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Schweiz
Leben

Anxiety: Remo «Freezy» Hunziker über sein Leben mit einer Angststörung

Jede fünfte Person in der Schweiz erleidet einmal in ihrem Leben eine Panikattacke.illustration: julia neukomm

Bis die Angst einen ans Bett fesselt – Remos langer Kampf gegen sich selbst

Angst hilft beim Überleben. Doch für Remo Hunziker bewirkt sie das Gegenteil. Zwölf Jahre lang verunmöglichte sie ihm eine normale Existenz.
14.11.2022, 11:3319.12.2022, 14:31
Dennis Frasch
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Prolog

«Fahr doch einfach in einen Baum.»

Dieser Gedanke ging Remo Hunziker manchmal durch den Kopf, wenn er wieder mal auf seinem Bett lag, keine Ahnung hatte, ob es Tag oder Nacht war und sich fühlte, als sei er mit unsichtbaren Seilen gefesselt. Wobei es nicht Remo war, der diesen Gedanken äusserte. Es war ein Dämon. Eine dunkle Kreatur, eine böse Macht – etwas, was ihm schaden wollte. Etwas, was sich tief im Inneren seines Kopfes eingenistet hatte.

Schaut man sich den 30-Jährigen heute an, deutet nichts darauf hin, dass er seinen Kopf mit einem Mitbewohner aus der Unterwelt teilt. Remo sitzt auf einem beigefarbenen Ohrensessel und raucht. Er ist freundlich und offen, gar extrovertiert. Er trägt Trainerhosen und Tanktop, okay, und seine lockigen Haare sind zerzaust, aber es ist ja bereits Feierabend, und der Dreitagebart ist wiederum perfekt getrimmt.

Auch seine Wohnung in Uster verrät nichts. Im Gegenteil, klassische Männer-WG: Spärlich eingerichtet, weisse, karge Wände, bis auf die Dartscheibe im Wohnzimmer. In einer Ecke steht ein antiker Tankstellen-Staubsauger, er trägt einen Hopp-Schwiiz-Schal. Tisch und Couch sehen so aus, als wären sie nur da, weil am Boden sitzen und essen unbequem wäre.

Nein, nichts deutet darauf hin, dass Remo seit über zehn Jahren an Angststörungen leidet. Dass er nicht einfach an ein Eishockey-Spiel gehen kann, wenn er Lust darauf hat. Dass er zuvor erst genau wissen muss, wer dabei ist, wie er dort hinkommt, wo genau er sitzen wird und wie man im Notfall schnell wieder rauskommt.

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Remo wirkt reflektiert, gar zufrieden. Er sagt Sätze wie: «Ich habe gelernt, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen», oder: «Man muss sich selbst lieben, bevor man andere lieben kann». Mantras, die man eher von ambitionierten Yogis erwartet.

Solche Klischees mögen Menschen, die von Angststörungen betroffen sind, wütend machen. Denn Menschen wie Remo leiden nicht nur unter ihrer psychischen Krankheit, sondern auch unter dem Stigma, das gewissermassen als Gratis-Accessoire mitgeliefert wird.

Es wird geschätzt, dass jeder fünfte Schweizer mindestens einmal in seinem Leben eine Panikattacke erleidet. Wie viele jedoch an einer Angststörung leiden, weiss man nicht genau. Es sind Zehntausende, vielleicht Hunderttausende. Die Dunkelziffer ist hoch. Viele getrauen sich nicht, darüber zu sprechen. Oder ignorieren es.

«Mein 18-jähriges, leicht angetrunkenes Ich war die geilste Version von mir. Ich ging unbedacht und glücklich durchs Leben.»

Die Pandemie dürfte bei den Jungen und den vulnerablen Gruppen zu mehr psychischen Erkrankungen geführt haben. Die Stiftung Pro Juventute berichtete kürzlich, dass die Anzahl Beratungen zum Thema Angst durch das Sorgen- und Beratungstelefon 147 im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent angestiegen sei. Ob in der heutigen Zeit aber tatsächlich mehr Leute unter Angststörungen leiden als vor 50 oder 100 Jahren – dafür gibt es schlicht keine Beweise.

Dass einem dies dennoch so vorkommen kann, liegt an der langsamen Entstigmatisierung. Auf Seiten wie Reddit oder Instagram gibt es riesige Communitys, in denen man sich über «Anxiety», also Angst, austauscht. Sich Tipps gibt, wie man Panikattacken übersteht («Riech mal an frischem Pfeffer!») oder welche Medikamente am besten wirken.

