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Der Arzt Jacques de Haller vor dem Bundeshaus am Montag, 18. April 2011 in Bern. (KEYSTONE/Lukas Lehmann)

Jacques de Haller kämpft für die Einheitskrankenkasse. Bild: KEYSTONE

Interview mit Jacques de Haller

Interview

«Die Appenzeller werden mit der Einheitskasse weiter eine tiefere Prämie haben als die Genfer»

Mehr als 400 Ärztinnen und Ärzte setzen sich für die Einheitskasse ein, über die am 28. September abgestimmt wird. Zu ihnen gehört auch der ehemalige FMH-Präsident Jacques de Haller.



Die Argumente des Ärztekomitees erwecken den Eindruck, das Krankenkassen-System sei selber krank. Wo liegt das Problem? 
Jacques de Haller:
 Das schweizerische Gesundheitswesen ist qualitativ ausgezeichnet. Aber es wird pervertiert durch die Pseudokonkurrenz unter den Krankenkassen und die Privatversicherer, die hinter ihnen stehen und in erster Linie wirtschaftliche Interessen verfolgen. Die Kassen müssen gute Risiken finden, Patienten, die nichts kosten und hohe Einnahmen bringen. Es sind jedoch die kranken Menschen, die auf das System angewiesen sind. Diese kosten viel und werden von den Kassen herausgefiltert, mit teilweise skandalösen Methoden.

Können Sie Beispiele nennen? 
Wenn man sich bei einer Billigkasse nur über das Internet anmelden kann und dabei sein Alter und die Anzahl Konsultationen angeben muss, bekommt man teilweise gar keine Antwort, wenn man älter ist als 65. Eine andere Kasse zwingt die Versicherten, Medikamente immer erst selber zu bezahlen. Auf diese Weise kann sie Patienten loswerden, deren Behandlung 500'000 Franken und mehr pro Monat kostet. Es gibt in Genf eine Studie vom letzten Jahr, wonach eine von sieben Personen wegen Geldproblemen auf eine medizinische Behandlung und Medikamente verzichtet. Diese Leute muss man unterstützen und nicht aus dem System herausfiltern.

Einheitskrankenkasse

Am 28. September kommt die Volksinitiative «Für eine öffentliche Krankenkasse» zur Abstimmung. Sie verlangt für die Grundversicherung die Einführung einer schweizerischen Einheitskasse. Private Kassen könnten weiterhin Zusatzversicherungen anbieten. Hinter der Initiative stehen mehr als 20 Organisationen, darunter SP und Grüne. Zu den Gegner gehören neben den bürgerlichen Parteien auch die Krankenkassen. Die Ärztevereinigung FMH hat Stimmfreigabe beschlossen.

Kann eine Einheitskasse hier Abhilfe schaffen? Monopole sind häufig träge und wenig innovativ. 
Eine Einheitskasse wird die Versicherten behalten müssen. Deshalb lohnen sich Prävention und eine gute Begleitung der Patienten. Noch besser wäre es, wenn man die Taggeldversicherung und die IV in die Kasse einbinden könnte. Aber davon reden wir vielleicht in 15 Jahren (lacht).

Die Initianten versprechen auch tiefere Prämien, aber beim Ärztekomitee ist das kein Thema. 
Die Prämie soll den Kosten entsprechen. In der Westschweiz hat man in dieser Hinsicht schlechte Erfahrungen gemacht. Die Versicherten haben 1,6 Milliarden Franken mehr bezahlt, als sie gekostet haben. Jetzt werden 800 Millionen zurückbezahlt, von den Steuerzahlern der ganzen Schweiz. Das illustriert die Pervertierung dieses Systems. Es ist intransparent und funktioniert nicht, wegen den wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund. Bei der Einheitskasse wäre das nicht der Fall.

Es gäbe aber auch keine tieferen Prämien. 
Der politische Druck zum Sparen würde bestehen bleiben. Zum Glück. Man muss mit dem Geld vernünftig umgehen. Aber man geht nicht länger gezielt auf jene los, die krank sind, nicht viel Geld haben und gerade deshalb auf das System angewiesen sind.

