«Granatäpfel sind meine Religion» – Ex-Banker begeht Neuanfang nach Krebsdiagnose
Auf einmal ging es nicht mehr weiter. Marcel Bangerter hatte im Schnelltempo Karriere gemacht. Nun stand er still, mitten auf der Piste in Zermatt, beim traditionellen vorweihnachtlichen Snowboard-Ausflug mit den «Bankerjungs»: ein Schwächeanfall. «Da war mir klar, etwas ist wirklich nicht gut.»
Ein Arzttermin jagte den nächsten, die Ursache für seine Beschwerden blieb unentdeckt. Bis zum 30. Dezember 2011. Damals wies sich Bangerter selbst ins Kantonsspital Zug ein. Der Befund: ein Non-Hodgkin-Lymphom, eine bösartige Erkrankung des lymphatischen Systems. Oder kurz: Krebs.
Es sah nicht gut aus, aber immerhin hatte sich der Krebs nicht überall im Körper ausgebreitet. Es folgen Monate mit Chemo- und Strahlentherapie. «Heute bin ich krebsfrei», sagt der 52-Jährige. Tests macht er jedoch seit einigen Jahren keine mehr. Zu belastend seien die Ungewissheit und die Angst, die es jeweils auszuhalten gilt, bis die Resultate vorliegen.
Ein Onkologe gibt Ernährungstipps
Bangerter hat sein zweites Leben gestartet. Ein selbstbestimmtes, unabhängiges Leben, wie er mehrmals in den Büros einer Investmentgesellschaft in Baar bei Zug betont, wo er sich mit seiner Firma eingemietet hat. «Ohne die Krankheit wäre ich nie aus meinem goldenen Käfig ausgebrochen.» Und ohne die Krankheit hätte er auch nicht den Mann kennengelernt, der ihm Beruf und Berufung für sein neues Leben verschaffte. Ein Onkologe, der ihm bei der ersten Chemotherapie-Sitzung empfahl, zur Stärkung des Immunsystems Granatäpfel zu essen. «Seitdem habe ich nie mehr damit aufgehört.»
Zuerst hat Bangerter die Granatäpfel für sich gekauft. «Es war eine grosse Sauerei in unserer Küche, die Flecken sieht man heute noch.» Später hat er seinen Arbeitskollegen Kernen-Portionen mitgebracht, dann im Eigenvertrieb einzelne Restaurants beliefert – aber das erst nachdem er in seinen Ferien in Dubai im Supermarkt einen Becher Granatapfelkerne der Sorte Bhagwa aus Indien getestet hatte. «Der Rolls Royce der Granatäpfel.» Die Kerne seien weicher, der Geschmack sei intensiver und süsser. Drei Wochen später sass er beim Produzenten in der indischen Metropole Hyderabad, wo er seinen Lieferanten und eine Art zweite «Familie» fand, wie er selbst sagt: «Sie nennen mich Uncle Marcel».
Aus wenigen Kernen werden Tonnen
Heute erwirtschaftet er mit seinem Granatapfelkerne-Importgeschäft einen Jahresumsatz «von ein paar Millionen Franken». Bangerters Produkte stehen bei Volg sowie bei einzelner Migros-Genossenschaften in den Regalen und in den Küchen mehrerer Gastrobetriebe. Wöchentlich lässt er zwischen 3 und 4 Tonnen Kerne einfliegen, die Logistik hat er an einen Zürcher Engroshändler ausgelagert, bei seinem indischen Handelspartner sichert er damit 50 Arbeitsplätze.
Und auch für ihn persönlich geht die Rechnung auf: Er kann sich einen «angebrachten» Monatslohn auszahlen, wie er er sagt.
Bangerter weiss, dass er privilegiert ist. Nicht alle hätten die finanziellen Möglichkeiten, um neu zu starten. Und nicht alle hätten einen Arbeitgeber, der einem die nötige Freiheit gewährt, um überhaupt in die Startposition zu gelangen. Sein Chef bei der Credit Suisse war einer der ersten Besucher am Spitalbett nach der Krebsdiagnose. Und er war es auch, der Bangerter nach seiner Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglichte, während rund 5 Jahren Teilzeit zu arbeiten. Etwas, was im Banking in seiner Position alles andere als gern gesehen war.
Als er Ende 2016 die Credit Suisse verliess, versuchten nicht wenige ihn umzustimmen. Schliesslich schmiss er seine «Bankerkarriere hin für eine Frucht», wie Bangerter sich erinnert.
Vom passionierten Banker zur Passions-Frucht
Beim Grounding der Credit Suisse im Frühjahr 2023 war Bangerter nicht mehr dabei. Geschmerzt hat es ihn dennoch – auch wegen des Geldes, das er als treuer CS-Aktionär und CS-Optionenhalter verloren hat, aber vor allem wegen seiner ehemaligen Kollegen und wegen des Unternehmens selbst, das er geschätzt hat. Und das ihn immer gut behandelt hatte: «Ich kann wirklich nichts Schlechtes über die CS sagen.»
