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Ob wir wollen oder nicht, unsere Nachbarn sind uns am nächsten. Bild: Shutterstock

Immer wieder Horror-Nachbarn in den Schlagzeilen – was hilft, wenn die gegenüber nerven?

Ob wir wollen oder nicht, unsere Nachbarn sind uns am nächsten. Beziehungen mit ihnen können bereichernd sein, oft sind sie spannungs­geladen und herausfordernd.

Anna Miller / ch media



Einen Nachbarn wie Ueli Anliker wünschen sich viele Menschen in Trimbach im Kanton Solothurn offenbar nicht. Der 63-jährige Selfmade-Millionär und Autotuner hat sich jüngst einen Glaspavillon für seine Motorräder gegönnt, in Form eines buddhistischen Tempels, und das hat mindestens 20 Nachbarn dazu bewogen, Beschwerde anzumelden.

Herr Anliker reagiert auf diese Tatsache auf seine ganz eigene Art: Indem er vor ein paar Tagen drei nackte Frauen­puppen in seinen Garten stellte. Eine davon streckt den Mittelfinger Richtung Parzellengrenze, und Anliker übersetzt die Geste gegenüber dem Portal «20 Minuten» auch gleich selbst: «Will heissen: Ihr könnt mich alle mal.»

Auch wenn auf der Welt nicht alle Nachbarschaftsbeziehungen verlaufen wie in Trimbach, so ist die Beziehung zu unseren Nachbarn schon seit jeher eine potenziell spannungsgeladene. Wir können Glück haben oder sehr viel Pech. Und aus einer Freundschaft kann Feindschaft werden, aus einem Nebeneinanderher-Wohnen plötzlich eine nie enden wollende Problem­stellung. Oder aber wir finden in unseren Nachbarn eine neue Form der Gemeinschaft, Gleichgesinnte, legen uns irgendwann frisch gebackene Zöpfe in den Milchkasten und passen gegenseitig auf unsere Kinder auf.

So oder so: Die Coronapandemie hat uns noch mehr an unsere eigenen vier Wände gebunden. Und an unsere Nachbarn. Wir sind alle viel öfter zu Hause und setzen uns intensiver mit unserer unmittelbaren Umgebung auseinander.

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Tür an Tür und doch ganz verschieden, das macht eine Nachbarschaft aus und anstrengend. bild: imago

Dabei ist die Beziehung zu unseren Nachbarn eine herausfordernde. Experten sind sich zwar einig, was eine gute Nachbarschaft ausmacht: nämlich die richtige Mischung zwischen Nähe und Distanz. Doch wie diese richtige Mischung aussieht, ist sehr individuell.

So individuell wie die Nachbarn, die uns umgeben und die wir uns nicht aussuchen können. Oft sind wir ein Haufen zusammengewürfelter Individuen, die unterschiedliche Bedürfnisse, Tagesrhythmen und Vorlieben haben. Der Wohnraum ist ausserdem eine Art zweite Haut für uns. Privatsphäre, Intimsphäre. Dringt ein anderer in diesen Raum ein, beispielsweise über Geräusche, fühlen wir uns gereizt und reagieren mit Stress.

Wir fühlen uns bedrängt und nicht mehr sicher

Auch weil dadurch unser Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit verletzt wird. Urbedürfnisse, die wir seit Beginn der Menschheit in uns tragen. Die Folge: Wir fühlen uns bedroht und in die Ecke gedrängt und reagieren teilweise aggressiver, als die Situation es erfordern würde. In Ballungsräumen und Städten, wo der Wohnraum knapper ist und Altbauten oft mehr preisgeben, als uns lieb ist, ist die Situation deshalb generell konfliktanfälliger als auf dem Land.

Der deutsche Psychologe Volker Linneweber untersuchte nachbarschaftliches Verhalten in 200 Fällen. Zentral in allen Streitfällen ist nach Linneweber die «Verletzung von Konventionen, Erwartungen, Normen und Regeln» – wie das auch im aktuellen Nachbarschaftsstreit in Trimbach der Fall ist.

Er machte zwei Hauptgruppen aus: Diejenigen, die sich an der Übertretung bestehender Regeln stören, beispielsweise Gitarre spielen nach 22 Uhr oder das nicht notausgangkonforme Schuhregal im Gang; und die zweite Gruppe, die sich von genau diesen Leuten kontrolliert und eingeengt fühlt. Auch empfundener Neid auf die sozialen Aktivitäten der Nachbarn ist laut Linneweber ein Trigger.

Jetzt, in der Pandemie, greifen Neid und Wut vermehrt um sich. Wir werden wütend, wenn wir mitbekommen, dass andere Menschen sich Freiräume nehmen, die wir uns, gerade jetzt, in der Pandemie, verbieten, sagt Katja Rost, Soziologin an der Universität Zürich.

«Da kann es schnell zu Neid und Missgunst kommen.»

Dann rüsten wir verbal auf oder ziehen uns, finden wir keinen Ausweg, so lange zurück, bis wir ausziehen – oder wir verfallen sogar in eine Depression. Dabei spielt eine Rolle, wer die Geräusch- und Störquelle ist: Schreien die Kinder des befreundeten Paares, das einem immer so nett die Tür aufhält, reagiert man gelassener, als wenn der Nachbar, der einen ständig kritisiert, zu lange Klavier spielt.

