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In Dänemark setzt man mittlerweile auf das Prinzip Herdenimmunität.
In Dänemark setzt man mittlerweile auf das Prinzip Herdenimmunität. Bild: keystone
Analyse

Dänemark warnt vor Corona-Panikmachern – doch die Durchseuchung wirft Fragen auf

In Dänemark steigen auch nach der Aufhebung der Massnahmen die Covid-Zahlen massiv an. Die Regierung warnt hingegen vor Fake News. Was ist da los?
22.02.2022, 12:0723.02.2022, 12:19
Reto Fehr
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In Dänemark darf man sein Smör­re­bröd seit dem 1. Februar wieder überall geniessen – ob geimpft oder nicht. Vor bald einem Monat hat die dänische Regierung beschlossen, Corona nicht mehr als «gesellschaftsgefährdende Krankheit» einzustufen. Damit war es der Regierung auch nicht mehr erlaubt, Restriktionen aufrechtzuerhalten.

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Dänemark war damit dem Rest Europas einen Schritt voraus – wie so oft in dieser Pandemie. Die Vorreiterrolle hat jedoch zur Folge, dass die Entwicklung des skandinavischen Landes von aller Welt mit Argusaugen beobachtet wird.

Ganz zum Missfallen der dänischen Regierung. Das staatliche Seruminstitut veröffentlichte letzte Woche eine Art Faktencheck mit der Überschrift «Typische Fehlinformationen über dänische Covid-Zahlen». Darin wird der Vorwurf erhoben, dass sowohl «dänischsprachige als auch nicht-dänischsprachige Menschen Fehlinformationen über die Medien im Allgemeinen und die sozialen Medien im Besonderen verbreiten». Der Faktencheck ist nicht an die Corona-Leugner adressiert, sondern an vermeintliche Panikmacher.

Bei genauerer Betrachtung der Statistiken wird klar, woher die Anschuldigungen kommen. Trotzdem scheint die Lage im Land fragiler, als es der Faktencheck vermuten lässt.

Wie ist die momentane Lage?

Zuerst ein Blick auf die nackten Zahlen. Also jene, die das Seruminstitut als unvollständig kritisiert. Die gemeldeten Neuinfektionen pro Million Einwohner haben seit Jahresbeginn ungeahnte Höhen erreicht. Im 7-Tageschnitt pro Million Einwohner verzeichnet Dänemark rund dreimal so viele Infektionen wie die Schweiz. Dabei ist jedoch anzumerken, dass die Dunkelziffer in Dänemark tiefer liegen dürfte als in der Schweiz.

In den letzten Tagen stabilisierten sich die Neuinfektionen, es ist jedoch noch mit Nachmeldungen zu rechnen. Daten aus Abwasserkontrollen deuten zudem darauf hin, dass die Welle noch nicht gebrochen ist.

Teilt man die Neuinfektionen auf die jeweiligen Altersklassen (die genau gleiche Einteilung ist aufgrund unterschiedlich gelieferter Daten nicht möglich) auf, so lassen sich keine grossen Unterschiede zwischen Dänemark und der Schweiz feststellen.

Anders sieht es bei den Hospitalisationszahlen aus. Im Schnitt werden in Dänemark rund zehnmal so viele Menschen hospitalisiert als in der Schweiz. Auch im Vergleich zur Deltawelle im Winter 2021 werden mehr als doppelt so viele Menschen hospitalisiert.

Auf den Intensivstationen dreht sich das Bild: In Dänemark liegen pro Million Einwohner rund sieben Covid-Kranke in Intensivbetten, in der Schweiz sind es rund 20. Während die Anzahl in der Schweiz jedoch stetig sinkt, erhöht sie sich in Dänemark leicht.

Am eindrücklichsten sind jedoch die Todeszahlen: Hier hat Dänemark mittlerweile den Peak der Winterwelle letzten Jahres überschritten. Dies, obwohl rund 81 Prozent aller Einwohner mindestens zweimal und fast 62 Prozent dreimal geimpft sind. In der Schweiz sind es 69, respektive 41 Prozent.

Wieso warnt Dänemark vor Fake News?

Soviel zu der Ausgangslage. Die Zahlen sind auf den ersten Blick beunruhigend, vor allem die Todesstatistik lässt in- und ausländische Medien und Experten aufhorchen. So schrieb der bekannte US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding zum Beispiel auf Twitter, dass die Regierung Dänemarks mit ihrer Öffnungsstrategie komplett den Verstand verloren hätte.