Schon als 14-jähriger Junge wusste Bangerter, dass er Banker werden wollte. Vor den Granatäpfeln war das Handelsgeschäft seine Passion. Er machte in Thun eine Lehre bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, der Vorläuferin der heutigen UBS, zog mit 19 nach Zürich und später nach London. Er drehte als Investmentbanker am grossen Rad, arbeitete für die Deutsche Bank, baute in Zug einen Hedgefonds mit auf und ging dann 2007 als Sales-Trader zur Credit Suisse.
Privat liess er sich in Baar bei Zug nieder, heiratete seine Schulliebe aus Thun, mit der er zwei Kinder im Teenager-Alter hat. Ihre mittleren Namen Zoë und Ray hat er in seiner Granatapfelmarke verewigt.
Früher trieben ihn die Börsenkurse an, heute Granatapfelprodukte. Doch zwischen beiden Disziplinen gibt es einen fundamentalen Unterschied, wie er betont. «Als Trader kann man nur gewinnen, wenn gleichzeitig ein anderer verliert. Jetzt aber gibt es nur Gewinner.»
Ausser vielleicht die Umwelt. Schliesslich werden seine Granatapfelkerne per Flugzeug geliefert und jede Portion einzeln in viel Plastik eingepackt. Er arbeite gemeinsam mit dem indischen Lieferanten mit Hochdruck an einer nachhaltigeren Plastikverpackung, sagt Bangerter und fügt an, dass die CO₂-Bilanz seiner indischen Importe «nicht schlechter ausfalle» als jene, der Konkurrenz, die ihre Granatäpfel aus Europa mit LKWs in die Schweiz fahren würden. Umso mehr als ja «nur» die Kerne importiere, und nicht den ganzen, schweren Apfel.
Von den Bankgeschäften hat er sich mittlerweile völlig losgelöst und fokussiert sich nur noch auf seine Familie und Granatäpfel. Die Frucht ist viel mehr in seinem Leben als eine Existenzbasis oder ein Gesundheitsversprechen, mehr als Lohn und Vitamine. «Granatäpfel sind meine Religion.» Wenn er über die rote Frucht spricht, kann er gar nicht mehr aufhören, erzählt von seinen Indienreisen, von seinen Erfahrungen an Früchtemessen, wo er immer wieder anzutreffen ist – und von der heilenden Kraft der Granatäpfel.
Er sei sich bewusst, dass er «etwas esoterisch» klinge, sagt er und verweist aber gleich auf verschiedene medizinische Studien, aus denen ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Granatapfelprodukten und einer positiven Wirkung jedenfalls nicht ausgeschlossen werden kann.
Neuer Geschäftspartner und Expansionspläne
In einem Grossunternehmen möchte Bangerter jedenfalls nicht mehr arbeiten. Doch in seinem Ein-Mann-Lebensmittelhandel fühlte er sich mit der Zeit doch etwas einsam. «Mir fehlte ein Mitstreiter, ein Arbeitskollege.» Deshalb hat er sich mit dem Rohstoffhändler Willi Giger nun einen Geschäftspartner an Bord geholt und diesem per 1. Oktober die Hälfte der Granatkerne-Firma verkauft. Gemeinsam hegen sie grosse Wachstumspläne.
Vor allem in der Gastronomie erkennen sie nach eigenen Angaben ein grosses Potenzial – und sie wollen expandieren und neue europäische Märkte erschliessen. Namentlich die skandinavischen Länder. Erste Gehversuche im Ausland hat Bangerter schon hinter sich: Seine Kerne gibt es seit 2021 auch in der spanischen Warenhauskette El Corte Ingles.
Gleichzeitig ist Bangerter daran, eine neue Firma zu gründen: Pomogran 8. Klar, geht es hier wieder um Granatäpfel. Nicht um Kerne, sondern um Shots. Rund zehn stille Investoren und ein kleines Spezialistenteam sind an Bord.
Die Granatäpfelkerne sind dieselben. Doch diesmal werden sie bei einem Apfelbauer unweit von Montreux VD in einem speziellen Verfahren gepresst und in kleine Flaschen abgefüllt. Es macht den Saft länger haltbar und konserviert die Vitamine. Bangerter hofft dank der Herstellung in der Schweiz, für den Verkauf der Shots das Schweizer Kreuz verwenden zu dürfen.
Der Granatapfel versetzt Berge und ein Gemälde
Anfang 2026, so der Plan, sollten die roten Shots in den Regalen der Supermärkte stehen und auch online erhältlich sein. Auch dank all seiner Kontakte, die er inzwischen geknüpft hat. Beruflich und auch privat. Der Granatapfel sei ein «Türöffner zu Menschen, die ich sonst nie kennenlernen würde.» So wie etwa die britische Singer-Songwriterin und Malerin Nerina Pallot. Auf Instagram entdeckte er ein Foto eines Granatapfel-Bildes, das sie gemalt hatte und versteigern wollte. «Ich musste das Bild unbedingt haben. Das war mein Bild.» Er bot mit, erzählte ihr seine Geschichte – und erhielt den Zuschlag.
Etwas später trafen sie sich in London zur Übergabe. Jetzt hängt es in seiner Küche: das Aquarellbild, das eine Moschee aus Damaskus in einem grossen Granatapfel zeigt. Passend für den Mann, der den Krebs auch mit Hilfe des Granatapfels überwunden und diesen als seine persönliche Religion gefunden hat. (aargauerzeitung.ch)
