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Gesellschaft & Politik

Coop und Migros verpassen Klimaziele ohne Reduktion von Tierprodukten

Greenpeace: Coop und Migros verpassen Klimaziele, wenn Tierprodukte nicht reduziert werden

Ohne Reduktion tierischer Produkte verpassen Migros und Coop ihre Klimaziele. Das sagt eine neue Analyse von Greenpeace. Die Hintergründe.
26.06.2024, 06:1826.06.2024, 07:22
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Das Ziel von Migros und Coop: Netto-Null bis spätestens 2050.

Doch wie wollen die beiden Detailriesen diese ambitionierten Klimaziele erreichen?

Für Greenpeace ist klar: Migros und Coop erreichen ihre Klimaziele nicht, wenn sie weiterhin so viel Fleisch, Fisch, Milch und Eier verkaufen.

Die Migros weist für das Jahr 2023 Gesamtemissionen von 15,3 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente aus, bei Coop belief der Treibhausgas-Ausstoss 30,3 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Gemäss Analyse von Greenpeace gehe rund 30 Prozent der Treibhausgase über den Ladentisch.

Wie ist ein solch grosser Unterschied der Gesamtemissionen möglich? Greenpeace sagt gegenüber watson: «Wir wissen nur teilweise, woran das liegt: Der Unterschied liegt hauptsächlich in der Kategorie Eingekaufte Güter und Dienstleistungen. Migros weist da 10,9 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente, Coop 24,2 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente.» Coop mache mehr Umsatz im Mineralölgeschäft (Heizöl, Diesel, Benzin) und den Geschäftssegmenten mit vielen Nahrungsmitteln.

«Dennoch ist für uns nicht schlüssig erklärbar, wie ein solcher Unterschied bei fast gleichen Gesamtumsätzen und ähnlichen Umsätzen aus dem Verkauf von Lebensmitteln möglich ist. Da würden wir uns eine transparentere Klimaberichterstattung wünschen», so die Umweltorganisation.

Massgebend für die Emissionen verantwortlich sind Tierprodukte. Bei Coop verursachen tierische Lebensmittel fast die Hälfte der Gesamtemissionen, also insgesamt 14 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente.

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Greenpeace fordert, dass pflanzliche Produkte mehr gefördert werden.Bild: KEYSTONE

Migros publiziert keine Zahlen nach Produktgruppen. Die Umweltorganisation schätzt aber, dass Tierprodukte rund 31 bis 43 Prozent aller Emissionen der Migros-Gruppe ausmachen.

Das Sortiment an Tierprodukten der beiden Detailhändler ist demnach ein grosser Hebel, um Treibhausgasemissionen zu reduzieren.

Klimaschutz durch reduzierten Fleischkonsum

Das sieht auch Greenpeace so: «Das grösste Potenzial, um die Emissionen zu reduzieren, liegt bei tierischen Produkten. Am meisten reduzieren liessen sich die Emissionen durch die Veränderung der Ernährungsweise beziehungsweise des Konsumverhaltens.»

Verschiedene Studien rechnen durch vegetarische Ernährung, weniger Fleischkonsum oder dem Wechsel auf Geflügelfleisch mit einem Reduktionspotenzial von 20 Prozent. Dabei gilt es zu erwähnen, dass die gross angelegte Hühnerhaltung für die Schweiz nicht geeignet ist, da Masthühner stark von Kraftfutter wie Soja abhängig sind. Der Anbau von Kraftmittel konkurrenziert die menschliche Ernährung. So müssten grosse Mengen importiert werden – was wiederum zu Emissionen führt.

«Es führt kein Weg an einer Reduktion des Tierprodukt-Sortiments vorbei, wenn die Unternehmen ihre Klimaziele ernst nehmen.»
Greenpeace

Die Vermeidung von Lebensmittelabfällen ist ein weiteres Reduktionspotenzial. Gemäss Greenpeace-Analyse könnten mit weniger Lebensmittelabfällen rund 5 bis 7 Prozent Emissionen gespart werden.

Konsummuster – grösstes Potenzial zur Emissionsreduktion

Die Umweltorganisation schlussfolgert: «Etwa die Hälfte des gesamten Reduktionspotenzials der Treibhausgasemissionen aus der Lebensmittel-Landwirtschaft lässt sich einzig durch einen veränderten Konsum erreichen.»

Die Verantwortung liegt Greenpeace zufolge aber nicht nur beim Konsumenten. «Das Ausschöpfen der Reduktionspotenziale hängt von den Anstrengungen aller Akteur:innen entlang der Wertschöpfungskette ab», so Greenpeace. Der Detailhandel trage eine besondere Verantwortung, da er durch die Sortiments- und Preisgestaltung, die Produktplatzierung und Werbung das Konsumverhalten massgeblich beeinflussen kann.

