Schweiz
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epa04674323 A picture made available on 22 March 2015 shows Swiss artist Hans Erni in his museum in Lucerne, Switzerland, 18 February 2004. Erni died on 21 March 2015 family members confirmed on 22 March. Born in Lucerne on 21 February 1909, Erni was known in particular for illustrating postage stamps, activism, lithographs for the Swiss Red Cross, and participation on the Olympic Committee. The Hans Erni Museum, situated in the grounds of the Swiss Museum of Transport in Lucerne, contains a large collection of his artwork.  EPA/URS FLUEELER

Hans Erni in seinem Museum in Luzern. Bild: EPA/KEYSTONE FILES

Wenn du hinaufschaust in den Himmel und einen Mann mit weissem Kittel und weissen Haaren siehst, ist es vielleicht Hans Erni

Sein weisses Haus stand mitten im Feigenbaum-Paradies und wir wollen hoffen, dass der Platz, wo Hans Erni jetzt ist, ebenso schön ist. 



Als Hans Erni 100 Jahre alt wurde, am 21. Februar 2009, da besuchte ich ihn in seinem weissen Haus am Vierwaldstättersee. Ihn, den Mann mit den weissen Haaren und in weissen Kleidern, der die markigen Schweizer Briefmarken- und Plakatkultur seit vielen Jahrzehnten prägte. Er lebte damals in diesem Haus aus Licht, das er selbst für seine grosse Liebe entworfen hatte, für seine Doris, seine Gattin in zweiter Ehe, von der er sich an diesem Wochenende nach fast 70 Jahren verabschiedet hat. Mit 106 Jahren und einem Monat ist Hans Erni in der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern für immer eingeschlafen.

Kennengelernt hatten sich die beiden, als die 18 Jahre jüngere Doris einen Aufsatz «über eine bekannte Persönlichkeit» für die Handelsschule schreiben musste. Und weil sie den damals ausgesprochen feschen Hans vom Volleyballspielen am Luzerner Lido schon ein wenig kannte, fragte sie eben ihn. So fing alles an. 1956, nach den ersten gemeinsamen Jahren, entwarf Erni das Haus über dem See, das zuletzt selbst einem sehr mondänen Museum glich mit den weissen, halbrunden Ledersofas, die aussahen wie aus einem Bond-Film, den Orchideen am Fenster, den grossen, kreisrunden Tischen mit Erni-Motiven in schwarzweiss oder goldweiss, riesige Teppiche mit Erni-Ornamenten auf weissem Grund. Und mitten drin Hans Erni, ganz in weiss, alt, schnell müde, und ganztags in seinen weissen Malerkleidern.

ZUM 105. GEBURTSTAG VON HANS ERNI AM FREITAG, 21. FEBRUAR 2014, STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - Der Kuenstler Hans Erni, rechts, und seine Ehefrau Doris, links, fuehren die Medien durch seine Ausstellung

Die Sonne geht über Doris und Hans Erni auf. Bild: KEYSTONE

Das Haus liegt in einem selbstgeschaffenen Wald, inmitten von Bäumen, die Hans Erni vor einem halben Jahrhundert gepflanzt hat. Vor dem Fenster steht ein Feigenbaum, im Garten gibt es noch mehr davon, rund sieben Kilo Feigen pflückten die Ernis zur Erntezeit, erzählte Doris 2009. und wenn mit der Kunst einmal nichts mehr läuft, sagte Hans, dann würden sie einfach mit den Feigen auf den Markt gehen. Es war nicht nötig. Erst letztes Jahr hat er noch das Farbschema für das neue PC-12 NG Demoflugzeug von Pilatus entworfen.

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Ernis blaue Pferde können fliegen. bild: ap

Und das ist Ernis Geschichte: Am 21. Februar 1909 wird ein Schiffsmaschinist auf dem Vierwaldstätter See Vater eines Buben namens Hans. Der Vater zeichnet, am liebsten Pferde, und Hans verbringt mit seinem Vater oft Stunden in der benachbarten Hufschmiede. Später lernt Hans Vermessungstechniker und Bauzeichner, neben den Tieren ist er begeistert von klaren, geometrischen Elementen, von Linien, die er wie eine neue Weltordnung über alles legt. Mit 18 beginnt Hans ein Kunststudium, mit 19 gewinnt er einen Kunstpreis in Paris, aber weil er Ausländer ist, hat er kein Anrecht auf das Preisgeld. Mit 24 erhält er vom Kunstmuseum Luzern den Auftrag, die europäische Avantgarde nach Luzern zu holen. Er holt unter anderem Picasso. Den ersten Picasso, den die Schweiz jemals gesehen hat.

