DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Herz und 100'000 Franken verloren: Zwei Männer und ein Liebesnest aus Banknoten

Wie ein 42-jähriger Schweizer nicht nur sein Herz, sondern auch 100'000 Franken an einen 25-jährigen Albaner verloren hat.

Rosmarie Mehlin / Schweiz am Wochenende



Swiss bank notes, pictured on July 14, 2011. (KEYSTONE/Martin Ruetschi)

Bild: KEYSTONE

Liebe machen in einem Bett ist sozusagen Standard. Es darf aber durchaus auch mal eine andere Unterlage sein: Küchentisch, grüne Wiese, Swimmingpool, Kühlerhaube, Sandstrand. Besmir beispielsweise stand der Sinn nach Sex auf Noten.

Aber nicht Musik-, Geldnoten sollten es sein, konkret solche im Gesamtwert von 100'000 Franken. Eines Tages hatte der in Albanien lebende Besmir die Erfüllung dieses Traumes in Baden vor Augen, mehr noch, er hielt sie in seinen Händen …

Das Leben schreibt bekanntlich die verrücktesten Geschichten. Auch solche wie die von Besmir und Jürg (alle Namen geändert), die dieser Tage vor Gericht endete. Angefangen hatte sie 2012 im Internet. Der heute 42-jährige Jürg, der Sprachen liebt und deshalb unter anderem Albanisch lernte, hatte im Chat den 25-jährigen Besmir, ebenfalls mit einem Faible für Sprachen, kennen gelernt. Man hatte sich auf Englisch und Albanisch unterhalten, und als Besmir die Schweiz besuchte, hatte Jürg ihn bei sich wohnen lassen.

Blind vor Liebe

Nach drei Wochen reiste der Albaner wieder heim. Zurück blieb ein bis über beide Ohren verliebter Jürg. In den folgenden vier Jahren besuchte der 25-Jährige den Schweizer drei weitere Male, jeweils für ein paar wenige Wochen. «Einander gestreichelt und so haben wir, aber Sex hatten wir keinen», sagt Jürg. Darüber gesprochen haben die beiden aber schon.

Jedenfalls gestand Besmir seinem Gastgeber, dass er einmal im Leben auf einem Berg von Banknoten Liebe machen möchte. Jürg war zunächst befremdet, zögerte, willigte schliesslich – blind vor Liebe – ein.

An einem Samstagabend Mitte März 2016 entnahm er im Unternehmen, wo er als Geschäftsleiter tätig ist, dem Tresor Noten im Wert von 100 000 Franken. Er übergab sie Besmir, dem Objekt seiner Begierde, mit dem Auftrag, dieser solle alles vorbereiten, also das Geld schon mal auf Jürgs Bett auslegen.

Offenbar verflüchtigte sich indes just in jenem Moment Besmirs Traum vom Sex im monetären Lotterbett. Jedenfalls begab er sich mit den 100 000 Stutz in der Tasche zwar schnurstracks zu Jürgs Wohnung, nicht aber in dessen Schlafzimmer. Vielmehr behändigte er den Schlüssel von Jürgs Auto, setzte sich samt Notenbündel hinein und machte sich damit aus dem Staub.

Dem zutiefst geschockten und enttäuschten Jürg half ein naher Verwandter, dem er sich in seinem Elend anvertraute, wenigstens schadensmässig aus der Patsche, indem er ihm 100 000 Franken aus seinem Privatvermögen übergab. So hat zumindest niemand im Geschäft von der Tragödie erfahren.

Jürgs Auto wurde verlassen in Deutschland gefunden; der Albaner aber, zur Verhaftung ausgeschrieben, blieb verschwunden. Als er sich im Oktober überraschend via Skype bei Jürg meldete, kam die Polizei auf seine Spur und konnte ihn am 1. November in Dortmund festnehmen. Von den 100 000 Franken war da nur noch wenig übrig. Dies aber nicht etwa, weil der 25-jährige geprasst, auf grossem Fuss und in Luxushotels gelebt hatte. Nein, den allergrössten Teil des Geldes hatte er in Spielcasinos liegengelassen.

Strafe: 18 Monate bedingt

Im Januar war Besmir in die Schweiz überführt worden. Die vom Staatsanwalt wegen Veruntreuung und Entwendung eines Fahrzeugs zum Gebrauch beantragte Freiheitsstrafe von 18 Monaten bedingt auf drei Jahre hat Besmir akzeptiert. Somit kam es zum abgekürzten Verfahren, was bedeutet, dass das Bezirksgericht unter Vorsitz von Daniel Peyer Schuldspruch, Strafantrag und die Verpflichtung zur Schadenersatzzahlung von 100 000 Franken nur noch zum Urteil erheben musste.

Jürg wohnte der kurzen Verhandlung bei. Bleich und sichtlich mitgenommen, fragte er den Angeklagten, ob dieser ihm alles nur vorgespielt habe. Besmir – ein bulliger Typ, kurzrasiertes Haar, Backen- und Kinnbart, markante Nase, hellgrauer Trainingsanzug und gemusterte Clogs an den Füssen – verneinte. Als er von einem Polizeibeamten zwecks Vorbereitung seiner Entlassung zurück ins Untersuchungsgefängnis geführt wurde, blickte Jürg ihm traurig hinterher und murmelte mit belegter Stimme: «Ich habe ihn geliebt.» (aargauerzeitung.ch)

Im Namen des Rechts: Diese Justizfälle haben die Schweiz bewegt

«Er ist unschuldig?» – wie Luanas Traum von der Freiheit vor dem Aargauer Obergericht jäh platzte

Link zum Artikel

Kondome, Viagra, Medienstelle: Der «Rollstuhl-Bomber» erzählt vor Gericht krude Romane

Link zum Artikel

«Wir sind durch die Hölle gegangen» – Das sagt der Schlieremer Polizist zum Bundesgerichtsentscheid

Link zum Artikel

«Fall Walker»: Das Obergericht übt sich in Schadensbegrenzung

Link zum Artikel

Eine lesbische Liebe, Kokain-Sucht und Salmiakgeist, 12 Prozent: Der Mordprozess Hochweid

Link zum Artikel

Carlos vor Gericht: Ein schweigender Trötzler

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Ermittler verlangen Kundenkarten-Daten – und Coop und Migros können sich kaum wehren

Staatsanwälte nutzen Daten der Kundenkarten von Coop, Migros und der SBB gerne. Weniger gerne reden sie darüber, wie oft dies geschieht. «Eine Staatsanwaltschaft erhält Einblicke, die über das hinaus gehen, was mit dem Strafverfahren zusammenhängt», sagt ein Rechtsanwalt.

Sie sind in fast allen Portemonnaies. Manche nehmen sie täglich in die Hand. Und denken wohl selten daran, welche Datenspuren sie damit hinterlassen. Die Kundenkarten von Coop oder Migros. Aus ihren Daten lässt sich viel herauslesen: Was jemand einkauft, wo er einkauft. Und vielleicht auch ganz persönliche Vorlieben.

Es sind Daten, die auch die Behörden interessieren. In Strafverfahren verlangen Staatsanwaltschaften immer wieder Kundendaten von den Detaillisten. Doch gross darüber reden möchte …

Artikel lesen
Link zum Artikel