Zwar kommen immer mehr vegane Produkte auf den Markt, doch eine Online-Stichprobe von Greenpeace zeigt, dass vegane Produkte nur einen kleinen Anteil des Sortiments ausmachen. Am Stichtag hat Coop 1300 Fleisch- und Fischprodukte angeboten, nur 7 Prozent davon waren vegane Alternativen. Von 639 Fleisch- und Fischprodukten bei der Migros, waren 9 Prozent vegan.

«Coop und Migros dürfen die Klimaverantwortung nicht länger an ihre Kund:innen abschieben. Unsere Analyse zeigt, dass die Detailhändler weniger Tierprodukte verkaufen müssen, wenn sie ihre Klimaziele ernst nehmen», sagt Barbara Wegmann, Konsumexpertin von Greenpeace gegenüber watson.

Tierische Produkte werden stärker gefördert als pflanzliche

Greenpeace kritisiert vor allem, dass die beiden Detailhändler hunderte Millionen Schweizer Franken in Werbung investieren und aggressive Rabattschlachten auf Fleisch und Fisch führen. Der Analyse zufolge gab Coop 2021 sechsmal mehr Geld für die Werbung tierischer Produkte aus als für vegane Ersatzprodukte. Bei Migros seien es dreimal mehr gewesen.

Die Umweltorganisation fordert, dass pflanzliche Produkte mehr gefördert werden, Werbung und Rabatte von tierischen Produkten gestoppt und das Sortiment reduziert wird.

Ob eine Reduktion tierischer Produkte notwendig ist, um die Klimaziele zu erreichen, darauf gibt Coop gegenüber watson keine Auskunft. Coop führe das breiteste Sortiment an vegetarischen und veganen Produkten. Dies werde kontinuierlich ausgebaut, heisst es seitens des Unternehmens. Ausserdem würde eine Vielzahl von Aktionen auf nachhaltige Label-Produkte durchgeführt werden. Beim Fleisch setzte Coop auf Aktionen, um das ganze Tier, also von der Nase bis zum Schwanz, zu vermarkten und Food Waste zu verringern.

Und weiter: «Wir setzen uns auch vielseitig für einen nachhaltigen Fleischsektor ein. So unterstützen wir beispielsweise seit Jahren den Aufbau der Sojaproduktion im nahen Europa. Ebenfalls arbeiten wir an einem Versuch zur Reduzierung der Methanemissionen durch Futtermittelzusätze in der Rindfleischproduktion.»

Die Migros-Gruppe arbeite ebenfalls an einer Vielzahl von Massnahmen zur Reduktion der Emissionen. «Das Ernährungssystem bildet lediglich einen Teil der Klimaziele ab», teilt die Migros auf Anfrage von watson mit. «Die Migros investierte zum Beispiel 2022 überproportional in V-Love. Und auch im laufenden Jahr werden wir das pflanzliche Sortiment weiter ausbauen.»

«Wenn wir Fleischwerbung schalten, tun wir dies mit Fokus auf den Mehrwert des Produktes und um Menschen, die sowieso Fleisch kaufen möchten, daran zu erinnern, dass sie ihr qualitativ einwandfreies Schweizer Fleisch in der Migros finden.»
Migros

Weiter heisst es: «Wir müssen der Realität ins Auge schauen: Nach wie vor möchte die grosse Mehrheit der Kundschaft zumindest gelegentlich Fleisch konsumieren. Die Nachfrage nach Poulet zum Beispiel ist in der Schweiz steigend. Daher sind Kommunikationsmassnahmen auch wichtig, da wir sonst Kund:innen verlieren würden, welche ihre Bedürfnisse zumindest zum Teil mit ausländischen Produkten abdecken würden, wo das Tierwohl vielerorts nicht so hochgehalten wird, wie in der Schweiz.»

In der Migros soll jede und jeder einkaufen dürfen. Dementsprechend schaltet das Unternehmen Werbung für alle.

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294 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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mountaineer
26.06.2024 05:25registriert November 2016
«Coop und Migros dürfen die Klimaverantwortung nicht länger an ihre Kundinnen und Kunden abschieben.»

Auf gut Deutsch: Greenpeace will, dass Coop und Migros und vorschreiben, was wir zu kaufen und zu essen haben. 🤪

Nein, danke!
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SBRUN
26.06.2024 04:26registriert September 2019
Und die rund 1.7 Mio Hauskatzen in der Schweiz, jede braucht rund 100g Fleisch pro Tag, bis auf Weiteres kein Thema?
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Waldorf
26.06.2024 05:32registriert Juli 2021
Aber alle essen natürlich nur das glückliche Chüehli vom Weideland des lokalen Bauern.
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