Dass Remo offen über seine Krankheit spricht, wäre vor einem Jahr noch undenkbar gewesen. Erst ein totaler Zusammenbruch und viele Therapiestunden liessen ihn aus seinem Kokon schlüpfen. Mittlerweile nutzt er seine Erfahrungen, um andere aufzuklären. Er rappt über seine Erlebnisse, spricht auf Social Media und Podcasts darüber. Er will seiner Geschichte, seinen Fehlern, der Tortur, die er durchmachte, etwas Gutes abgewinnen. Indem er offen darüber spricht, will er andere davor bewahren, dieselben Fehler zu machen.

Kapitel 1: Verlust

Rückblende. Es ist das Jahr 2010, Remo ist 18 Jahre alt, ein Halbstarker. Er ist der Kleinste seiner Clique, hat aber die grösste Klappe. Angst kennt er nicht.

Remo und seine Freunde besprühen Hauswände und stehlen Feuerlöscher. Sie fahren im Auto des verstorbenen Grossvaters durch die Gegend und tragen dabei Masken von ehemaligen US-Präsidenten. Einfach, weil sie es lustig finden. Passanten informieren die Polizei, Richard Nixon und Ronald Reagan stünden gerade verdächtig an der Tankstelle. Eine Suchaktion in drei Kantonen beginnt, bewaffnete Polizisten stürmen Stunden später Remos Wohnung und führen ihn in Handschellen ab. Er kommt mit einer Busse für «Schrecken der Bevölkerung» davon.

Damals weiss er noch nicht, dass sein Glück nicht mehr lange anhalten wird. Dass er später mal sagen wird: «Mein 18-jähriges, leicht angetrunkenes Ich war die geilste Version von mir. Ich ging unbedacht und glücklich durchs Leben.» Damals denkt er nie über Konsequenzen oder das Morgen nach. Auch nicht, als er das erste Mal kifft.

Er ist mit seinen Freunden unterwegs, und wie Tausende andere Jugendliche zuvor kiffen sie. Remo zieht, hustet, zieht. Seine Hände und Füsse kribbeln. Dann seine Arme, seine Beine, seine Brust. Soll sich high sein so anfühlen? Er beginnt, auf und ab zu laufen, er schüttelt sich, als käme das Kribbeln von kleinen Insekten auf seiner Haut. Der Puls steigt, Gedanken rasen durch seinen Kopf. «Geht es mir schlecht? Stimmt etwas nicht? Was ist, wenn jetzt etwas passiert? Wer kann mir dann helfen? Wo soll ich hin? Es geht mir schlecht.»

Das Atmen fällt schwerer, Remo hat das Gefühl, gleich in Ohnmacht zu fallen. Und dann kommt dieser eine Freund, der es eigentlich nur gut meint, ihn aber in all seinen Befürchtungen bestätigt: «Hey, Remo, ist alles in Ordnung? Du siehst bleich aus.»

Kapitel 2: Vermeidung

Heute raucht Remo keine Joints mehr. Er hat es nach diesem Vorfall nur noch drei weitere Male getan – und jedes Mal eine Panikattacke bekommen. Dafür raucht er bereits seine dritte Camel Blue. Die Fenster des Raums stehen weit offen, kühle Nachtluft vermischt sich mit dem Zigarettenrauch. Remo öffnet ein Red Bull und spricht schnell, fast hektisch. Als könne der nächste Gedanke es kaum erwarten, ausgesprochen zu werden.

illustration: Julia neukomm

Ob seine Angststörung nur vom Kiffen kommt, weiss er nicht. Bei der Entwicklung von Angststörungen spielen viele Faktoren mit. Das Kiffen könnte als Trigger fungiert haben – aber es spielt keine Rolle. Klar ist, dass die Angst nicht mehr verschwand. Im Gegenteil: Die Panikattacken wurden schlimmer. «Wirkliche Angst habe ich erst erlebt, als ich nicht bekifft war.» Denn plötzlich konnte er nicht mehr das Gras verantwortlich machen. Es gab keinen Grund mehr für seine Angst.

Die Angst wurde zu einem ständigen Begleiter in Remos Leben. Wie ein Hund, nur weniger berechenbar. In unregelmässigen Abständen kam es zu Panikattacken, manchmal zwei in der Woche, manchmal drei Monate nicht. Manchmal morgens im Bus, manchmal beim Einkaufen in der Migros. Er entwickelte eine Angst vor der Angst.

