Schweiz
Gesellschaft & Politik

Warum der Abschied aus Bern vielen Politikern schwerfällt

Sesselkleber: Warum der Abschied aus Bern vielen Politikern schwerfällt

Die Amtsältesten sitzen seit über 20 Jahren im Bundeshaus und haben noch nicht genug. Sie bremsen aufstrebende Talente aus.
28.02.2026, 14:2928.02.2026, 14:29
francesco benini / ch media
Leider schon besetzt: Sessel im Nationalratssaal.
Leider schon besetzt: Sessel im Nationalratssaal.Bild: Peter Klaunzer / Keystone

Ein Nationalratssitz verleiht Würde, Ämter und Einkommen. Das sind mindestens drei gute Gründe, warum viele gewählte Volksvertreterinnen und Volksvertreter an ihrem Mandat kleben. Oft länger, als das ihren eigenen Parteien lieb ist. Denn diese möchten junge Kräfte zu prominenten Parteigrössen aufbauen. Und das am liebsten schon ein, zwei Jahre vor den nächsten Wahlen. Also jetzt.

Insofern sind die Sozialdemokraten Eric Nussbaumer und Pierre-Alain Fridez, die nach 19 beziehungsweise 15 Jahren nun ihren vorzeitigen Rücktritt angekündigt haben, leuchtende Beispiele. Andere tun sich schwerer mit Loslassen.

Virulent ist das Thema in der Zürcher Kantonalpartei der FDP. Mit Matthias Müller und Stefan Brupbacher stehen zwei bekannte Freisinnige bereit, in den Nationalrat nachzurücken. Dafür müsste allerdings ein altgedienter Parlamentarier seinen Sitz räumen – doch entsprechende Anstalten macht derzeit niemand.

Hans-Peter Portmann ist seit 2014 Mitglied der grossen Kammer und stellt klar, dass er erst im Herbst 2027 zurücktreten will – nicht früher. Auch bei den beiden anderen langjährigen Nationalräten, Beat Walti und Regine Sauter, sind keine Rücktrittspläne erkennbar.

Hans-Peter Portmann, FDP-ZH, spricht waehrend der Sommersession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 29. Mai 2024 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Wird im Herbst 2027 zurücktreten: Hans-Peter Portmann.Bild: keystone

Möglicherweise wird in einem Jahr ein Sitz frei, falls Andri Silberschmidt in den Zürcher Regierungsrat gewählt wird. Dies würde jedoch erst kurz vor den nationalen Wahlen geschehen.

Auch in der SVP zeichnen sich bislang nur wenige Rücktritte auf 2027 hin ab. Lukas Reimann ist Nationalrat seit 2007 und weist darauf hin, dass er 43 Jahre alt sei. Mit anderen Worten: Warum soll ein Jungspund bereits gehen? Nationalrat Andreas Glarner sagt: «Die meisten halten sich für unersetzbar.» Er gehört dem Parlament seit 2015 an – und dürfte ebenfalls wieder kandidieren.

In der Aargauer SVP gibt es zwar Hürden gegen überlange Amtsdauern. Aber nun heisst es: Die Bestimmungen seien formuliert worden, um unliebsame Kollegen zur Aufgabe zu zwingen. Jetzt brauche es sie nicht mehr.

Nationalrat Andreas Glarner (SVP-AG), links, im Interview mit Matthias Steimer, Bundeshauskorrespondent von TeleZueri, rechts, vor seiner Anhoerung bei der Kommission fuer Rechtsfragen des Staenderats ...
«Die meisten halten sich für unersetzbar»: SVP-Nationalrat Andreas Glarner (AG) dürfte wieder kandidieren.Bild: keystone

Die Begründungen, warum ein Rücktritt vor den Wahlen 2027, geschweige denn ein vorzeitiger, nicht infrage kommt, sind mannigfach. Einige leuchten mehr ein, andere weniger.

Der Partei dienen

Einer der prominentesten Langzeitparlamentarier ist SP-Co-Präsident Cédric Wermuth. Obwohl er gerade erst seinen 40. Geburtstag feierte, sitzt er schon seit 14 Jahren im Parlament. Mit einer Zweidrittelmehrheit haben die Aargauer SP-Delegierten die Amtszeitbeschränkung von 12 Jahren schon 2023 ausgeschaltet, sie werden das 2027 wohl wieder tun. Wie Wermuth der «Aargauer Zeitung» im Oktober sagte, wollen er und seine Co-Präsidentin Mattea Meier die SP Schweiz erneut in die Wahlen 2027 führen. Dafür sei er auf ein Mandat in Bern angewiesen: «Alles andere macht wenig Sinn.»

Mit Parteiinteressen argumentiert auch Jürg Grossen, warum in der GLP vorzeitige Rücktritte nicht angestrebt werden. «Als junge Partei sind wir auf die erfahrenen Kräfte angewiesen.» Viele dieser Routiniers schafften die Wahl 2011, auch Parteipräsident Grossen selbst. Vom Alte-Hasen-Bonus in der jungen GLP könnte auch Martin Bäumle profitieren, gewählt 2003. Er ist einer der Doyens im Bundeshaus.

Martin Baeumle, GLP-ZH, spricht zur Grossen Kammer, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Dienstag, 4. Maerz 2025 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
Über 20 Jahre in Bern: GLP-Nationalrat Martin Bäumle.Bild: keystone

In Bern sagt Christian Wasserfallen, im Amt seit 2007: Um für die FDP den zweiten Sitz zurückzuerobern, brauche es eine Liste mit dem maximal möglichen Stimmenpotenzial: «Von überall her erfahre ich grosse Unterstützung für meine klare Linie.»

