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Schweiz
Kunst

Jürg Halter braucht Personenschutz wegen LGBTQ+-Bild

Juerg Halter, writer, musician and performance poet, pictured at Jack's Brasserie in the Hotel Schweizerhof in Berne, Switzerland, on August 14, 2015. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Jürg Halter wurde im Internet anonym angefeindet.Bild: KEYSTONE

Schweizer Künstler Jürg Halter stellt LGBTQ+-Bild aus – und die Linke dreht durch

Jürg Halter musste für die Finissage seiner ersten Soloausstellung «Fuck Slogans» in Zürich Personenschutz anstellen und rechnet nun in einem Post auf Facebook mit der Linken ab.
08.11.2022, 19:0310.11.2022, 04:35
Elena Lynch
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Der Berner Künstler Jürg Halter (42) stellte in der Galerie Stephan Witschi in Zürich zum ersten Mal alleine aus. Für die Finissage der Ausstellung «Fuck Slogans» am 22. Oktober brauchte er Personenschutz.

Das wurde am Montag publik. In einem Post auf Facebook schrieb Halter, dass es im Vorfeld in den sozialen Medien anonyme Drohungen gegen ihn und seine Kunst gegeben habe. Es sei dazu aufgerufen worden, die Finissage zu «besuchen» und diese zu «stören».

Wie Halter auf Anfrage von watson schrieb, sei der Aufruf, dass sich «wahre Antifaschist*innen» zur Finissage am 22. Oktober von «Jür[g] Steigbügelhalter» in der Galerie treffen sollten, unter anderem von einem Account gekommen, der schon häufiger gegen ihn gehetzt habe. Der Tweet liegt watson als Screenshot vor.

In der letzten Woche hätten zwei junge Männer unabhängig voneinander tatsächlich die Galerie besucht und gefragt, ob man einfach so Zugang zu den Räumen habe. Die Bedrohung sei dadurch realer geworden, so Halter auf Facebook.

Die Galerie habe die Polizei informiert, die bestätigte, dass solche «Abklärungen» vor Ort oft geschehen, wenn «in extremistischen Kreisen» ein Angriff auf eine Veranstaltung oder eine Person geplant sei. Daraufhin engagierte die Galerie zwei Personenschützer. Zuletzt habe er vor 15 Jahren Personenschutz gebraucht, als er als Kutti MC in der Kaserne Basel auftrat.

Wie der Galerist Stephan Witschi auf Anfrage von watson schrieb, sei die Situation «sehr unangenehm» gewesen. Seit über 20 Jahren mache er die Galerie, aber noch nie habe er «solche Sicherheitsvorkehrungen» treffen müssen. Dabei sei die Kunst von Jürg Halter «alles andere als beleidigend oder despektierlich gegenüber Minderheiten».

Bild als «queer- und transfeindlich» abgetan

In seinem Post auf Facebook nennt Halter zwei Gründe, die zu den anonymen Drohungen geführt haben sollen. Erstens ein Interview mit der «Aargauer Zeitung», welches auch auf watson zu lesen war, in dem er unter anderem eine übersteigerte Identitätspolitik, die kein differenziertes Dazwischen mehr erlaube, und eine drohende Zersplitterung der Gesellschaft anspricht.

Zweitens ein Bild in der Ausstellung, auf dem in Blau auf Weiss die Buchstabenabfolge «LGBTQIA + CDEFHJKMNOPRSUVWXYZ», darunter eine Linie und darunter wiederum das Wort «Human» zu sehen war.

Damit habe er zeigen wollen, dass wir derzeit an erster Stelle eher das betonen, was uns trenne, anstatt das, was uns eine – «obwohl das doch eigentlich viel mehr wäre». Doch als er das Bild auf Instagram veröffentlichte, wurde es von einem anonymen Account in einer Story, die watson als Screenshot vorliegt, als «queer- und transfeindlich» abgetan.

