Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Aerial view of the annual technoparade

Der orange Rucksack verstörte die Partymeute an der Street Parade. Bild: KEYSTONE

Interview

«Er ist von Hass beseelt» – das sagt Forensiker Knecht zum Street Parade-«Bomber»

Ein 31-jähriger Deutscher hat am Samstag an der Street Parade die Besucher mit einer Bomben-Attrappe in Angst und Schrecken versetzt. Warum tat er das? Der Forensiker Thomas Knecht erklärt die Hintergründe.



Er versetzte Tausende in Angst und Schrecken: Der orange Rucksack, der am Samstag während der Street Parade am Utoquai entdeckt wurde. Die Polizei räumte darauf das Gebiet grossräumig. Spezialisten stellten den Rucksack mithilfe von Entschärfungsrobotern sicher. Später kamen sie zum Schluss: «Es handelte sich dabei um eine sehr echt wirkende Attrappe von Rohrbomben», wie die Kantonspolizei in einer Mitteilung schreibt.

Die «sehr aufwändigen und intensiven» Ermittlungen führten zu einem 31-jährigen Deutschen, der am Sonntagabend im Kanton Aargau verhaftet wurde.

Das Motiv für den Bau der Bombenattrappe und das Deponieren des Rucksacks an der Street Parade ist noch unklar. Es sei jedoch «kein ideologischer Hintergrund» für die Tat erkennbar.

Der forensische Psychiater Thomas Knecht vom Spitalverbund Appenzell Ausserrhoden erklärt im Interview mögliche Beweggründe für eine solche Tat.

Herr Knecht, eine Bombenattrappe platzieren und Tausende in Schrecken versetzen – warum tut jemand so etwas?
Thomas Knecht: Für mich sieht es so aus, als wollte der Täter ein inneres persönliches Bedürfnis befriedigen. Er wollte eine gross angelegte psychologische mediale Wirkung erzielen und die Gesellschaft erschüttern. Das ist eine besondere Form von Selbstbestätigung. Er will so beweisen, dass er auch noch da ist und etwas zu sagen hat. Häufig ist das eine Kompensation von Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit.

Was löst die Tat in ihm aus?
Ich nenne dieses Verhalten das Rumpelstilzchen-Syndrom: ‹Ich weiss mehr als die und darum sind sie jetzt so aufgewirbelt.› Ihn beflügelt also die hämische Freude darüber, es geschafft zu haben, andere aufzuschrecken. Auch kann ich mir vorstellen, dass er unter dem Münchhausen-Syndrom leidet: Isolierte Menschen, die keine menschliche Zuwendung erfahren und sich deswegen wünschen, dass sich jemand um sie kümmert. Sie sehen dann im Extremfall sogar die Verhaftung als Streicheleinheit.

Können Sie sich auch noch eine andere Motivation für die Tat vorstellen?
Es ist nicht bewiesen, dass es ein isolierter Einzeltäter ist. Was ich mir auch vorstellen kann, ist, dass er Teil einer Gruppe, zum Beispiel in einem Internet-Forum, ist und sich diese zur Tat hochgeschaukelt hat. Er wäre dann sozusagen «the man», der die Tat umsetzt.

Warum hat er Attrappen verwendet?
Vermutlich hat er die Tötungshemmung nicht überschritten. In diesem Fall wäre er zwar von Hass beseelt aber der Psychoterror hat ihm gereicht. Die andere Variante wäre, dass er schlechtweg technisch inkompetent war, eine richtige Bombe zu bauen. So musste er sich mit dem psychischen Knalleffekt zufrieden geben. Es muss nun dennoch abgeklärt werden, wie weit er fortgeschritten war: Ob er dabei war, Chemikalien zu beschaffen und ob er schon kleinere Bomben gezündet hat.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

55 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
Magnum
12.08.2019 15:06registriert February 2015
Nennt diese gestörte Type bitte «Streetparade-Schrecker» und nicht «Bomber». Es ist nichts explodiert, es gab keine Verletzten.
Mehr Augenmass, weniger Hysterie - danke auch.
54739
Melden
Zum Kommentar
Th. Dörnbach
12.08.2019 15:29registriert May 2019
Allround-Experte Thomas Knecht. Immer da, wenn Medien ihn brauchen - ohne Hintergrundwissen zum jeweiligen Fall.
50222
Melden
Zum Kommentar
zaphod67
12.08.2019 15:12registriert May 2018
Was dieser Forensiker nicht alles weiss, ohne je mit dem Täter gesprochen zu haben....
39929
Melden
Zum Kommentar
55

Vergiftete Böden und Kinderarbeit – was sich Schweizer Firmen im Ausland alles erlauben

Am 29. November stimmt die Schweiz über die Konzern-Initiative ab. Sie soll Schweizer Unternehmen bei Rechtsverstössen im Ausland stärker haftbar machen. Höchste Zeit also, um sich ein paar Beispiele von bis jetzt ungeahndeten Menschenrechts- und Umweltvergehen anzusehen.

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung: Bereits am 29. November kann das Schweizer Stimmvolk erneut wählen gehen. Zum Beispiel über die Konzernverantwortungsintiative. Diese fordert, dass globale Konzerne mit Sitz in der Schweiz einem zwingenden Regelwerk unterstellt sind, wenn es um die Beachtung von Menschenrechten und Umweltschutz bei ihren weltweiten Tätigkeiten geht.

Oder einfach gesagt: Schweizer Unternehmen und ihre Tochterfirmen könnten für ihre Tätigkeiten im Ausland rechtlich …

Artikel lesen
Link zum Artikel