Jacques de Haller

Der 62-jährige Genfer ist Facharzt für Allgemeinmedizin. Von 2004 bis 2012 war er Präsident der Ärztevereinigung FMH. Er musste seinen Sessel räumen, weil er nicht wiedergewählt wurde. 2011 kandidierte er im Kanton Bern erfolglos auf der SP-Liste für den Nationalrat. Jacques de Haller gehört zu den mehr als 400 Mitgliedern des «Ärztekomitees für die öffentliche Krankenkasse», das am Dienstag seine Argumente zur Volksabstimmung vorgestellt hat.

ZU DEN VIER NATIONALEN VORLAGEN UEBER DIE DAS STIMMVOLK AM 18. MAI 2014 ABGESTIMMEN WIRD, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- [EDITORS NOTE: POSED PICTURE] A doctor examinates a patient with a stethoscope, pictured on March 28, 2014. (KEYSTONE/Christian Beutler)

«Die Krankenkassen wollen ihre Versicherten zum billigsten Arzt schicken» Bild: KEYSTONE

Sie beziehen sich auf die Jagd nach guten Risiken. Ist die von Bundesrat Alain Berset angestrebte Verfeinerung des Risikoausgleichs zwischen den Kassen nicht der bessere Weg? 
Sie ist wichtig und könnte als Plan B nützlich sein. Aber sie ändert das System nicht. Die Zahl der Krankenkassen nimmt beständig ab. Es gibt heute noch 61. Vor rund zehn Jahren waren es noch fast 100, in zehn Jahren gibt es vielleicht noch zehn. Diese werden im Parlament noch immer eine Lobby haben, die das System lähmt und jede Verbesserung verhindert. Mit dem Risikoausgleich könnte man das System ein wenig verbessern, aber wesentliche Probleme bleiben bestehen. Mit einer einheitlichen öffentlichen Kasse lässt sich das vermeiden.

Man hat den Eindruck, dem Ärztekomitee geht es bei seinem Kampf nicht zuletzt darum, die freie Arztwahl zu verteidigen. Oder weniger nett ausgedrückt den Vertragszwang. 
Eine öffentliche Krankenkasse hat keine Möglichkeit, die freie Arztwahl zu beschränken. Das Kartellgesetz verbietet ihr, Ärzte oder Physios auszuschliessen. Das wäre ein Berufsverbot.

Sind Sie für die Einheitskrankenkasse?

Gesundheitsreformer propagieren aber die Abschaffung der freien Arztwahl. 
Sicher nicht. Sie ist wesentlich für das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Die Krankenkassen wollen ihre Versicherten zum billigsten Arzt schicken. Aber davon will die Bevölkerung nichts wissen, sie hat vor zwei Jahren die Managed-Care-Vorlage mit 70 Prozent Nein abgelehnt.

Ein erster Anlauf für eine Einheitskasse ist 2007 gescheitert. Warum soll es dieses Mal klappen? 
Das lag an den einkommensabhängigen Prämien. Die jetzige Initiative dagegen will die kantonal unterschiedlichen Prämien beibehalten. Das war damals nicht der Fall. Es ist für die Bevölkerung beruhigend, wenn die Appenzeller weiterhin eine tiefere Prämie haben werden als die Genfer. Innerkantonale Prämienmodelle für Kinder oder im Bereich Managed Care wird es ebenfalls weiterhin geben, anders als es die Propaganda der Gegner behauptet.

Wie sieht das praktisch aus? 
Es wird kantonale Agenturen geben, analog zur AHV. Sie bezahlen die kantonalen Kosten und bestimmen die jeweiligen Prämien.

Können Sie das dem Volk verkaufen? Es hat sich in den letzten Jahren skeptisch gezeigt gegenüber Reformen im Gesundheitswesen. 
In der letzten Umfrage waren 58 Prozent für die Einheitskasse. Es liegt an uns, dass es so bleibt, auch wenn wir deutlich weniger Mittel haben als die Gegner. Was einiges aussagt über das System. Die fünf Millionen Franken für die gegnerische Kampagne zeigen, dass es um wirtschaftliche Interessen geht. So etwas gehört nicht zum Gesundheitswesen.

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