Die Kokainkonzentration im Abwasser steigt: Das ist die Erklärung dafür
L’Ecole des sciences criminelles (ESC) befindet sich im obersten Stockwerk eines Gebäudes der Universität Lausanne. Hier lernt man, Spuren an Tatorten zu analysieren, aber auch kriminelle Phänomene zu untersuchen. Pierre Esseiva zieht für das Gespräch die Cafeteria vor. Sein Büro ist besetzt. Also erzählt er draussen unter freiem Himmel von seinem Beruf und der Schule, die er nun leitet.
Übersetzung
Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.
Seit Februar sind Sie neuer Direktor der ESC, die weltweit für ihre wissenschaftliche Exzellenz bekannt ist. Was ist entscheidend für diesen Ruf?
Pierre Esseiva: Der Gründer der ESC, Archibald Reiss, konnte alles. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit allwissender Wissenschaftler. Dieser generalistische Ansatz bei der Tatortarbeit ist bis heute ein zentraler Bestandteil unserer Ausbildung. Man muss zunächst den Tatort dokumentieren, etwa mit Fotografien, dann nach Spuren suchen, bei den Probenentnahmen eine genaue Reihenfolge einhalten und so weiter.
Die forensische Wissenschaft dient nicht nur dazu, einen Täter zu identifizieren, sondern hilft auch dabei, den Ablauf der Ereignisse zwischen den Beteiligten zu rekonstruieren.
Was möchten Sie während Ihrer Amtszeit an der Schule weiterentwickeln?
Die Digitalisierung verlangt von uns, Studierende auszubilden, die flexibel sind, mit neuen Fragestellungen umgehen können und Lösungen entwickeln, die verschiedene Fachgebiete miteinander verbinden. Sie müssen Probleme von A bis Z bewältigen können. Heute müssen an einem Tatort auch Spuren gesichert werden, die etwa von der Hausautomation, dem WLAN oder den zahlreichen Standortdaten digitaler Geräte stammen. Und die Entwicklung schreitet mit der künstlichen Intelligenz so schnell voran, dass gewisse technische Kompetenzen bereits weniger wichtig geworden sind. Entscheidend ist heute vielmehr, die Interpretation der Ergebnisse zu vermitteln.
Wir sitzen beide gerade auf der Terrasse der Schule. Würde jemand die Standorte unserer Handys analysieren, könnte es sein, dass meines mit einer anderen Antenne verbunden ist als Ihres – einfach weil wir möglicherweise unterschiedliche Anbieter haben. Wenn man nicht weiss, dass eine solche Situation vorkommen kann, könnte man aus den digitalen Spuren fälschlicherweise schliessen, dass wir uns nie begegnet sind.
Sie sind Spezialist für die Analyse von Betäubungsmitteln. Welche wissenschaftlichen Entwicklungen gab es in diesem Bereich zuletzt?
Früher versuchte man vor allem, Drogen zu analysieren, um ihre Herkunft und die Lieferketten zurückzuverfolgen. Danach interessierte man sich zunehmend auch für die Struktur der Märkte – etwa dafür, welche Substanzen konsumiert werden und in welchen Mengen. Das haben wir mithilfe der Analyse des Abwassers gemacht. Technisch war das schon lange möglich, jedoch war der Ansatz neu. Danach stellten wir uns die Frage: Was bedeutet das eigentlich alles? Von da an ging es darum, sämtliche Quellen zu kombinieren, um die Phänomene besser zu verstehen.
Aber was bedeutet das genau? Gibt es mehr Konsumentinnen und Konsumenten? Oder konsumieren die bisherigen Nutzerinnen und Nutzer mehr? Tatsächlich zeigte die Kombination verschiedener Datenquellen, dass sich der Reinheitsgrad des Produkts innerhalb von fünf Jahren beinahe verdoppelt hatte.
Warum strecken Dealer Kokain heute weniger stark, obwohl das ihren Umsatz zu schmälern scheint?
Das Strecken erfordert Arbeit und Zugang zu den nötigen Substanzen. Zudem übersteigt das Angebot an Kokain derzeit die Nachfrage. Es kann also auch darum gehen, die Kundschaft mit einem qualitativ besseren Produkt zu binden. Die jüngste Innovation im Bereich der Betäubungsmittel ist, dass wir eine Technologie – und ein dazugehöriges Start-up – entwickelt haben, mit der sich Substanzen in Echtzeit analysieren lassen.
Wir sind mit mehreren Projekten auch direkt vor Ort bei den Konsumentinnen und Konsumenten präsent. All das ermöglicht es uns, neue Entwicklungen oder gefährlichere Zusammensetzungen frühzeitig zu erkennen.
Und beobachten Sie dank dieser Datenbank Unterschiede zwischen den Regionen der Schweiz?
Ja. In der Romandie haben wir deutlich weniger Amphetamine als in der Deutschschweiz. Kokain ist inzwischen im ganzen Land sehr rein.
Wir haben viel über die wissenschaftliche Seite Ihrer Universität gesprochen, aber kaum über die Kriminologie – also die Erforschung krimineller Phänomene und insbesondere krimineller Organisationen. Welchen Stellenwert hat dieser Aspekt in Ihrer Arbeit?
Wir haben drei Professoren, die sich besonders mit diesen Themen befassen – vor allem mit Geldwäscherei und Cyberkriminalität –, aber eigentlich interessieren wir uns alle dafür. Es geht darum zu verstehen, wer was verkauft und wohin das Geld fliesst.
