Portemonnaie gefunden! So ehrlich sind die Schweizer im weltweiten Vergleich
Der Schreck ist gross, wenn das Portemonnaie verloren geht. Besonders, wenn viel Geld drin war. Gerade dann besteht jedoch Grund zur Hoffnung, dass der Finder es zurĂŒckgibt. Zu diesem ĂŒberraschenden Ergebnis kommt eine Studie der UniversitĂ€t ZĂŒrich.
Viel Geld wird eher zurĂŒckgegeben
Wer ein Portemonnaie mit viel Geld darin findet, könnte sich einfach ĂŒber den unverhofften Gewinn freuen. Aber gerade bei hohen Geldsummen verhalten sich die Finder ĂŒberraschend ehrlich, wie ein weltweites Experiment der UniversitĂ€ten ZĂŒrich, Michigan und Utah zeigt. Damit widerspricht das Ergebnis klassischen ökonomischen Modellen, dass finanzielle Anreize die Ehrlichkeit senken. Einen wichtigen Grund sehen die Forschenden darin, dass sich die Finder nicht als Diebe fĂŒhlen wollen.
Die Wissenschaftler um Michel MarĂ©chal von der Uni ZĂŒrich stellten fĂŒr die Studie Menschen in 355 StĂ€dten in 40 LĂ€ndern auf die Probe: Eine Person gab vor, ein Portemonnaie gefunden zu haben, aber in Eile zu sein. Also gab sie es beim Empfang von Institutionen wie Hotels, Banken, Museen, Post- oder Polizeistellen ab, damit sich die dortige Person darum kĂŒmmere. In der transparenten Brieftasche befanden sich persönliche Visitenkarten mit Name und Adresse des Besitzers, eine Einkaufsliste, ein SchlĂŒssel und entweder kein Geld, ein mittlerer oder ein hoher Geldbetrag.
Ăber 17'000 Portemonnaies gaben die Wissenschaftler auf diese Weise ab, wie die Uni ZĂŒrich am Donnerstag mitteilte. Anschliessend prĂŒften sie, wie viele der Brieftaschen zum Besitzer zurĂŒckfanden. Ăberraschenderweise stieg die RĂŒckgabequote in 38 von 40 LĂ€ndern deutlich, je mehr Geld im Portemonnaie war. Global gesehen stieg die Quote von 51 Prozent beim niedrigeren Betrag auf 72 Prozent beim höheren. Portemonnaies ohne Geld gaben im Durchschnitt nur 40 Prozent zurĂŒck.
DĂ€ninnen und DĂ€nen sind am ehrlichsten
Am ehrlichsten waren die Finder hoher GeldbetrĂ€ge in DĂ€nemark: Hier gaben 82 Prozent das gut bestĂŒckte Portemonnaie zurĂŒck. Auf den hinteren PlĂ€tzen der untersuchten LĂ€nder rangierten beispielsweise China, Peru, Kasachstan und Kenia, wo nur 8 bis 22 Prozent der unwissenden Probanden die Brieftasche retournierten.
Schweizerinnen und Schweizer vorne mit dabei
Die Schweiz gehörte neben den skandinavischen LĂ€ndern zu den ehrlichsten: Die RĂŒckgabequote war hierzulande sowohl bei geldlosen Portemonnaies als auch bei solchen mit hohen Geldsummen sehr hoch, zwischen 73 und 78 Prozent. Die höherer Betrag steigerte die RĂŒckgabequote auch nur leicht.
Ăberwachungsvideo zeigt tanzenden Dieb
Finanzieller Anreiz vs. Ehrlichkeit
Hintergrund der Studie war die Frage, welche Faktoren Ehrlichkeit im Alltag beeinflussen, wie MarĂ©chal im Rahmen eine Pressekonferenz zur Studie erklĂ€rte. Zwar spielen altruistische Motive den Forschenden zufolge eine Rolle, ein gefundenes Portemonnaie zurĂŒckzugeben oder nicht, jedoch gingen die Wissenschaftler zu Beginn davon aus, dass ein grösserer finanzieller Anreiz die Ehrlichkeit des Finders senken sollte. Dieser Meinung waren auch Finanz- und Ethik-Experten, die die Wissenschaftler den Ausgang des Portemonnaie-Experiments voraussagen liessen.
Dass dem nicht so ist, entdeckten die Forschenden bereits vor einigen Jahren im Rahmen einer Pilotstudie in Finnland mit einem Àhnlichen Experiment, erzÀhlte Maréchal. Daraus entstand die Idee, dieses PhÀnomen global zu untersuchen.
Menschen wollen sich nicht als Diebe fĂŒhlen
Ein entscheidender Anreiz dĂŒrfte laut MarĂ©chal und seinen Kollegen sein, dass sich der Finder beim Entschluss, einen höheren Geldbetrag zu behalten, als Dieb fĂŒhlt. Das zeigte auch eine ergĂ€nzende Umfrage im Rahmen der Studie: Je mehr Geld in einem gefundenen Portemonnaie steckte, desto mehr empfanden es die Befragten als Diebstahl, es zu behalten.
«Menschen wollen sich als ehrliche Personen sehen, nicht als Diebe», liess sich MarĂ©chal in der Mitteilung zitieren. Ein gefundenes Portemonnaie zu behalten, fĂŒhre dazu, dass man sein Selbstbild anpassen mĂŒsse, was mit psychologischen Kosten verbunden sei. (tam/sda)
