Schweiz
Leben

Genderstern: Oberste Lehrerin lehnt Gender-* ab – das sind die Gründe

Genderstern (*), Doppelpunkt (:) oder Gender-Gap(_)? Richtig gendern will auch in der Schule gelernt sein.
Genderstern (*), Doppelpunkt (:) oder Gender-Gap(_)? Richtig gendern will auch in der Schule gelernt sein. Bild: shutterstock

Gender-* in Schulen: Oberste Lehrerin goutiert Einmischung von Gleichstellerinnen nicht

Die Geschlechter-Debatte greift auf die Schulen über. In Zürich empfiehlt die Fachstelle für Gleichstellung, den Genderstern im Unterricht zu verwenden. Die oberste Schweizer Lehrerin ist darüber nicht erfreut. Doch in Gymnasien gehört Gender-Sprache längst zum Schulalltag. Das steckt dahinter.
22.06.2021, 05:3922.06.2021, 09:59

Der Zwist um den Genderstern beschäftigt die Schulen und Behörden landauf, landab. Die Bundesverwaltung stoppte zwar bei sich selbst die Gender-Offensive: Der Genderstern und ähnliche Schreibweisen werden bei den Behörden untersagt. Sie führten zu «einer ganzen Reihe von sprachlichen Problemen», heisst es.

Die Broschüre des Stadtzürcher Gleichstellungsbüros.
Die Broschüre des Stadtzürcher Gleichstellungsbüros. bild: zvg

Konfusion herrscht aber derweil weiter in vielen Schulen. Denn längst ist die Debatte um eine Gender-konforme Sprache ins Klassenzimmer übergeschwappt.

In einer 30-seitigen Broschüre (hier zum Download) empfiehlt die Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung Lehrerinnen und Lehrern unter anderem, in Texten den Genderstern zu verwenden. Darüber berichtete der «Tages-Anzeiger» zuerst.

Die zentralen Tipps in der Broschüre:

  • «Vereinbaren Sie mit den Schülerinnen und Schülern, eine geschlechtergerechte Sprache im Unterricht zu verwenden.»
  • «Legen Sie Konsequenzen für die Nichteinhaltung des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs fest, etwa dass alle einander korrigieren.»
  • «Verwenden Sie bewusst nur die weibliche Sprachform mit der Erklärung, das männliche Geschlecht mitzumeinen, und reflektieren Sie gemeinsam die Reaktionen.»
  • «Verwenden Sie den Genderstern, wenn in einem Text alle Geschlechter angesprochen werden.»
«Schulen müssen auf die gesellschaftliche Entwicklung reagieren»
Lucius Hartmann, Gymnasiallehrer

Gymnasien verwenden Genderstern

Genderstern (*), Doppelpunkt (:) oder Gender-Gap(_)? Insbesondere an den Gymnasien beschäftigt die geschlechtsneutrale Sprache die Schülerinnen und Schüler. «Die Jugendlichen stecken genau in jener Lebensphase, in der sie ihre Geschlechteridentität suchen», sagt Lucius Hartmann, Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) in Wetzikon, zu watson.

Wie genderst du?
An dieser Umfrage haben insgesamt 5848 Personen teilgenommen

Die KZO sei diesbezüglich progressiv unterwegs und empfehle seit Kurzem, in offiziellen Texten den Genderstern zu verwenden, so der Präsident des Vereins Schweizerischer Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer. Ein Zwang bestehe aber keinesfalls. Jede Kantonsschule könne mehr oder weniger autonom über die Gender-Schreibweise entscheiden.

«Lehrerinnen und Lehrer sollten mit dem Genderstern zuwarten.»
Dagmar Rösler
Dagmar Roesler, Praesidentin des Verbands Lehrerinnen und Lehrer Solothurn und per 01.08.2019 Praesidentin des Schweizer Lehrerverbands, portraitiert in einem Schulklassenzimmer der Schule Franziskane ...
Dagmar Rösler hält wenig von der «verfrühten» Genderstern-Offenisve. Bild: KEYSTONE

Für Dagmar Rösler, «oberste» Lehrerin der Schweiz, kommen die Tipps für eine gendergerechte Sprache zu früh: «Lehrerinnen und Lehrer sollten mit dem Genderstern zuwarten.» Denn der Rat für deutsche Rechtschreibung hat noch keine verbindlichen Regeln zum Genderstern, Gender-Gap und anderen Kurzformen erlassen. «Es ergibt keinen Sinn, dass in Stadtzürcher Schulen andere Vorgaben gelten als etwa in Berner Klassenzimmern», so die Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. Grundsätzlich sei es aber natürlich sinnvoll, Mädchen und Jungen für das Thema zu sensibilisieren.

«Wenn man Sprache mit dem Genderstern politisch auflädt, wird es heikel. Aber auch spannend.»
Lucius Hartmann

Hartmann sieht das für die Gymnasien differenzierter: «Schulen müssen auf die gesellschaftliche Entwicklung reagieren». Und sagt im gleichen Atemzug, dass die Bevölkerung für verbindliche Gender-Regeln wohl noch nicht weit genug sei. Die Gymnasien seien der richtige Ort, um diese Debatte zu führen. Und zwar auf hohem «wissenschaftspropädeutischem Niveau», wie dies etwa auch bei der Klima-Debatte der Fall sei. «Wenn man Sprache mit dem Genderstern politisch auflädt, wird es heikel. Aber auch spannend», so der Kanti-Lehrer.

Inklusive Sprache
Der Genderstern ist Teil der inklusiven Sprache. Dort geht es nicht nur um Mann oder Frau: Deren Ziel ist auch diverse Gender, Lebensformen und sexuelle Orientierungen mit zu berücksichtigen. Inklusive Sprache bezeichnet einen Sprachgebrauch, der dazu beitragen soll, dass alle Menschen gleichberechtigt einbezogen werden und mitgemeint sind. Ausserdem werden Aspekte wie Geschlecht, Behinderung, Rasse und Sprache mitberücksichtigt.

Schuldepartement wusste von nichts

Die Gender-Schreibtipps beinhalten in der Tat eine politische Komponente. Denn das Gender-Sonderzeichen ist in der Zürcher Stadtverwaltung hochumstritten und aktuell nicht erlaubt. Hinter der im Juni publizierten Broschüre steht die städtische Fachstelle für Gleichstellung, welche im Departement von Stadtpräsidentin Corinne Mauch (SP) angesiedelt ist. Der zuständige Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) wusste laut «Tages-Anzeiger» nichts von der Broschüre.

Die Leiterin der Zürcher Fachstelle, Anja Derungs, legitimiert die Tipps mit dem neuen Lehrplan 21. Dieser schreibe vor, dass Schülerinnen und Schüler lernen sollten, bei Geschlecht und Rollen «eine sachlich wertschätzende Sprache» zu verwenden.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Hunderttausende am «Pride March» in New York
1 / 22
Hunderttausende am «Pride March» in New York
quelle: ap / seth wenig
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Wie Elia von Frau zu Mann wurde
Video: watson
Frist abgelaufen: Diese SVP-Politiker kandidieren für den Bundesrat
Die Frist für die Anmeldung von Kandidaturen für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin ist abgelaufen. Diese acht SVP-Politiker stellen sich zur Wahl.
Am Freitag um 12 Uhr lief die Frist der SVP Schweiz für die Anmeldung von Kandidaturen zur Bundesratsnachfolge ab. Das sind die Kandidatinnen und Kandidaten:
Zur Story