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Seilschaften sind nicht mehr den Männern vorbehalten: So funktionieren die «Old Girls Clubs» im Bundeshaus   

Ist es «allerbester Frauenfilz» oder sind es einfach Netzwerke wie unter Männern? Die Kasachstan-Affäre um die FDP-Frauen Christa Markwalder und Marie-Louise Baumann zeigt: Auch das Lobbying im Bundeshaus ist immer mehr in Frauenhand.



«Voll peinlich», «völlig gaga», «sexistisch»: Der watson-Redaktion flatterten auf ein Interview mit PR-Berater Klaus J. Stöhlker geharnischte Kommentare ins Haus. Darin hatte der PR-Berater die Lobbying-Affäre um FDP-Nationalrätin Christa Markwalder und Burson-Marsteller-Beraterin Marie-Louise Baumann als «allerbesten Frauenfilz» charakterisiert, weil diese bis vor elf Jahren im FDP-Sekretariat gearbeitet hatte. 

Frauenseilschaften in Bern: Ein Stöhlkersches Hirngespinst? Eher nicht, höchstens ein wenig dramatisch formuliert. Tatsächlich gibt es analog zu den «Old Boys Clubs» mittlerweile auch «Old Girls Clubs»: Frauen, deren gemeinsame Vergangenheit weit zurückreicht, die zusammen Karriere gemacht und nun einflussreiche Posten innehaben, in denen sie sich formell oder informell verbunden bleiben und sich gegebenenfalls unterstützen können:

1. Das FDP-Burson-Marsteller-Netzwerk

Marie-Louise Baumann ist die Grand Old Lady des FDP-Burson-Marsteller-Netzwerks. Von 1970 bis 1979 war sie Sektionschefin des Rechtsdienstes der Bundeskanzlei und wechselte danach ins Sekretariat der FDP, wo sie über 20 Jahre lang in verschiedenen Funktionen tätig war. Erst im Jahr 2000 wechselte Baumann in den Kunden-Lobbyismus zu Burson-Marsteller. 

Ihre engste Bezugsperson im Parlament, was das Geschäftliche angeht, dürfte indes nicht Christa Markwalder sein, sondern die FDP-Nationalrätin Corina Eichenberger. Die Aargauerin sitzt zwar erst seit 2007 im Nationalrat, politisierte auf kantonaler Ebene aber bereits seit 1993 für die FDP. Von 1999 bis 2004 präsidierte sie die FDP-Fraktion im Grossen Rat des AKW-Kantons Aargau. Nach ihrer Wahl in den Nationalrat 2007 wurde Eichenberger 2009 folgerichtig Präsidentin des Nuklearforums, der Lobbyorganisation der AKW-Betreiber.

Nuklearforum als Schnittstelle

Und wo hatte das Nuklearforum seine Geschäftsstelle untergebracht? Richtig: Bei Marie-Louise Baumanns Firma Burson-Marsteller. Mittlerweile ist Eichenberger Präsidentin der «Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle» (Nagra) und unterhält immer noch enge Beziehungen zu Baumann.

Diese erhält jedenfalls von Eichenberger einen von zwei Zutrittsbadges zur Wandelhalle des Bundeshauses, den die Parlamentarier an Personen ihrer Wahl abgeben können, wie ein Blick in die Liste der Zutrittsberechtigten des Nationalrats zeigt. In der Liste ist Baumann nicht als Beraterin von Burson-Marsteller aufgeführt, sondern unter «MLB Communications», ihrer eigenen Firma.

Die Dritte und lediglich Juniorpartnerin im Bund ist die deutlich jüngere Christa Markwalder, die 2003 aus dem Burgdorfer Parlament in den Nationalrat einzog. Markwalder rührte als Partei-Exponentin bei den nationalen Wahlen 2007 im ersten separat geführten Frauenwahlkampf der «FDP-Frauen Schweiz» die Werbetrommel mit Erfolg auch für Eichenberger, die dank Markwalders Hilfe den Einzug ins Bundeshaus schaffte.  

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Christa Markwalder, Marie-Louise Baumann, Corina Eichenberger bilder: keystone/linkedin

Als vierte FDP-Frau zählt Alexandra Thalhammer zum FDP-Burson-Marsteller-Netzwerk. Thalhammer arbeitete zwischen 2004 und 2009 auf dem Generalsekretariat der FDP, sitzt zusammen mit Markwalder in der Geschäftsleitung der FDP-Frauen Schweiz und arbeitet seit 2014 mit Baumann bei Burson-Marsteller. Auch Thalhammer verfügt über den Zugangsbadge zur Wandelhalle. Erhalten hat sie ihn von FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. 