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Erni brachte Picasso in die Schweiz. Die Kubisten haben es dem Schweizer Künstler angetan, und sogar Picasso war dankbar, seine Bilder in der Schweiz ausstellen zu können. Bild: Art Resource

Er selbst stellt damals in England und Frankreich aus, in der Schweiz schafft er den Durchbruch 1939 mit seinem 5 x 100 Meter grossen Wandbild für die Landesausstellung in Zürich. Es ist eine Werbung für das Tourismusland Schweiz, es zeigt – schön grafisch reduziert – Berge, Seen, Tiere, Trauben, aber auch Hoteliers, Bergführer und Ingenieure. Die Schweiz ist nicht einfach ein Heidiland, die Schweiz ist eine Synthese aus Mensch, Natur und Technik. Und Hans Erni ist der neue grafische Öffentlichkeitsarbeiter der Schweiz. Ein linker Öffentlichkeitsarbeiter, denn Erni ist damals Marxist, und als solcher nicht bei allen seinen Auftraggebern beliebt. 

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Entwurf fürs gewaltige Fresko zur Schweizerischen Landesausstellung 1939 mit dem Titel «Die Schweiz, das Ferienland der Völker». bild: http: ghidelli

In den 40er-Jahren entwirft er für die Nationalbank eine neue Banknoten-Serie; die Tausendernote ist schon gedruckt, als ein Luzerner Nationalrat Einspruch dagegen erhebt, dass «ausgerechnet ein Kommunist» das Alltagsbild der Schweiz prägen sollte. Die Noten werden eingestampft, «innerhalb eines Tages wurde meine Arbeit von vier Jahren vernichtet», sagt Erni.  

Doch Hans Erni lässt nicht von seinem Engagement ab: Auf seinen Plakaten setzte er sich für gerechte Löhne für Arbeiter ein («Wotsch en rechte Lohn?», 1949), für das Rote Kreuz, die Caritas, die UNO, die AHV-Revision, für geistig Behinderte, für Menschenrechte und vor allem für den Umweltschutz. Seine zwischen 1961 und 1985 entstandenen Plakate «Rettet das Wasser», «Rettet den Wald», «Rettet die Luft» sind legendär. Der Wald, das war 1985 ein lockiger, angst- und schmerzverzerrter Männerkopf, der aus einem Baumstrunk wuchs und dem der Holzfäller bereits die tödliche Kerbe in den Hals beziehungsweise Stamm geschlagen hatte. Die Luft wurde mit einem Totenschädel illustriert, an dem ein freigelegtes menschliches Kapillarsystem hing. Das war düster, drastisch und bedrohlich. Und im Vergleich zu all den tanzenden Pferden, flatternden Tauben und antikisierten Menschen, die man sonst bei Erni antrifft, von einer ganz anderen Eindringlichkeit.

Bis zuletzt arbeitete Hans Erni zuhause in seinem Atelier mit den über 10 Meter hohen Fenstern. Im Gegensatz zum weissen Wohnzimmer explodierte das Atelier beinah vor Buntheit. Auf dem Zeichentisch lag an seinem Hundertsten gerade die Vorlage für eine Mauerdekoration, die Erni im Auftrag der Stadt Genf vor dem UNO-Sitz fertiggestellt hatte: Etwa 60 x 3 Meter Mauer werden mit rund 200 Keramikplatten bedeckt, für die er wie immer mit viel Schwung Impressionen der Technikgeschichte und Völkerverständigung entworfen hat, ein energetischer, blau-violett-grün-getönter Reigen aus Figuren, Tieren und technischen Skizzen, das radikale Gegenteil eines Totentanzes.

ARCHIV --- Das Wandbild, das der Schweizer Kuenstler Hans Erni vor dem Palais des Nations der UNO in Genf realisiert hat am 6. Juni 2009. Der Luzerner Kunstmaler und Bildhauer Erni ist am Samstag, 21. Maerz 2015 106-jaehrig gestorben. Wie seine Familie am Sonntag eine Meldung von 20minuten.ch bestaetigte, entschlief er friedlich in der Hirslanden Klinik St. Anna in Luzern. Erni war bis zum Schluss kuenstlerisch taetig. Geboren wurde er am 21. Februar 1909.   (KEYSTONE/Christian Brun)

Die von Hans Erni geschmückte Mauer am Palais des Nations in Genf. Bild: KEYSTONE

Ein entzückendes, handflächengrosses Mädchengesicht in Öl lehnte in einem breiten goldenen Rahmen gegen ein Tischbein: Doris, um die Zeit herum, als sie sich kennen lernten. Schwarzes Haar, ein skeptischer Blick, ein hübsches Mündchen und ein Gesicht, das man sofort mit Landluft und Bergen verbindet. Es ist ganz leicht und liebevoll hingetupft. An der Wand ein grosses Bild mit einem nackten Paar: Hans und Doris. Als Adam und Eva. Nur viel, viel glücklicher. In ihrem Paradies aus Feigenbäumen.  

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