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Die Somalierin Aicha Ali engagiert sich in der Schweiz.
Quelle: Chris Iseli

«Beschneidungen geschehen im Verborgenen»: In der Schweiz leiden 15'000 Frauen unter Genitalverstümmelung

Weltweit sind Millionen von Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Alleine in der Schweiz leben 15'000 beschnittene Frauen. Die Somalierin Aicha Ali will junge Frauen davor beschützen – weil sie selber nur zu gut weiss, was es bedeutet.

Annika Bangerter / Aargauer Zeitung



Ein Model hat das Schweigen gebrochen. In ihrem Bestseller «Wüstenblume» erzählt Waris Diries, wie sie als Fünfjährige beschnitten wurde: ohne Narkose, mit einem Stück Wurzeln zwischen den Zähnen.

Ihre Mutter hielt sie von hinten an den Schultern fest, während die Beschneiderin mit einer Rasierklinge ihr die Klitoris, innere und äussere Schamlippen abschnitt. Die Wunde nähte sie zu einem winzigen Loch zusammen. Davon berichtete sie vor rund 20 Jahren erstmals in einem Interview. Heute gilt sie als die berühmteste Aktivistin gegen weibliche Genitalverstümmelung: Sie hält Vorträge, initiiert Aufklärungsprogramme, hilft Betroffenen.

Bundesrat wird aktiv

Im kleineren Rahmen leistet Aicha Ali aus dem bernischen Lyss ähnliches. Als interkulturelle Vermittlerin arbeitet sie für das Präventions- und Beratungsprogramm von Caritas, das Mädchenbeschneidung in der Schweiz bekämpft.

Es ist ein Thema, das durch die Migration auch in der Schweiz an Aktualität gewonnen hat. Schätzungen gehen davon aus, dass hierzulande rund 14'700 betroffene oder gefährdete Frauen und Mädchen leben.

Sie kommen vor allem aus Somalia, Eritrea, Äthiopien und dem Sudan. Ende Oktober hat deshalb der Bundesrat beschlossen, die Massnahmen gegen weibliche Genitalverstümmelung zu verstärken. In den nächsten Jahren will er ein Netzwerk mit verschiedenen, bereits aktiven Organisation finanziell unterstützen.

Für Aicha Ali ist das ein wichtiges Signal: «In der Schweiz braucht es ein grösseres Engagement.» Die gross gewachsene Frau mit dem modisch geknüpften Kopftuch beschreibt ihre Arbeit als Herzensangelegenheit.

125 Millionen Frauen betroffen

Weltweit sind nach Schätzungen von Unicef rund 125 Millionen Mädchen und Frauen Opfer von Genitalverstümmelungen. Davon gibt es verschiedene Formen: die Vorhaut der Klitoris kann eingestochen, geritzt oder weggeschnitten werden. Bei der drastischen Form werden zudem die äusseren Genitalien entfernt und die Vaginalöffnung auf Himbeergrösse zugenäht. Die meisten Staaten verbieten die Beschneidung von Mädchen. Seit über 22 Jahren gilt das Ritual als Menschenrechtsverletzung. Trotzdem ist es besonders im westlichen und nordöstlichen Afrika immer noch weit verbreitet wie etwa in Ägypten, Somalia, Äthiopien oder Mali. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die genitale Verstümmelung auch in Europa praktiziert. Es galt als Therapie von Hysterie, Melancholie oder Homosexualität.

Am Mittwoch startet die Aktion «16 Tage gegen Gewalt an Frauen».

Sie spricht ruhig, aber bestimmt darüber. Mit ihren schlanken Fingern unterstreicht sie ihre Worte. Wie Waris Dirie stammt sie aus Somalia. Wie das Model wurde auch Aicha Ali in ihrem Herkunftsland beschnitten. Sechs Jahre alt war sie. Mehr möchte sie dazu nicht sagen, nur: «Ich hatte grosse Schmerzen als Mädchen, als verheiratete, als schwangere, als gebärende Frau. Das will ich anderen ersparen.»

«Viele wissen gar nicht, was für Schmerzen eine Frau durchmacht.»

Aicha Ali

Deshalb besucht die fünffache Mutter Somalierinnen in Asylheimen, in Kulturvereinen und zu Hause. Sie lebt seit 18 Jahren in der Schweiz. Um Vertrauen zu schaffen, beantwortet die Präventionsarbeiterin bei den ersten Besuchen Alltagsfragen, zeigt günstige Einkaufsmöglichkeiten, dolmetscht.