Das staatliche Seruminstitut wollte dies nicht auf sich sitzen lassen. Im bereits erwähnten Faktencheck bezichtigt man die Kritiker der Verbreitung von Falschinformationen.

So würden die offiziellen Hospitalisations- und Todeszahlen nur einen Teil der Wahrheit abdecken. Tatsächlich seien diese Zahlen so hoch, weil mehr Menschen mit statt wegen Covid hospitalisiert werden und sterben. Wir erinnern uns: Dieselbe Diskussion gab es bereits in der Schweiz. Seit kurzem unterscheidet das BAG in ihren Statistiken zwischen Menschen, die mit Covid ins Spital eingeliefert werden und solchen, die wegen Covid hospitalisiert werden. Dänemark tut dies (noch) nicht so detailliert.

Gemäss dem Seruminstitut werden lediglich 60 Prozent der hospitalisierten Personen wegen Covid-19 eingeliefert. Dieser Anteil sei seit Herbst gesunken. Die restlichen 40 Prozent haben andere Gründe, wurden zusätzlich aber positiv getestet.

Das deckt sich ungefähr mit den Zahlen der Schweiz. Momentan werden hierzulande gut 48 Prozent der Patienten wegen Corona eingeliefert, 33 Prozent mit. Bei rund 18 Prozent ist der wahre Grund unbekannt.

Die bereinigten Zahlen ändern dementsprechend nichts an der Tatsache, dass die Hospitalisationen in Dänemark rund zehnmal höher liegen als in der Schweiz.

Gleiches gilt für die Todesfälle. Dänemark stellt sich auf den Standpunkt, dass die Anzahl Tote in Relation zu den Infektionszahlen sinkt. Zudem sei auch hier unklar, wie viele der Betroffenen tatsächlich wegen Corona gestorben sind. Laut dem Seruminstitut ist die Gesamtsterblichkeit in Dänemark seit Anfang Jahr rückläufig; allerdings zeigen die Daten für den Beginn dieses Monats immer noch eine Übersterblichkeit an. Auch hier gilt allerdings: Dänemark steht mit diesem statistischen Problem nicht alleine da.

Die nicht ausgewiesene Divergenz zwischen echten Covid-Patienten und solchen, die nur nebenbei positiv waren, erklären die hohen Hospitalisierungs- und Todeszahlen also nur zum Teil. Anderen Ländern ergeht es nämlich nicht anders. Natürlich verstärkt sich der Effekt, je höher die Virulenz ist. Ganz erklären lässt es sich damit aber nicht.

Steckt BA.2 dahinter?

Wie aber dann?

Die Anzeichen verdichten sich, dass der Omikron-Subtyp BA.2 eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Hellviolett steht für den Omikron-Subtyp BA.2
Hellviolett steht für den Omikron-Subtyp BA.2bild: covariants.org

Während im Grossteil Europas noch die «originale» Omikron-Variante BA.1 vorherrschend ist, gehen in Dänemark bereits rund 93 Prozent der neuen Fälle auf das Konto von BA.2. Zum Vergleich: In der Schweiz sind es derzeit rund 20 Prozent.

Hellviolett steht für den Omikron-Subtyp BA.2
Hellviolett steht für den Omikron-Subtyp BA.2bild: covariants.org

BA.1 und BA.2 unterscheiden sich ziemlich deutlich, nämlich in 17 Mutationen. Das ist ein grösserer Unterschied als zwischen dem Wildtypen aus Wuhan und Alpha (britische Variante), die in der Schweiz zum ersten Mal innert kürzester Zeit dominant wurde. Die Autoren einer ersten nicht peer-reviewten Studie aus Japan fordern deswegen, dass BA.2 einen eigenen Namen im griechischen Alphabet kriegen sollte.

Weiter kam die Studie zum Ergebnis, dass BA.2 sich 1,4 Mal schneller verbreitet als BA.1. Bei Infektionsversuchen mit Hamstern stellte sich zudem heraus, dass BA.2 schwerer krank macht. Versuche mit Hamster lassen sich allerdings nicht direkt auf den Menschen übertragen. Trotzdem ziehen die Forschenden ein eher ernüchterndes Fazit: «Unsere Untersuchungen legen nahe, dass das Risiko von BA.2 für die globale Gesundheit potenziell höher ist als das von BA.1.»

