Herzchirurgie-Skandal: Jetzt droht Maisano seinem Kritiker Thierry Carrel mit Klage
In der Affäre um die vermeidbaren Todesfälle an der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich meldet sich erstmals Francesco Maisano in der Schweizer Presse zu Wort. Der italienische Starchirurg, der die Klinik zwischen 2016 und 2020 leitete, wehrt sich in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» gegen die Vorwürfe – und kündigt an, juristische Schritte gegen seine Kritiker zu prüfen.
Zur Erinnerung: Anfang Mai publizierte das Zürcher Unispital die Ergebnisse einer unabhängigen Untersuchung. Diese wies für den vierjährigen Zeitraum unter der Leitung Maisanos eine Übersterblichkeit von 68 bis 74 Patientinnen und Patienten an der Klinik für Herzchirurgie nach. Elf besonders auffällige Todesfälle sowie den unangemessenen Einsatz von Medizinprodukten in 13 Fällen hat das Universitätsspital bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.
Er breche sein Schweigen, weil sich die Darstellung in den Medien «so weit von den Tatsachen entfernt hat, dass ich es nicht länger ignorieren kann», so Maisano gegenüber der «NZZ am Sonntag». Die Schlagzeilen würden nicht dem entsprechen, was der Untersuchungsbericht tatsächlich aussagt. Ein komplexes Dokument werde auf «einen persönlichen Skandal» reduziert.
«Haben die Tür auch für die komplexesten Fälle offen gehalten»
Maisano wehrt sich gegen den Vorwurf, ein «skrupelloser Innovator» zu sein. Er habe Techniken und Geräte so entwickelt, «wie es jeder Arzt tun sollte, dem das Wohl seiner Patienten am Herzen liegt». Das Ziel seien sichere, weniger invasive Instrumente gewesen, um Menschen zu erreichen, die mit der traditionellen Chirurgie nicht behandelt werden könnten.
Er anerkenne den Schmerz der Angehörigen bei allen rund 70 Todesfällen, die der Untersuchungsbericht als vermeidbar klassiert hat, sagt Maisano. Aber man müsse verstehen, «woher diese Zahl stammt». Die elf bei der Staatsanwaltschaft angezeigten Fälle sind laut dem Italiener ein Bruchteil der 4500 Einsätze im Untersuchungszeitraum. Vorsätzliche Aspekte als Ursache für die Todesfälle seien laut Universitätsspital nicht erkennbar.
Unter seiner Führung habe die Klinik für Herzchirurgie Patienten mit hoher Sterbewahrscheinlichkeit operiert, die an anderen Zentren abgelehnt worden seien, weil sie die Statistik verschlechtert hätten. Ein Chirurg steht laut Maisano vor der Alternative: «Operieren und diesem Patienten die Chance auf Überleben bieten. Oder nicht operieren, die eigenen Zahlen schützen und diese Person sterben lassen», so der italienische Herzchirurg. «In Zürich haben wir die Tür auch für die komplexesten Fälle offen gehalten.»
Am meisten stört ihn an der Medienberichterstattung, dass eine falsche Verbindung zwischen innovativen Eingriffen und Sterblichkeit hergestellt werde. Die Sterblichkeit konzentriere sich auf konventionelle chirurgische Eingriffe, nicht auf innovative oder kathetergestützte Verfahren, wie das von Maisano mitentwickelte, unterdessen in Europa nicht mehr zugelassene Cardioband, an dem der Chirurg finanziell mitverdient hat.
Maisano prüft Klage wegen Verleumdung
Gegen einen seiner schärfsten Kritiker droht Maisano mit juristischen Schritten: Thierry Carrel, renommierter Schweizer Herzchirurg und ehemaliger Klinikleiter am Inselspital Bern und am Universitätsspital Basel, der nach Maisanos Abgang im Jahr 2020 ad interim zum stellvertretenden Klinikleiter der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich berufen wurde.
Carrel hatte Maisano in einem NZZ-Interview «Betrug der schlimmsten Art» vorgeworfen – weil dieser Videopräsentationen so zusammenschneiden lassen habe, dass negative Resultate und Komplikationen nicht zu sehen waren. In einem Gastbeitrag für die «Schweiz am Wochenende» wies Carrel zudem auf die systemischen Schwächen und finanziellen Fehlanreize hin, die Maisanos Wirken in Zürich überhaupt ermöglicht haben. Der Italiener, der kein begnadeter Operateur sei, habe die «herkömmliche Herzchirurgie anscheinend sträflich vernachlässigt».
Gegen diese Vorwürfe lässt Maisano von seinen Anwälten nun die Einreichung einer Klage wegen Verleumdung prüfen. «Ich bitte Herrn Carrel, sich genauer zu äussern und sensationelle Töne zu vermeiden», sagt Maisano im Interview mit der «NZZ am Sonntag». Wer falsche Behauptungen verbreite, ohne über konkrete Beweise zu verfügen, werde sich vor den zuständigen Stellen dafür verantworten müssen.
Carrel: «Ich halte mich an Fakten»
Auf Anfrage von CH Media sagt Thierry Carrel: «Bei meinen Äusserungen halte ich mich an Fakten.» Alle von ihm geäusserten Vorwürfe stützten sich auf Tatsachen, die in Untersuchungsberichte des Universitätsspitals Zürich festgehalten sind, auf von Maisano nicht bestrittene Medienberichte oder auf Aussagen von beteiligten Medizinern wie des Whistleblowers André Plass, der die Untersuchung gegen Maisano ins Rollen gebracht hat. Carrel betrachtet Maisanos Klagedrohung «als Teil einer Strategie, um weitere Kritik zu verhindern».
Dieser hoffe wohl mit einer angedrohten Klage gegen eine Privatperson mehr Wirkung zu erzielen, als wenn er sich juristisch gegen das Zürcher Universitätsspital, die Universität Zürich oder die Mitglieder der unabhängigen Untersuchungskommission wehren würde. Einschüchtern lassen will sich Carrel nicht. «Nochmals: sehr vieles wurde bereits in Gutachten und zahlreichen Medienberichten festgehalten, die bisher ohne Klagen oder Gegendarstellung von Herrn Maisano geblieben sind». Ihm seien auch entsprechende Operationsbilder gezeigt worden, so Thierry Carrel: «Diese sollten noch vorhanden sein, wenn sie nicht gelöscht worden sind.»
Auch Maisanos Medienschelte kann Carrel wenig abgewinnen: «Egal welche Methoden bei den vermeidbaren Todesfällen zum Einsatz gekommen sind und wer dabei operiert hat, als Klinikleiter trägt Francesco Maisano die oberste Verantwortung für das Patientenwohl.» Es wäre an ihm gewesen, die anspruchsvollen Fälle vorzubesprechen, die richtigen Expertenteams zusammenzusetzen und beizuziehen und bei nicht tragbaren Risiken auf Operationen zu verzichten oder auf konservative Behandlungsmethoden zu setzen.
Mailänder Spital hat Untersuchung eingeleitet
Derweil holt seine Zürcher Vergangenheit Francesco Maisano auch an seiner neuen Wirkungsstätte ein: Das Spital San Raffaele in Mailand, wo Maisano als Chefarzt tätig ist, hat ein internes Audit eingeleitet. Zwar liegt bislang keine Anzeige vor, die Generaldirektion für Soziales der Region Lombardei will die Untersuchung laut der «NZZ am Sonntag» jedoch eng begleiten. Maisano gibt an, diese Untersuchung zu begrüssen und mit grösster Transparenz kooperieren zu wollen.