2. Das Korrespondentinnen-Netzwerk

Neben der Parteizugehörigkeit kann auch ein gemeinsamer Ex-Arbeitgeber verbinden. Folgende vier Frauen teilten einst ein Büro beim «Tages-Anzeiger» und sind heute in verschiedenen Funktionen in Bundesbern aktiv:

Bettina Mutter

Bild via Dynamics Group

Bettina Mutter, Lobbyistin Dynamics Group, war vor ihrem Eintritt in die Lobbying-Branche 2008 Bundeshaus-Chefin des «Tages-Anzeiger». Zuerst arbeitete Mutter bei Burson-Marsteller, aktuell für die Dynamics Group. Gut vernetzt in Verwaltung, Parlament und Medienszene beherrscht Mutter die Kunst, auf Entscheidungsträger Druck auszuüben und die Interessen ihrer Kunden durchzusetzen

Verena Vonarburg, Direktorin des Verbandes Schweizer Medien, links und Hanspeter Lebrument, Praesident des Verbandes Schweizer Medien, rechts, spricht an der Medienkonferenz des Verbandes im Rahmen des Schweizer Medienkongresses, am Donnerstag, 11. September 2014, in Interlaken. (KEYSTONE/Anthony Anex).

Bild: KEYSTONE

Verena Vonarburg, Direktorin Verband Schweizer Presse, sass als Bundeshauskorrespondentin des «Tages-Anzeiger» zwischen 2004 und 2011 im selben Büro wie Mutter und wechselte dann zur Lobbying-Agentur Furrer Hugi. 

Seit März 2014 ist sie Direktorin des Verbandes Schweizer Presse und damit oberste Lobbyistin der Verleger. Vonarburg bekleidet unauffällig eine Schlüsselrolle in der Auseinandersetzung zwischen der SRG und den Verlegern um staatliche Unterstützung, Unterstützung aus dem Gebührentopf und die Gesetzgebung, ob und wieviel Werbung die SRG-Organe auf Newsplattformen verkaufen dürfen.

Vonarburg ist eloquent und gut vernetzt. Sie setzt im Lobbying auf ehrliche, kontinuierliche Überzeugungsarbeit, gepaart mit höflichen Umgangsformen.

Von links nach rechts: Bundesraetin Doris Leuthard, Dominique Bugnon, Kommunikation UVEK, Walter Steinmann, Direktor Bundesamt fuer Energie und Anetta Bundi, Kommunikation UVEK, schreiten zur Medienkonferenz des Bundesrats, wo sie sich zur Energiestrategie 2050 aeussern werden, am Freitag 28. September 2012, in Bern. (KEYSTONE/Peter Schneider)

Bild: KEYSTONE

Anetta Bundi, die Sprecherin von Bundesrätin Doris Leuthard, arbeitete vor ihrer Tätigkeit im Politbetrieb seit dem Studium als Bundeshauskorrespondentin, zuletzt Seite an Seite mit Mutter und Vonarburg beim «Tages-Anzeiger». Bundi vertritt als Vertraute von Medienministerin Doris Leuthard die Interessen der SRG und damit die gegensätzliche Position ihrer ehemaligen Kollegin Vonarburg. 

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Christina Leutwyler, Sekretärin der Sozialkommission Nationalrat, war in ihrer 16-jährigen Karriere als Journalistin unter anderem Westschweiz- und Bundeshaus-Korrespondentin des «Tages-Anzeiger» und als stellvertretende Inland-Chefin indirekt auch Vorgesetzte von Bundi, Mutter und Vonarburg.

Leutwyler trug in der Medienszene den Spitznamen «Gralshüterin der journalistischen Integrität». Die werteorientierte und stille Schafferin mit Ferienhaus im Tessin wechselte als perfekt dreisprachige Dossierkennerin 2009 zu den Parlamentsdiensten als stellvertretende Sekretärin der Sozial- und Gesundheitskommissionen. 

«Unter Frauen wird anders gesprochen»

Vom Netzwerk der ehemaligen «Tages-Anzeiger»-Korrespondentinnen ist nicht bekannt, dass sie ausser zu gelegentlichen bilateralen Feierabend-Bieren zusammenspannen. Aber immerhin ist es sich nicht in kompletter Feindschaft abgeneigt. Das ist beim FDP-Burson-Marsteller-Netzwerk inzwischen anders. 

Mit der «Old Girls Club»-Solidarität dürfte es nicht mehr weit her sein, seit die Hintergründe der Kasachstan-Interpellation publik wurden. Baumann wäscht ihre Hände in Unschuld und sagt, Markwalder habe alles gewusst. Markwalder ihrerseits bezeichnet Baumanns Vorgehen als «Jenseits»

Nach Einschätzung von Alpha-Parlamentarierin Jacqueline Badran (NR, SP) zu Recht. Baumann habe das Vertrauen Markwalders ausgenützt, das diese ihr entgegengebracht habe, weil sie sich so gut kennen, sagt Badran und: «Markwalder war naiv». 

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