Experten schlagen vor, Kokain im kontrollierten Rahmen zu legalisieren
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Die repressive Drogenpolitik gilt als gescheitert. Weltweit ist der Konsum nach wie vor hoch, der Handel floriert, schürt Gewalt, und die Gesundheitsrisiken bleiben bestehen. Zu diesem Schluss kommt die Westschweizer Arbeitsgruppe für Suchtforschung (Grea), die eine Debatte über dieses Thema anstossen und mögliche Alternativen zum Verbot aufzeigen möchte.
Eine davon besteht darin, Stimulanzien wie Kokain, MDMA und Amphetamine zu regulieren. Dieses Szenario ist heute zwar noch weitgehend tabuisiert, bietet laut Grea jedoch zahlreiche Vorteile. Mit Unterstützung anderer französischsprachiger Akteure der Branche hat die Organisation einen bisher unveröffentlichten Leitfaden übersetzt, der detailliert beschreibt, wie eine solche Regulierung in der Praxis umgesetzt werden könnte.
Romain Bach, Co-Generalsekretär von Grea, erläutert im Gespräch mit watson den Inhalt und die Auswirkungen dieses Textes, der am kommenden 28. Mai vorgestellt wird.
Der Leitfaden betont mehrfach, dass die Prohibitionspolitik gescheitert ist. Warum?
Romain Bach: Der Drogenkonsum existiert seit Jahrtausenden, er hat den Menschen schon immer begleitet und wird das zweifellos auch weiterhin tun. Die Erfahrung hat gezeigt, dass Verbote die Menschen nicht daran hindern, Zugang zu diesen Substanzen zu erhalten. Im Gegenteil: Sie sind heute verfügbarer denn je, ihr Konsum bleibt hoch, während die gesellschaftliche Unsicherheit zunimmt. Nur ein globaler gesellschaftlicher Wandel wird es ermöglichen, die Auswirkungen dieses Konsums einzudämmen.
Was waren die Folgen des Verbots?
Der Konsum dieser Substanzen ging trotz der Repression weiter. Das führte insbesondere in den 1980er-Jahren zu neuen Problemen. Die Konsumenten wurden in die Kriminalität gedrängt und hatten keinen Zugang mehr zu geeigneten Behandlungen. In dieser Zeit entstand ein neuer Ansatz, die sogenannte Schadensminderung. Sie ermöglichte es, die schädlichen Folgen des Verbots durch Massnahmen wie Spritzenaustauschprogramme, Substitutionsbehandlungen und sichere Konsumräume abzumildern.
Haben diese Massnahmen nicht ausgereicht?
Die Risikominderung ist unverzichtbar und hat sich als sehr wirksam erwiesen, doch sie hat nicht alle Probleme gelöst. Die beste Lösung ist die Regulierung. Darauf weisen Suchtexperten seit Langem hin.
Worin besteht sie?
Die im Leitfaden vorgeschlagenen Ansätze unterscheiden sich je nach untersuchtem Stimulans und vor allem nach dessen Risikograd. Dabei werden drei Stufen unterschieden: Präparate mit dem geringsten Risiko, wie Kokatee, könnten im Einzelhandel verkauft werden. Stimulanzien mit mittlerem Risiko, etwa Kokainpulver, würden einem strengen staatlichen Modell unterliegen:
Bekannt ist, dass das Risiko insbesondere von der Dosis abhängt. Je höher der Konsum, desto grösser die Gefahr. Um Zugang zu diesen Substanzen zu erhalten, müsste man sich daher registrieren lassen. Verkauft würden sie in neutralen, kindersicheren Verpackungen aus der Apotheke.
Wie sieht es mit der dritten Stufe aus?
Sie betrifft die gefährlichsten Präparate, etwa Crack. Diese würden nicht verkauft, sondern ausschliesslich im Rahmen von Angeboten zur Risikominderung und Behandlung zugänglich bleiben: sichere Konsumräume, medizinische und soziale Betreuung sowie langfristig geeignete Substitutionsbehandlungen, wie sie bei Heroin bereits mit Methadon existieren.
Was sind die Vorteile eines solchen Ansatzes?
