Der «tanzende Wolf» missbrauchte als Sektenführer Mädchen
Religion, Spiritualität und Ideologien sind die schärfsten Waffen, um sich Macht anzueignen und Menschen zu manipulieren. Während politisch motivierte Despoten die Staatsgewalt benutzen, um ihren Machtrausch zu befriedigen, nutzen unseriöse religiöse Führer den Glauben als Indoktrinationsinstrument.
Wirksam sind beide Methoden. Die Manipulationspraktiken der Diktatoren sind martialisch, wie uns aktuell die Mullahs und die Revolutionsgarden im Iran auf brutale Art demonstrieren. Die spirituellen Meister wenden hingegen subtile psychologische Techniken an, um Macht über die Anhänger zu erlangen. Ihre Absichten und Missbrauchsmethoden sind aber nicht weniger wirkungsvoll und verwerflich.
Anhängerinnen jahrzehntelang missbraucht
Ein aktuelles Beispiel liefert der 50-jährige Nathan Chasing Horse, mit vollständigem Namen Nathan Lee Chasing His Horse. Der indigene amerikanische Schauspieler wurde mit dem Film «Der mit dem Wolf tanzt», der sieben Oscars erhielt, berühmt.
Doch nun hat er ausgetanzt. Eine Richterin in Las Vegas verurteilte ihn diese Woche zu einer Gefängnisstrafe von mindestens 37 Jahren. Der Hauptvorwurf: Er habe als spiritueller Meister und Medizinmann junge Frauen und Mädchen über Jahrzehnte hinweg sexuell manipuliert und missbraucht. Ausserdem habe er Menschenhandel betrieben und eine kriminelle Vereinigung gegründet.
Ein klassisches Muster von unseriösen religiösen Führern, die ihre spirituelle Autorität benutzen, um ihre irdischen Triebe: Sex und Macht zu befriedigen. In ihren Allmachtsfantasien realisieren sie nicht, dass sie ein gefährliches «Spiel» treiben, das sie für Jahre hinter Gitter bringen kann.
Symptomatisch dabei ist, dass sie auf ihrem Egotrip völlig empathielos werden und mit ihren sexuellen Übergriffen ihre Anhängerinnen traumatisieren und in doppeltem Sinn missbrauchen: religiös und körperlich.
Damit pervertieren sie ihre eigenen Ansprüche auf spirituelle Einfühlsamkeit, Achtsamkeit und Respekt. Werte, die sie ihren Anhängerinnen mantramässig eintrichtern.
Chasing Horse nutzte seinen Status als bekannter Schauspieler und Indigener, um die spirituelle Sekte «The Circle» zu gründen. Der Schauspieler mit dem markanten Gesicht zog Anhängerinnen und Anhänger bis nach Kanada in seinen Bann. Dabei entwickelte er klassische Sektentricks.
Er baute seine Bewegung streng hierarchisch auf und gebärdete sich als allwissender Prophet und auserwählter spiritueller Meister, der angeblich einen exklusiven Kontakt zur geistigen Welt herstellen und spirituelle Botschaften empfangen konnte.
Chasing Horse isolierte seine Sektenmitglieder, um sie leichter manipulieren zu können. Dazu gehörten auch strikte Regeln für den Alltag und die spirituelle Entwicklung. Er profitierte vom Glauben seiner Anhänger, dass er als Indigener das angeblich verschüttete geheime Wissen der Naturvölker in sich trage und vermitteln könne.
Der Sektenführer gab sich zudem als Schamane und Medizinmann aus, der mit sanften Methoden viele Krankheiten heilen könne. Damit zog er auch schwerkranke Personen und angeblich «Besessene» an, die ihre ganze Hoffnung auf ihn setzten.
Erleuchtung versprochen
Zu seinen spirituellen Praktiken gehörten Heilungsrituale, Schwitzhütten und Fastenperioden. Er führte Camps durch, bei denen es primär um die spirituelle Entwicklung ging. Nach esoterischem Muster versprach er den Teilnehmenden die Erleuchtung. Chasing Horse mischte Lakota-Traditionen und -Rituale mit eigenen, esoterisch anmutenden Versatzstücken.
Ein besonderes Merkmal seines sektenhaften Konzeptes sind die spirituellen Ehen. Er behauptete, im Auftrag der Geister und Ahnen mit mehreren Anhängerinnen spirituelle Ehen eingehen zu müssen. Sexuelle Beziehungen dienten als Reinigungsritual und seien Teil seiner spirituellen Zeremonien, behauptete er.
Er machte den Anhängerinnen weiter weis, sie gehörten zu den Auserwählten. Wenig überraschend dabei ist, dass es sich primär um junge indigene Frauen handelte.
Plumpe Tricks nicht durchschaut
In ihrer spirituellen Euphorie und Verblendung durchschauten die betroffenen Frauen den plumpen Trick ihres Meisters nicht. Für Aussenstehende ist dies nicht nachvollziehbar, das Phänomen ist jedoch ein klassisches Sektenmerkmal: Abhängigkeit und Hoffnung auf spirituelle Erlösung betäuben den kritischen Verstand. Die anfängliche Gefühlsdusche führt zu einem emotionalen Sonderzustand, der rote Linien verschwimmen lässt.
Das war das Zuckerbrot von Chasing Horse. Wenn aber seine Anhängerinnen und Anhänger nicht spurten, holte er die Peitsche hervor, wie Aussteiger berichten. Dann wurde er vom vermeintlichen Erlöser zum Despoten, der sie mit Drohungen disziplinierte.
Er schürte bei ihnen Ängste vor bösen Geistern und magischen Flüchen. Ohne ihn würden sie den Schutz vor diesen Mächten verlieren. Wer sich ihm widersetze, müsse mit schweren Krankheiten oder gar dem Tod rechnen.
Gemeinschaft der Lakota geht auf Distanz zu Chasing Horse
Die indigene Gemeinschaft der Lakota geht auf Distanz zu Chasing Horse und verurteilt ihn als Scharlatan, der die Sektenanhänger spirituell betrogen habe. Seine Praktiken hätten nichts mit der traditionellen Lakota-Sioux-Spiritualität und -Heilkunst zu tun. Er habe die heiligen Zeremonien pervertiert.
Grosse Aufmerksamkeit erhielt beim Prozess Corena Leone-LaCroix, die schon als 14-Jährige von Chasing Horse missbraucht worden war. Er habe ihr gesagt, sie müsse ihre Jungfräulichkeit aufgeben, um ihre Mutter zu retten, bei der Krebs diagnostiziert worden war. Nach dem sexuellen Übergriff drohte er dem Mädchen, seine Mutter müsse sterben, wenn sie es jemandem erzähle.
Weiter sagte Corena Leone-LaCroix der Richterin Jessica Peterson, sie leide immer noch unter dem Trauma der Missbräuche. Es gebe keinen Weg, ihre Jugend zurückzubekommen. Das Leben sei ihr genommen worden.
Chasing Horse stritt alles ab und sprach von einem Justizirrtum. Für seine vielen Opfer ist das Urteil eine Genugtuung. Zumal weitere Prozesse auf ihn warten.
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