Gejagt von «linksextremen Trollen»

In seinem Post auf Facebook schrieb Halter auch, dass einige der «unsachlichen, verächtlichen, beleidigenden Tweets und Posts» gegen ihn teilweise von jungen SP- oder Juso-Mitgliedern sowie von «linksidentitären Journis» geliked wurden – was er für «besonders bedenklich» hält.

So schlug auch ein Tweet eines Journalisten der linken Wochenzeitung WOZ Wellen – vier Tage nach der Finissage von «Fuck Slogans».

Auf Twitter teilte der Journalist ein Foto von Halter, das ihn in der Ausstellung zeigt, und schrieb:

«Kann bitte jemand ENDLICH Tomatensuppe auf dieses Bild spritzen?! Vielleicht beruhigt er sich dann.»

Halter antwortete auf Twitter: «Ein WOZ-Redaktor ruft dazu auf, eine Ausstellung von mir anzugreifen und also auch eine kleine private Galerie, nachdem ich erneut von linksextremen Trollen durchs Twitterdorf getrieben wurde. Ironie darf alles. Wenn es gegen mich geht.» Darauf entgegnete der WOZ-Redaktions-Account:

«Mach mal Auszeit, alles kommt gut.»

Dass die Finissage mit Personenschutz stattfinden musste, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Ob die Journalistinnen und Journalisten der WOZ ahnten, dass sich Halter aufgrund der Anfeindungen vielleicht verängstigt fühlte und entsprechend empfindlich reagieren würde, ist unklar.

Am Dienstag gab es zwischen der WOZ und Halter ein klärendes Gespräch, worauf ein versöhnlicher Tweet folgte.

«Das Ganze setzt zu»

Das war bei einem Journalisten der Republik anders, der am Montag, nachdem Halter auf Facebook seine Situation geschildert hatte, auf Twitter schrieb: «Verstehe ich [das] richtig? Niemand hat sich für deine Ausstellung interessiert auch WOZ nicht und jetzt konstruierst du wegen [einem] eindeutigen Witz-Tweet von einem WOZ-Journi […] eine Bedrohung, die es nie gab, damit wenigstens ein bisschen über dich geredet wird? Alter.»

Es sei nicht das erste Mal, schrieb Halter auf Facebook, dass er Häme und Spott ernte oder im Internet anonym angefeindet werde. Als Künstler sei er das gewohnt, doch sei es das erste Mal, dass er damit an die Öffentlichkeit gehe.

Wie lange Halter über diesen Schritt nachgedacht und an seiner sorgfältigen Wortwahl gefeilt hat und ob er das Ganze jetzt bereut, wissen wir nicht.

Auf Anfrage von watson schrieb er:

«Ich möchte eigentlich, dass nun wieder Ruhe einkehrt. Das Ganze setzt zu.»
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318 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Aspirin
08.11.2022 19:33registriert Januar 2015
Ich sehe mich definitiv als Linken, mitterweile bin ich auch schon als „Grünfaschist“ bezeichnet worden. Aber gewallttätige Angriffe auf einen Maler, dessen Bild vermeintlich LGBTQIA-feindlich ist, heisse ich definitiv nicht gut. Man kann das Bild mögen oder hassen, aber die Aussage des Bildes ist berechtigt, wir sollten wieder mehr miteinander anstelle gegeneinander leben und uns nicht primär über eine Gruppenzugehörigkeit sondern unsere Menschlichkeit definieren.
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raues Endoplasmatisches Retikulum
08.11.2022 19:32registriert Juli 2017
Das ich den Tag erleben durfte, an dem MC Kutti schon dem Lager der pösen Rechten zugerechnet wird.
Hätte man sich vor einigen Jahren auch noch nicht ausdenken können, aber die Selbstradikalisierung im linken Lager schreite wohl voran.
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mrmikech
08.11.2022 19:26registriert Juni 2016
Und mal wieder inhaltslose "diskussionen" auf Twitter. Egal ob links, rechts, extrem oder nicht, was für ein kackmedium.
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