Bestimmte Dinge triggerten ihn: Etwa die Vorstellung, in einem Restaurant mit vielen Leuten zu essen. Einerseits wegen der Menschenmassen, andererseits, weil er Lebensmittelallergien hat. Er versuchte, solche Situationen zu umgehen, doch ganz vermeiden liessen sie sich nicht.

Remo nahm keine Drogen, sein Körper produzierte sie selbst.

«Da war etwa dieses Weihnachtsessen. Es gab kein Entkommen. Ich musste hingehen», sagt Remo. Das Setting war schlecht, er fühlte sich von Beginn an unwohl. Zur Panikattacke war es dann nicht mehr weit. «Wir bekamen einen Salat zur Vorspeise, mit irgendwelchen Kernen garniert. Ich redete mir ein, Juckreiz im Mund zu spüren. Und dann ging es los. Ich bin auf die Toilette gerannt und habe mich dort eingeschlossen. Niemand wusste, was los war. Meine Mitarbeitenden dachten, ich hätte Drogen genommen.»

Remo nahm keine Drogen, sein Körper produzierte sie selbst. Sein Gehirn witterte Lebensgefahr, es drückte auf den Angst-Knopf und löste so eine ganze Kette an Reaktionen aus: Das Nervensystem bereitete sich auf einen Kampf oder die Flucht vor. Über die Nervenbahnen wurden Adrenalin, Noradrenalin, Kortisol und Kortison ausgeschüttet. Puls und Blutdruck stiegen, Pupillen und Bronchien erweiterten sich, die Muskeln spannten sich an, die Körpertemperatur stieg. Gleiches wäre passiert, hätte er Koks oder Amphetamine geschnupft.

Zu diesem Zeitpunkt besass Remo bereits ein kleines Arsenal an Anti-Angst-Taktiken. Er liess warmes Wasser über seine Pulsadern laufen und hörte sich den «Herr der Ringe»-Soundtrack an. Mühsam und langsam verzog sich die Angst wieder. Wie ein Versicherungsverkäufer, der sich nicht abwimmeln lässt. «Bis jemand an die Tür klopfte und fragte: ‹Alles okay?›, und ich wieder von vorn beginnen musste.»

Kapitel 3: Verleugnung

So kämpfte sich Remo vier Jahre lang durchs Leben. Niemandem erzählte er von seiner Angststörung. Er wusste selbst nicht, was mit ihm geschah. Er dachte, er sei physisch krank und redete sich ein, einen Hirntumor zu haben.

Die Ärzte winkten ab: «Sie rieten mir, mal mit einem Psychologen zu sprechen und in Betracht zu ziehen, dass es psychosomatisch ist.» Doch Remo wollte nichts davon wissen. «Ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt funktionieren. Ich hatte keine Zeit, um krank zu sein.»

Ein typisches Verhalten, vor allem bei Männern. Denn das Stigma lastet schwer. Körperliche Gebrechen werden psychischen bevorzugt, sie haben weniger Konsequenzen für das persönliche Leben. Geht man an ein Date mit einem gebrochenen Arm, so hat man eine abenteuerliche Geschichte zum Angeben. Aber am ersten Date von seiner Angststörung erzählen? Eher nicht.

«Drei Cuba Libres wirken gleich wie ein Temesta.»

Für Remo war es schon schwierig, Familie und Freunden von seinen Panikattacken zu berichten. Vor ein paar Jahren wollte er mit Kollegen gemeinsam nach Finnland, um an einem einsamen See zu fischen. «Diesen Traum hegten wir schon lange», sagt Remo. Wie um das zu bestätigen, hebt er seinen linken Arm. Darauf schimmern Tattoos von einem Barsch, einem Zander und einem Hecht. «Nur schon die Vorstellung davon, an einem Flughafen oder im Flugzeug eine Panikattacke zu haben, war schlimm.»

Also sagte er seinen Freunden, dass er nicht mitkommen könne. «Sie waren verständnisvoll, aber verstanden haben sie es nicht.» Sie dachten, Remo leide einfach an Flugangst. Es kam der Vorschlag auf, mit dem Auto zu fahren. «Ich musste ihnen klarmachen, dass es nicht ums Fliegen geht. Sondern darum, aus meiner Komfortzone zu müssen.» Bis heute könne er kaum verreisen, sagt er, während er an seiner fünften Zigarette zieht.