Die Dossierkenntnis bewahren

Da ist etwa Markus Ritter, seit 2011 Nationalrat aus St. Gallen, seit 2012 Bauernpräsident und gescheiterter Bundesratskandidat. Er wird 2027 nochmals als Nationalrat kandidieren, wie er bereits angekündigt hat. Die Wiederwahl gilt als sicher. Doch schon Ende 2028 wird er zurücktreten. Auf Ende 2028 laufe auch sein Mandat als Bauernpräsident aus. Zudem stehe zuvor in den eidgenössischen Räten die nächste Agrarreform auf der Traktandenliste, da wolle er noch mitreden, sagt Ritter.

Markus Ritter, Nationalrat Mitte-SG, spricht waehrend einer Medienkonferenz des ueberparteilichen Referendumskomitees mit SVP, Mitte, EVP und EDU sowie Gewerbeverband, Bauernverband und IG "Famil ...
Bleibt bis ein Jahr nach den Wahlen: Markus Ritter.Bild: keystone

Mit Dosierkenntnis argumentiert auch Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter (BL). Ein vorzeitiger Rücktritt sei kein Thema, denn jetzt habe für sie das Europa-Dossier Priorität. Die Aussenpolitikerin und vehemente Befürworterin der Bilateralen III will dieses Geschäft in der parlamentarischen Debatte unbedingt persönlich vertreten. Wie es nach 2027 weitergehe, sei offen.

Genau in der gleichen Situation befindet sich Franz Grüter (SVP), einfach aus gegenteiliger Warte: Er wolle unbedingt bis zur Abstimmung gegen den «Unterwerfungsvertrag» kämpfen, nötigenfalls bis über 2027 hinaus.

Den Parteifreund verhindern

Bei einem vorzeitigen Rücktritt rückt immer auch ein Parteifreund oder eine Parteifreundin nach. Und je nach Sympathie zum Nachrutscher fallen zuweilen Rücktritte leichter – oder eben schwerer. Diesbezüglich Gerüchte gibt es etwa um Leo Müller. Für den Luzerner Mitte-Nationalrat könnte es allenfalls mit eine Rolle gespielt haben, dass der erste Nachrücker nicht überall gleich beliebt ist. Offen zugeben würde das aber niemand. Müller bleibt bis Ende Legislatur – auch weil er noch ein Kommissionspräsidum erhalten hat.

Der scheidende Parteipraesident Gerhard Pfister, Nationalrat Mitte-ZG, im Interview vor der Delegiertenversammlung der Mitte Partei, am Samstag, 28. Juni 2025 in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Lässt die Katze erst 2027 aus dem Sack: Gerhard Pfister.Bild: keystone

Auch ein anderes prominentes Parteiduo gibt Anlass zu Spekulationen: Ex-Mitte-Präsident Gerhard Pfister und Peter Hegglin, Mitte-Ständerat. Beide aus Zug. Pfister ist schon jetzt amtsältester Nationalrat, er zog 2003 ins Parlament ein. Wie geht es für ihn weiter? Auf Anfrage teilt er mit: «Kommunikation dazu an der Dreikönigskonferenz der Mitte Kanton Zug am 6. Januar 2027». Pfister werden Ambitionen auf Hegglins Ständeratssitz nachgesagt. Was diesen veranlassen könnte, eine Legislatur anzuhängen, um Pfister auszubremsen – wie aus der Mitte selbst kolportiert wird.

Das Rennen offen halten

Aus rein taktischen Gründen harrt derweil Nationalrat Peter Schilliger noch bis 2027 im Amt aus: In Luzern hat seine FDP nur einen Sitz. Doch schon jetzt haben mehrere Prominente Interesse an einer Kandidatur signalisiert. Unter ihnen der ehemalige Armeechef Thomas Süssli und Herzchirurg Thierry Carrel. Wenn alle wissen, dass der Sitz frei wird, aber niemand vom Bisherigen-Bonus profitiert, werden alle Kandidaten im Wahlkampf Vollgas geben, so das Kalkül. Wahlkampfleiter ist – Peter Schilliger.

Peter Schilliger, FDP-LU, spricht an der Fruehlingssession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 8. Maerz 2017, im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Vollgas im Wahlkampf: FDP-Naionalrat Peter Schilliger (LU).Bild: KEYSTONE
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17 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Garp
28.02.2026 14:56registriert August 2018
Ich hätte nun lieber aufstrebende Talente, aller Parteien kennen gelernt, Herrr Benini. Wenn die Medien nur über die Alten berichtet, lernen die Wähler, die jungen Talente ja nie kennen.
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Ameo
28.02.2026 15:30registriert Oktober 2025
Ob in Bundeshaus oder sonst im Berufsleben. Wer eine angenehme Stelle gefunden hat, bleibt meist so lange wie möglich kleben.
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equus asinus
28.02.2026 15:16registriert November 2023
Ich bin nicht Fan davon, wenn Politiker während der Legislaturperiode aufhören.
Man ist für vier Jahre gewählt und macht die grundsätzlich fertig. Dann gibt es auch keine Spielchen mit nachrücken. Und es sitzt nur in Bern, wer auch tatsächlich gewählt wurde.
Würde jemand wiedergewählt, wenn klar wäre, dass er/sie nur 2 Jahre macht? Ich würde eine solche Person wegpanaschieren.
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