Er würde ermöglichen, einen Teil des Marktes aus der Illegalität herauszulösen und Einnahmen zu generieren. Heute fliesst dieses Geld grösstenteils an kriminelle Organisationen. Durch eine Regulierung könnte es stattdessen zur Finanzierung der Betreuung von Suchtkranken sowie des Sozial- und Gesundheitssystems insgesamt beitragen. Zweitens würde dieser Ansatz verhindern, dass Konsumenten den gefährlichsten Formen von Kokain ausgesetzt sind:
Zudem würde eine Regulierung automatisch zu einem Rückgang der Kriminalität führen und eine wirksamere Bekämpfung des Strassenhandels ermöglichen, der sehr sichtbar ist und viele Menschen beunruhigt. Die heute üblichen Polizeimassnahmen verlagern das Problem lediglich, statt es zu lösen.
Besteht nicht die Gefahr, dass eine Regulierung durch den erleichterten Zugang zu den Substanzen den Konsum erhöht?
Internationale Studien zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Ausmass des Konsums und der Härte der angedrohten Strafen gibt. In Frankreich ist der Cannabiskonsum trotz einer besonders repressiven Politik extrem hoch. Es ist sehr einfach, an diese Produkte zu gelangen. Das Verbot schafft einen Parallelmarkt, erhöht die Risiken für Konsumenten und die Gesellschaft und verschafft kriminellen Organisationen unverhältnismässig grosse Mittel. In Portugal, wo der Konsum entkriminalisiert wurde, fällt die Bilanz deutlich positiver aus.
Warum legen Sie den Schwerpunkt auf Stimulanzien?
Als das Verbot und die Risikominderung eingeführt wurden, betrafen die sichtbarsten Probleme Opioide wie Heroin. Heute hat sich die Situation verändert: Es gibt einen anderen Markt, der vor Ort Probleme verursacht.
Haben die Behörden angesichts dieses Phänomens keine Massnahmen ergriffen?
Doch. Die Verteilung von Pfeifen und die Einrichtung sicherer Konsumräume sind Beispiele dafür, aber es braucht noch weitere Massnahmen. Es muss an der Entwicklung neuer, geeigneter Behandlungsmethoden gearbeitet werden, wie es bereits bei Methadon und Diacetylmorphin der Fall war. Gleichzeitig muss auch über eine Regulierung nachgedacht werden.
Derzeit laufen mehrere Projekte zur Regulierung von Cannabis, sowohl in der Schweiz als auch im Ausland. Welche Lehren lassen sich aus diesen Erfahrungen ziehen?
Die Ergebnisse des seit zwei Jahren in Lausanne laufenden Pilotprojekts, die Ende April veröffentlicht wurden, sind sehr positiv. Die grosse Mehrheit der Teilnehmenden hat dem illegalen Markt den Rücken gekehrt, und ihr Cannabiskonsum ist zurückgegangen. Die Konsumenten können zwischen verschiedenen Produkten wählen, darunter auch Cannabis mit niedrigem THC-Gehalt. Auf dem illegalen Markt ist das oft nicht möglich, da dort überwiegend sehr starke Produkte angeboten werden. In Québec hat die strenge Regulierung von Cannabis dazu geführt, dass der Konsum unter Jugendlichen zurückgegangen ist, während er sich in der übrigen Bevölkerung stabilisiert hat.
Diese Erkenntnisse sollten uns als Leitfaden für den Umgang mit Stimulanzien dienen. Dabei müssen wir uns bewusst sein, dass Kokain oder Amphetamine erhebliche Risiken bergen, was strengere Regulierungsmodelle und eine erhöhte Wachsamkeit erfordert.
Würde eine solche Regulierung einen grundlegenden politischen Wandel in der Schweiz erfordern?
In der Schweiz haben wir das Glück, über eine sehr fortschrittliche Drogenpolitik zu verfügen. Politiker sind bereit, über diese Fragen nachzudenken, und mehrere Städte fordern Pilotprojekte, um Lösungen für ihre Probleme mit Stimulanzien zu testen. Natürlich wird das mehrere Jahre dauern, aber ich glaube, dass wir in der Lage sind, intelligent und besonnen vorzugehen. Diese Chance müssen wir nutzen.