Kapitel 4: Selbstzerstörung

Remos Mutter war die Erste, die nicht mehr tatenlos zuschauen konnte. Sie wollte ihn zur Therapie schicken, so könne es nicht mehr weitergehen, sagte sie ihm. Remo war skeptisch. Er wollte überhaupt nicht zur Therapie. «Ich bin ihr zuliebe trotzdem hin.» Doch das stimmt nicht ganz. Remo wollte Benzodiazepine. Temesta. Er hatte im Internet von der angstlösenden und beruhigenden Wirkung gelesen.

Illustration: julia neukomm

Seine Therapeutin war unkompliziert. Er bekam Temesta verschrieben und seine Lebensqualität verbesserte sich. War die Panikattacke nah, liess sie Temesta wieder verschwinden. Remo war sich des Suchtpotenzials bewusst und zu Beginn auch sehr vorsichtig. Doch noch heute funkeln seine Augen, wenn er von der sedierenden Wirkung erzählt. «Müsste ich mir eine Lieblingsdroge aussuchen, es wäre Temesta. Die Angst, die Anspannung, sie verschwindet einfach so.»

Remo war mittlerweile Moderator bei einem bekannten Radiosender. Zu dieser Zeit fing er an, sich eine Welt zu schaffen, in der Angst keinen Platz hatte. Nicht etwa durch Konfrontation, sondern durch Flucht. Das Rezept dazu ist einfach: nichts Ungewohntes machen. Zur Arbeit gehen, Mittagessen mit den langjährigen Arbeitskollegen, nach Hause gehen. Keine neuen Leute treffen, keine Experimente wagen. Remo hatte Angst vor der Angst.

Das funktionierte so lange, bis seine Rap-Karriere an Fahrt aufnahm. Remo sollte auf Tour gehen und jedes Wochenende Konzerte spielen. Trotz seiner Angst sagte er zu. «Schnell habe ich gelernt: Drei Cuba Libres wirken gleich wie ein Temesta.»

«Entweder du springst jetzt aus diesem Fenster oder du fängst an, dein Leben auf die Reihe zu bekommen.»

Remo rutschte in einen Teufelskreis. Freitag, der Tourbus kam. Die ersten paar Bier, um die Nervosität wegzutrinken. Soundcheck, der Cuba Libre stand mit auf der Bühne. Konzert, Afterparty, Alkohol. Blau ins Bett, wenige Stunden später stand der Tourbus wieder bereit. Flauer Magen, alles schwankte. Der Kater glich einer permanenten Vorstufe zur Panikattacke. Die einzige Option: Alkohol. War es Selbstzerstörungsdrang oder Selbstschutz? So genau weiss Remo das nicht mehr.

So vergingen Monate. «Die Musik gab mir Kraft, ich konnte einfach nicht darauf verzichten.» Gleichzeitig wuchs der Hass auf sich selbst. «Ich wurde wütend, weil ich so bin, wie ich bin, weil es mir so geht, wie es mir geht.» Irgendwann merkte Remo, dass man Temesta auch präventiv nehmen kann. Dass die Tage so plötzlich wieder Spass machten. Keine Angst. Keine Beschwerden. Er fing an, es jeden Tag zu nehmen.

Remo verhielt sich so, wie viele andere es auch tun. Er griff zur Selbstmedikation. Manche entdecken positive Bewältigungsstrategien wie Joggen. Andere finden Mittel, die betäuben. Remo entdeckte Temesta. Beides funktioniert, aber nur eines ist langfristig sinnvoll.

Kapitel 5: Absturz

Diese Erfahrung musste auch Remo machen. Es ist 2021, der bald 30-Jährige klammert sich nach wie vor an die Fassade des extrovertierten Sonnyboys. Bis er den Grip verliert.

Er muss die Ferienvertretung für eine Kollegin übernehmen und die Morgenshow im Radio moderieren. Dafür muss er um fünf Uhr in der Redaktion sein. «Wenn ich die Abendsendung mache, habe ich vorher genügend Zeit, um mich vorzubereiten. Doch am Morgen erscheinst du im Büro, drückst auf den Knopf, siehst das rote Licht angehen und musst reden.»

Es kommt, wie es kommen muss: Remo kriegt eine Panikattacke, mitten in der ersten Livesendung. Niemand im Büro weiss über seine Probleme Bescheid. Und Remo will es ihnen auch jetzt nicht sagen. «Ich dachte, ich muss die Sendung abbrechen. Aber ich habe es dann doch geschafft, mich durch die Sendung zu wursteln. Mit viel vorproduziertem Zeugs.» Nach der Sendung geht er direkt nach Hause. Er fühlt sich gerädert. «Ich wollte nur noch schlafen.»