Kleinigkeiten klein lassen hilft schon sehr

Dabei sind jüngere Menschen in der Regel flexibler und weniger konflikt­geladen als ältere. Dies liegt nicht nur am Alter selbst, sondern auch an der Sesshaftigkeit der Leute. Hat man sich erst mal ein Haus oder eine Eigentumswohnung gekauft und möchte vielleicht für den Rest seines Lebens am gleichen Ort verweilen, fühlt man sich schneller ohnmächtig ausgeliefert. Und schiesst bereits bei Kleinigkeiten drein, um eine Eskalation möglichst früh zu stoppen.

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Doch genau das ist einer der Fehler: Oft werden Kleinigkeiten zu schnell Thema – eine Negativspirale entsteht. Am Ende verhärten sich die Fronten, und Menschen hassen sich leidenschaftlich, obwohl gar nicht mehr so sehr klar ist, wer eigentlich weshalb mit dem Streit angefangen hat.

Es ist ausserdem soziologisch belegt, dass der Mensch sich selbst in besserem Licht sieht als den anderen. Wenn wir beispielsweise den Müll einmal nicht hinuntertragen, wissen wir: Ich bin grundsätzlich pflichtbewusst, aber heute finde ich einfach nicht die Zeit dazu. Bei den anderen denken wir hingegen: Der ist schludrig, der macht das sicher immer so. Soziologin Rost:

«Was wir bei uns selbst als situativ interpretieren, machen wir beim anderen zu einer Charak­ter­eigen­schaft.»

Dabei wäre so viel Ärger gar nicht nötig. Und ist auch nicht gesund: Dauerhafte negative Erfahrungen mit unseren Mitmenschen machen uns anfällig für Krankheiten und drücken auf unsere Stimmung. Gute Kontakte und ein Gefühl des Eingebettetseins hingegen wirken wie Medizin.

Wenn man aufeinander achtet, kann das entstehen, was Wissenschafter «kollektive Wirksamkeit» nennen, sagt der Soziologe Sebastian Kurtenbach, der zum Thema Nachbarschaft in digitalen Zeiten geforscht hat: «Wenn ich meiner Nachbarschaft vertraue und die Erwartung habe, dass sie sanktionierend eingreift, wenn abweichendes Verhalten stattfindet, dann steigt auch meine Bereitschaft dazu, einzugreifen, wenn irgendetwas schiefläuft.»

Es lohnt sich also, in gute Nachbarschaft zu investieren. Gerade in Krisenzeiten. Man kann das Verhalten des anderen jedoch nur bedingt beeinflussen. Ideal ist deshalb, wenn man bei sich selbst beginnt. Und den ersten Schritt in eine positive Richtung macht.

Vier Tipps für gute Nachbarschaft

1. Übe dich zuerst einmal in Toleranz und Empathie

Stört dich der Lärm aus der anderen Wohnung oder die Schuhe, die im Gang herumliegen, denkst du darüber nach, ob du vielleicht nicht auch Momente hast, die für andere störend sind, die man Ihnen aber durchgehen lässt. Wäge ab, wie schlimm das Problem wirklich für dich ist. Falls die Nachbarn dich in deinem Leben einschränken, such das Gespräch. Wichtig: In den allermeisten Fällen handeln die Nachbarn nicht so, um dir aktiv Leid zuzufügen. Sondern schlicht, weil sie andere Vorstellungen eines guten Wohnens haben.

2. Gib der Nachbarschaft ein Gesicht

Nie war ein günstigerer Zeitpunkt, einander wirklich kennen zu lernen und zu begegnen. Stell dich bei den Nachbarn vor, leg etwas Leckeres vor die Tür, hilf beim Hinuntertragen, wenn jemand Hilfe braucht. Lernt man das Gegenüber kennen, kann man auch viel einfacher darüber sprechen, wenn einmal etwas nicht passt.

3. Dein Verhalten änderst du einfacher als deine Nachbarn

Frag dich, was du an einer Situation, die dich stört, selbst aktiv ändern kannst. Macht der Nachbar eine Homeparty mit sich selbst, nach 22 Uhr, aber bloss zweimal im Monat? Dafür gibt es Ohropax. Macht die Dame über dir ihre Seilspringaktionen um 15 Uhr, während du in einem Call bist? Wechsel wenn möglich das Zimmer.

Läuft der Herr über dir aber 24 Stunden am Tag mit Schuhen durch die Wohnung oder wird sonntagmorgens um sechs Uhr gebohrt, darfst du ruhig etwas sagen. Frag am besten freundlich nach, ob Alternativen zum aktuellen Verhalten möglich sind. Und biete an, im Ausnahmefall durchaus tolerant zu sein.

4. Nützt alles nichts, holen Sie sich Hilfe bei einer Schlichtungsstelle, oder gehen Sie gerichtlich gegen die Verletzungen Ihrer Privatsphäre vor

Bevor du das aber tust, hol dir Rat bei Freunden und Familie. Frag nach, wie eine Person aus deinem Bekanntenkreis die ­Situation einschätzt und wie sie handeln würde. Oft gibt es viel mehr Handlungsspielraum, als du gerade meinst.

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Endlich sagt mal jemand, wie's ist: Waschen in der Schweiz ist sch*****

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