«Erst wenn wir uns besser kennen, spreche ich mit den Menschen über Beschneidungen. Ich erkläre ihnen, dass das Ritual in der Schweiz streng verboten ist, dass die Eltern dafür im Gefängnis landen können. Zudem zeige ich auf, wie die Beschneidungen mit Krankheiten oder gar Todesfällen zusammenhängen. Das wissen viele nicht, das Thema ist ein grosses Tabu.»

Väter wie Mütter informiert sie: Es gelte auch das Denken der Männer zu ändern. «Viele wissen gar nicht, was für Schmerzen eine Frau durchmacht», sagt Aicha Ali.

Angst und Scham

Bereits beschnittene Frauen oder Mädchen versucht sie, zu einem Arztbesuch zu motivieren. Viele liessen sich noch nie untersuchen. Zu gross ist die Angst und Scham. Diese Hürde kennt auch Annette Kuhn.

Die Gynäkologin bietet am Inselspital Bern spezielle Sprechstunden für beschnittene Frauen an. Es brauche eine sensible Annäherung an die Patientin. Eine Untersuchung sei häufig erst bei der zweiten Sprechstunde möglich, sagt sie.

Pro Jahr behandelt Annette Kuhn um die 30 neue Patientinnen. «Ihre Probleme sind vielfältig: Einige möchten Kinder, haben aber grosse Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, andere leiden bereits beim Urinieren», sagt sie.

In ihren Sprechstunden rät die Gynäkologin den Frauen zur Defibulation. Dabei öffnet sie mit einem Laser die verwachsenen Genitalien. «Das Ziel des Eingriffes ist, eine möglichst normale Anatomie wiederherzustellen. Das funktioniert natürlich nicht, wenn die Genitalien abgeschnitten sind.

Durch die Öffnung können die Frauen aber immerhin wieder normal Wasser lösen und den Geschlechtsverkehr schmerzfrei erleben», sagt Kuhn.

Um die 90 Prozent ihrer Patientinnen entscheiden sich dazu. Die Rückmeldungen seien überwiegend positiv. Regelmässig berät die Ärztin auch schwangere Frauen, die beschnitten sind. «Geburten sind in der Schweiz ohne erhöhtes Gesundheitsrisiko für die Mütter und Kinder möglich», sagt Annette Kuhn.

«Beschneidungen geschehen im Verborgenen. Sie werden aber auch in Europa durchgeführt.»

Aicha Ali

Allerdings komme es häufiger zu Kaiserschnitten, weil die Untersuchungen während der Schwangerschaft schwierig durchführbar sind. Und was passiert nach der Geburt? «Auch wenn es eine Frau wünscht, wir nähen ihre Genitalien nicht wieder zusammen. Wir versorgen nur die Geburtsverletzungen», sagt Annette Kuhn.

Ihre Patientinnen sind Migrantinnen, die erst seit kurzem oder bereits mehrere Jahre in der Schweiz leben. Frauen, die in der Schweiz beschnitten wurden, hat sie bislang keine getroffen.

Im Denken tief verankert

Das erstaunt Aicha Ali nicht: «Beschneidungen geschehen im Verborgenen. Sie werden aber auch in Europa durchgeführt.» Das Ritual sei tief im Denken ihrer Landsleute verankert. Sie umzustimmen, brauche Zeit und Geduld, sagt sie.

Für ihre Arbeit erhält sie viel Kritik und muss so manche Anfeindung wegstecken. «In Somalia haben die Menschen keinen Respekt vor unbeschnittenen Frauen. Sie finden dort kaum einen Ehemann.» Diese Sorge teilen auch Familien in der Schweiz. Erfährt sie von diesen Ängsten, zückt Aicha Ali ihre wichtigsten Joker: Sie erzählt von ihren vier Töchtern. Alle körperlich unversehrt, selbstbewusst, gut integriert.

Wie viele Mädchen in der Schweiz tatsächlich gefährdet sind, ist unklar. Verlässliche Zahlen fehlen. Organisationen, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung engagieren, fordern deshalb ein schweizweites Monitoring, wobei Ärzte und Spitäler Fallzahlen erheben.

«Wir müssen die Faktenlage klären. Dafür braucht es eine nationale Strategie», sagt Marisa Birri von «terre des femmes».

Für sie gibt es in der Schweiz in Bezug auf die weibliche Beschneidung noch einiges zu tun: Beratungsstellen für Betroffene, die Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen wie Kinderärzten oder Gynäkologen, Richtlinien für die Spitäler im Umgang mit den Betroffenen und ein Ausbau der Präventionsarbeit, wie sie Aicha Ali macht.

Sie, die in Somalia davon träumte, als Anwältin zu arbeiten, wurde dies in der Schweiz für zahlreiche Mädchen und Frauen. (aargauerzeitung.ch)

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