Der nächste Tag, das gleiche Spiel. Fünf Uhr morgens, rotes Licht, Sendung beginnt, Panikattacke. Noch heftiger als am Tag zuvor. Remo spürt, wie er am absoluten Tiefpunkt angekommen ist. «Ich erinnere mich, wie ich zu mir selbst sagte: ‹Entweder du springst jetzt aus diesem Fenster oder du fängst an, dein Leben auf die Reihe zu bekommen.› So konnte es nicht weitergehen.»

Remo entscheidet sich für Zweiteres. Er spricht mit seinem Chef, erzählt ihm alles. «Ich hatte extremes Glück, dass er volles Verständnis hatte und mich so gut es ging unterstützte.» Er erzählt es auch seinem Team und weist sie an, alle zu informieren, die fragen. «Ich wollte mich nicht mehr verstecken.»

Als Remo an diesem Tag nach Hause geht, fühlt er sich nicht wie von einem Lastwagen überfahren. Er fühlt sich gut. Befreit. Er glaubt, seine Probleme überwunden zu haben. Spontan beschliesst er, kein Temesta mehr zu nehmen.

«Und dann fiel ich in einen grosses, dunkles Loch.»

Kapitel 6: Loch

illustration: julia neukomm

Remo hatte schon früher depressive Episoden, aber so etwas hat er noch nie erlebt. Er funktioniert einfach nicht mehr. Als hätte jemand seinen geheimen Off-Schalter gefunden. Die nächsten drei Wochen verschanzt sich Remo in seinem Zimmer. «Ich lag auf meinem Bett und starrte Löcher in die Wände.» Aus einem dieser Löcher blinzelt der Dämon zurück.

«Fahr doch einfach in einen Baum» ist der rationalste Gedanke, den Remo hat. Ständig hat er Angst, dass Freunden und Familienmitgliedern schreckliche Sachen passieren. Dass sie einen Autounfall haben, Krebs bekommen, sterben. Irgendwann hofft er, dass jemand stirbt. Wieso, weiss er nicht. «Ich kämpfte mit aller Kraft gegen diese Gedanken, aber ich hatte keine Kontrolle über sie.»

Nach drei Wochen bekommt er einen Anruf. Man hat einen Therapieplatz für ihn gefunden. Nicht stationär, nur Tagestherapie. Er kriegt Antidepressiva verschrieben. Langsam verkriecht sich der Dämon wieder in den Untiefen von Remos Unterbewusstsein.

Kapitel 7: Licht

Remo drückt eine weitere Zigarette im überquellenden Aschenbecher aus und zeigt durch die Glaswand ins Wohnzimmer. Es ist gross und leer. Ein Tisch in der Mitte, die Dartscheibe an der Wand, eine Stehlampe in der Ecke. Nur ein Detail passt nicht ganz: Von der Decke hängt ein filigran anmutendes Modellflugzeug.

Es ist ein Pilatus Porter, olivgrün, aus Balsaholz. Das Flugzeug ist handgefertigt. «Mein Therapeut drängte mich dazu, irgendetwas zu machen. Eine Beschäftigungstherapie», sagt Remo. Weil er früher gerne Modellflugzeuge durch die Gegend fliegen liess, kamen sie auf die Idee, eines zu basteln. Er bestellte sich die Bauteile. Doch brachte er es zu Beginn nicht fertig, auch nur zwei Stücke zusammenzubauen. «Ich wusste genau, was zu tun war. Welches Teil wohin geleimt werden muss. Aber ich sass meistens einfach nur da, unfähig, irgendetwas zu tun. Ich war blockiert.»

Vier Wochen dauerte es, bis der Pilatus Porter zusammengesetzt war. Mit jedem Teil, dass Remo anleimte, schien er auch einen Teil seiner Seele wieder zusammenzuleimen. «Am Abend zu sehen, was man geleistet hat, war unglaublich befriedigend.»

Remo nennt den Pilatus sein Depressionsflugzeug. Es musste unbedingt an prominenter Stelle im Wohnzimmer aufgehängt werden. Jedes Mal, wenn sein Blick darauf fällt, fühlt er sich wie ein Gewinner. «Es sagt mir: Du hast es überstanden.»

illustration: Julia neukomm

Kapitel 8: Leben

Vier Monate lang war Remo krankgeschrieben. Hunderte Therapiestunden und ein Modellflugzeug später fing er wieder an zu arbeiten. Erst 20 Prozent. Dann sukzessive mehr. Nach sieben Monaten war er wieder bei 100 Prozent.

