor Veränderungen, vor der Globalisierung, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes – sind real. Andererseits werden sie auch bewirtschaftet. 

Wie meinen Sie das?
Mit dem Wählerwachstum der SVP, das bezeichnenderweise in den Agglomerationen am stärksten war, haben diese Verlustängste eine Stimme bekommen. Darauf baut der Erfolg der SVP auf. Und deshalb nährt sie diese Ängste.  

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