Mittlerweile hat BA.2 sogar einen weiteren Subtyp hervorgebracht, der noch auf den kryptischen Namen «ORF1a:M85» hört. Dieser soll noch ansteckender sein. Da ist aber noch zu wenig bekannt.

Wie sieht die Situation also wirklich aus?

Diese Daten zeigen, wie fragil die momentane «Normalität» ist. Die Durchseuchung sorgt für eine hohe Immunität in der Bevölkerung. Diese soll – und hier sind sich die meisten Experten einig – die Pandemie letztlich beenden. Gleichzeitig ist es aber auch ein Spiel mit dem Feuer. Was ist mit Long Covid? Was ist mit jenen Menschen, die sich nicht impfen lassen können? Und vielleicht am wichtigsten: Wie lange wird es gehen, bis die hohe Virulenz neue, potenziell gefährlichere Varianten aufbringt?

Darauf gibt es momentan keine Antworten. Wie viel ein Land bereit ist, für die Freiheit seiner Bürger zu bezahlen, ist zudem eine ethische Frage, die sich nicht nur Dänemark stellen muss. Die Antwort Dänemarks unterscheidet sich denn auch nicht von jenen in Deutschland, Frankreich oder der Schweiz: Solange das Gesundheitssystem nicht kollabiert, ist alles gut.

Dänemark setzt dabei gezwungenermassen auf das Prinzip Hoffnung. Es ist das Los eines jeden Vorreiters: Man kann sich nirgends orientieren. Im Gegenteil: Man schafft Orientierung. Und dafür ist kaum ein Land so gut geeignet wie Dänemark mit seiner hervorragend immunisierten Bevölkerung.

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quelle: keystone / frank gunn
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157 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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G3r1
22.02.2022 12:26registriert August 2016
Guter Artikel, aber "Herdenimmunität" sollte im Zusammenhang mit Covid19 vorläufig wirklich nicht mehr verwendet werden: Es gibt keinerlei Anzeichen, dass Impfung oder Genesung länger als ein paar Wochen vor Ansteckung schützen. Womöglich verlaufen Vielfachinfektionen jedesmal etwas milder, vielleicht häufen sich Schäden an; das wissen wir noch nicht -- aber wir sehen nirgends auf der Welt etwas wie die Herdenimmunität, wie wir sie hier gegen Windpocken hatten.
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m:k:
22.02.2022 14:04registriert Mai 2014
Nach diesen zwei Jahren Pandemie scheint es als könne niemand mehr normal und nüchtern über das Thema reden. (Könnte natürlich auch sein, dass es für Online-Medien lebenswichtig ist, immer möglichst schrille Stimmen auszuwählen um die Wut und somit die Klickrate hochzuhalten). Entweder fürchten sich die einen vor einer Gates/Soros/Berset-Diktatur oder aber haben das Gefühl man könne den Virus aushungern, wenn wir bis in alle Ewigkeiten härteste Massnahmen haben.
Die Diskussion wird dann mit lächerlichen Hashtags geführt wie: #ImpftEuchInsKnie oder #SwissHungerGames
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Raber
22.02.2022 13:10registriert Januar 2019
Faktencheker gegen Angstmacher könnten wir in der CH auch gut brauchen...
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157
Überblick beim Schweizer «House of Cards» verloren? 5 Punkte zu Berset, Crypto AG und Co.
Eine kleine Amtsgeheimnisverletzung hat grosse Strafermittlungen ausgelöst. Viele Details sind noch unbekannt, in den Berichten darüber fallen aber die Namen von Berset, Cassis, Mörgeli und Co.. Wir ordnen die Fakten ein.

Im und ums Bundeshaus herum findet zurzeit eine regelrechte Schlammschlacht statt. Laut «NZZ am Sonntag» ist die Affäre derart pikant, dass sie mit der preisgekrönten Serie «House of Cards» verglichen werden kann. Darin spielt Kevin Spacey einen US-Politiker, der sich mit allen Mitteln an der Macht halten will. Selbes soll sich nun auch im Bundeshaus abspielen, wobei niemand weniger als Bundesrat Alain Berset, sein langjähriger Sprecher und andere Bundesangestellte in die Affäre verwickelt sein sollen. Auf den Nebenschauplätzen gebe es Journalistinnen, die Crypto AG und eine grosse Portion Missgunst.

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