«Ich habe das Gefühl, mich das erste Mal seit zehn Jahren wieder zu mögen», sagt Remo mit ernstem Blick, als wolle er unterstreichen, dass dies nicht einfach eine Floskel sei. «Ich hatte zehn Jahre lang das Gefühl, ein Doppelleben zu führen. Mein wahres Ich nicht mehr verstecken zu müssen, half mir extrem.»

Familie und Freunde fingen an, sich Artikel und Videos über Angststörungen und Depressionen anzuschauen. Manchmal hat Remo das Gefühl, dass sie mittlerweile mehr wissen als sein Therapeut.

Weg ist seine Angst nicht. Seine Trigger sind nicht einfach verschwunden. Er fragt sich immer noch, wo der Notausgang ist, bevor er ein Gebäude betritt. Doch er lebt wieder ein einigermassen normales Leben. Er macht wieder Musik, verarbeitet seine Erlebnisse in den Texten.

Lug ich han müsse lerne wie mer bremst
Gschwinidkeit isch Gift wemer läbe muss mit Ängst
Igschränkt bi allem wo du machsch oder dänksch
Wenn die letscht Energie nachli Panik verdrängt
Remo aka Freezy auf seinem Song «Nullpunkt»

«Ich habe so oft aus meinem Freundeskreis gehört: ‹Hä, DU? Ich hätte das bei allen anderen gedacht, aber nicht bei dir!›» Remo steht vorn hin, um zu zeigen, dass nicht nur introvertierte Menschen von Angststörungen und Depressionen betroffen sind. Sondern dass es alle treffen kann, unabhängig vom Geschlecht, Alter, Herkunft oder Persönlichkeit. Dabei ist er sich bewusst, dass es auch ihn in Zukunft wieder treffen kann: «Ich stelle mich darauf ein, dass die Angst bleibt. Für immer.»

Remo steht aber auch vorn hin, um zu zeigen, dass es Wege aus der Dunkelheit gibt. Dass Dämonen nur furchteinflössend sind, solange man sie in der Finsternis verharren lässt. Stellt man sie ins Scheinwerferlicht, so ähneln sie eher unartigen Hunden. Unberechenbar, ja. Aber auch mit ihnen kann man sich anfreunden.

Bild
Zur Person
Remo «Freezy» Hunziker ist 30 Jahre alt, in Uster ZH geboren und aufgewachsen und wohnt noch heute dort. Seit seiner Jugend interessiert er sich für die Hip-Hop-Kultur. Erst rappte er als Teil der Crew White Cronic, kurze Zeit später startete er eine Solokarriere. 2014 erschien sein erstes Soloalbum, zwei Jahre später erreichte sein zweites Album «Us de Vorstadt» Platz acht der Schweizer Album-Charts. Im November dieses Jahres erschien sein Album «Balkon für zwei», auf dem er über seinen Kampf gegen Angst und Depressionen rappt.
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107 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Eidg. dipl. Kommentarspalter
14.11.2022 12:07registriert Dezember 2015
Ganz stark, lieber Remo. Wir sind wirklich nicht allein. So viele leiden heute unter Depressionen und Panikattacken. Diese üblen Geister, die einen brutal die Lebensfreude und -energie rauben. Und dann sind sie auch noch scheisslangweilig. Immer die gleichen Prozesse, meistens aus lächerlichen Gründen.

Merci für deinen Mut. Keep on rockin', respektive rappin' :)

I feel you
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mrmikech
14.11.2022 12:09registriert Juni 2016
Ich kenne es nur zu gut. Und ja, die Angst wird vielleicht nie verschwinden, aber man kann lernen, damit umzugehen. An alle, die am Anfang einer Angststörung stehen: Suche schnellstmöglich Hilfe, denn es ist viel, viel einfacher, sie loszuwerden, wenn sie noch „frisch“ ist, als wenn man jahrelang damit herumläufst.
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Es war einmal Franziska
14.11.2022 12:05registriert November 2021
Danke für dieses Portrait. Ich leide selber an einer Angststörung, habe aber das Glück von Anfang an nicht positive Bewältigungsstrategieen gefunden zu haben.
Es kann alle treffen, es hat nichts mit Schwäche, oder Versagen zu tun. Im Gegenteil, denn die Krankheit zwingt dich, dein Inneres zu betrachten und damit zu arbeiten.
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