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Schild vor dem Zürcher Kinderspital (Archivbild).
Schild vor dem Zürcher Kinderspital (Archivbild).
Bild: sda

Zürcher Kispi ausgelastet – Kinder werden teilweise im Gang behandelt

Ein Tweet über angebliche «Kriegszustände» am Zürcher Kinderspital sorgt im Netz für Furore. Ist es wirklich so schlimm? Wir haben nachgefragt.
06.10.2021, 17:2507.10.2021, 12:31

Es war ein Tweet einer Ärztin, der am Dienstagabend Furore machte. Sie schilderte auf rund 280 Zeichen, wie es gerade im Kinderspital Zürich aussehe: «Gestern wurde ein sechs Wochen altes Baby mit RSV ins Spital eingewiesen – diese Erkrankung kann zu einem Atemstillstand führen – es wurde nicht aufgenommen, weil sie KEIN Bett haben!» Sie zitiert eine Kindsmutter, wonach das Kinderspital überfüllt sei: «Selbst auf den Gängen liegen Kinder – wie im Krieg!»

Ihre dramatischen Worte wurden innert Stunden hundertfach verbreitet. Und es kamen ebenso schnell Zweifel auf, ob das ganze denn stimme. Kriegszustände in einem Schweizer Spital? Die Antwort ist einmal mehr nicht schwarz–weiss, sie ist aber auch nicht weniger beunruhigend.

Das Kinderspital Zürich bestätigt auf Anfrage von watson, dass man derzeit tatsächlich «gut ausgelastet» sei. Und sie bestätigen, was zwei Informantinnen und Informanten zuvor vertraulich mitgeteilt hatten: Im Spital werden derzeit viele Kinder mit unterschiedlichen und komplexen Krankheiten, aber auch mit saisonalen Infekten behandelt.

Das Spital stellte auch klar, dass es sich bei den vielen neuen jungen Patientinnen und Patienten nicht um Covid- oder Pims-Erkrankte handle. Zur Diagnose «RSV», die für Humanes Respiratorisches Synzytial-Virus steht und im Anfangstweet der Ärztin erwähnt wurde, hört man aber in der Stellungnahme des Spital nichts.

RSV ist weltweit verbreitet
Die RSV-Infektion ist die bei weitem häufigste untere Atemwegsinfektion bei Säuglingen und führt bei 1 bis 2 Prozent der Kleinkinder zur Spitaleinweisung infolge Atemnot sowie ungenügender Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. In der Schweiz entspricht dies jährlich rund 1000 Spitaleinweisungen.

watson weiss von einer Person aus dem Spitalkader und einer weiteren Person innerhalb der Pflege, dass die Anzahl der an RSV erkrankten Kindern tatsächlich enorm angestiegen ist. Dieses Virus ist nichts Neues, war aber bislang eher als Plage in den Wintermonaten bekannt. Eine Quelle ärgert sich deshalb über die Kommunikation des Spitals: «Die Formulierung, es gebe ‹vereinzelt Patienten mit saisonalen Infekten› ist eine Untertreibung.» Die Person teilt zudem mit, dass die Belegschaft noch nie so früh im Jahr so viele RSV-Erkrankte im Spital erlebt habe.

Damit bestätigt sich das, was bereits in anderen Kantonen zu spüren ist: Das RS-Virus führt dieses Jahr zu einer besonders frühen saisonalen Spitze. Im Kanton Graubünden spricht man gar von einer Verschiebung der RSV-Saison. So sagt Dajan Roman, Mediensprecher des Bündner Kantonsspitals im St.Galler Tagblatt: «Wir gehen davon aus, dass das Virus aufgrund der Schutzmassnahmen im letzten Herbst und Winter gar nicht zirkulieren konnte.»

Führte das nun dazu, dass im Zürcher Kinderspital «Kriegszustände» herrschen würden? Nein, so die Kommunikationsabteilung des «KiSpi»: «Unsere Notfallstation verzeichnet seit Jahren eine wachsende Zahl an Patientinnen und Patienten. An gewissen Abenden behandeln unsere Spezialistinnen und Spezialisten tatsächlich Kinder auch auf den Gängen.

Kein ausdrückliches Dementi gibt's vom Spital bezüglich der Behauptung, ein Kind sei abgewiesen worden. «Aus Datenschutzgründen nehmen wir zu einzelnen Patientinnen und Patienten keine Stellung», teilt das Spital mit.

Eine vertrauliche Quelle aus dem Kader sagt jedoch, dass kein Kind in der Not ganz abgewiesen werde:

«Das ist Blödsinn. Wenn ein Kind wegen Platzmangel abgewiesen wird, wird auch ein Transport zu einem anderen Kinderspital organisiert.»

Die Spitalkommunikation bestätigt diese Form der gegenseitigen Hilfe: «Es kommt immer mal wieder vor, dass sich Kinderkliniken gegenseitig unterstützen und nach Absprache bei kurzfristigen Spitzenauslastungen Patientinnen und Patienten zur Behandlung übernehmen.»

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