Im Gym statt im Club – immer extremere Selbstoptimierung bei Jungen
Es ist Samstagabend in Zürich, 23 Uhr. Junge Männer kippen Energyshots aus kleinen Fläschchen in sich hinein, hämmernde Beats füllen den Saal. Schweissperlen laufen über die Gesichter – aber nicht vom Tanzen. Wir befinden uns in einem Fitnessstudio.
Vor den grossen Spiegeln posieren Muskelfans an den Hantelbänken. Manche halten ein Smartphone in der Hand, mit dem sie Fotos von den frisch trainierten, venendurchsetzten Armen aufnehmen. Showtime ist angesagt für Fitnessbegeisterte.
Die Schweizer Jugend ersetzt den Clubbesuch am Wochenende immer häufiger mit nächtlichem Muskeltraining. Statt Gin Tonic gibt es Proteinshakes, statt Bewegung unter der Discokugel gibts Bewegung an der Hantelbank. Möglich machen das 24-Stunden-Angebote, dank denen Bizepsfreunde ihren Körper jederzeit stählen können.
Wie sehr die Fitnessindustrie boomt, zeigen die letzte Woche publizierten Zahlen des Branchenverbandes «swiss active». Der Umsatz der Branche stieg in den letzten drei Jahren um 32 Prozent. Rund 1,45 Millionen Schweizerinnen und Schweizer sind Mitglied in einem Fitnessstudio – also etwa jeder fünfte Erwachsene. Das ist ein neuer Rekord. In der Schweiz gibt es gemäss den Zahlen des Verbandes mehr Mitglieder als in Deutschland und Österreich. Währenddessen schliessen immer mehr Nachtclubs, weil junge Gäste weniger Alkohol trinken und seltener feiern gehen.
Lieber Muskelkater statt Club-Kater
Statt Erholung und hedonistischem Eskapismus rückt für viele Menschen die Selbstoptimierung in den Vordergrund. «Im Zentrum stehen ‹gesunde› Hobbys wie Longevity, Sport, ausgedehnte Morgen- und Abendroutinen», erklärt Soziologieprofessorin Katja Rost von der Universität Zürich. Gemeinsam mit anderen Forschenden des Soziologischen Instituts der Universität Zürich hat die Forscherin Anfang 2026 eine noch unpublizierte, repräsentative Umfrage erstellt, die den Trend hin zur Selbstoptimierung genauer beleuchtet.
Die Ergebnisse der Studie zeigen: Die Schweizer Bevölkerung verzichtet zunehmend auf alles, was als ungesund gilt, und tendiert gleichzeitig zu intensiver Körperpflege. So gibt etwa jeder und jede dritte Unter-50-Jährige an, Genussmittel wie Alkohol, Zucker oder Nikotin bewusst zu meiden. Jeder und jede Fünfte hat eine ausführliche Hautpflege-Routine und rund 27 Prozent der Befragten geben an, den Zustand ihres Körpers mit Fitnesstrackern oder Apps zu messen.
Für die Morgenroutine wendet fast die Hälfte der Befragten bis zu 30 Minuten oder mehr Zeit auf. Am Abend braucht jeder Vierte deutlich länger als 15 Minuten Pflegezeit, bevor er oder sie bereit ist, ins Bett zu gehen.
Die Zahlen passen zum Eindruck, der sich während des nächtlichen Besuchs des Fitnessstudios verfestigt. Die jungen Trainingsfreunde hier stechen durch makellos gepflegte Haut hervor, sie bringen teilweise sogar ihre eigenen Ergänzungsmittel mit. Die Flüssigkeiten, die aus den mitgebrachten Trinkflaschen konsumiert werden, stehen nur farblich einem Drink aus dem Martini-Glas in nichts nach.
Im Zentrum unserer Freizeit steht also immer mehr die Arbeit an uns selbst. Der eigene Körper wird zur Dauerbaustelle – und zu einer Visitenkarte. Für erfolgreich gehalten wird im Zeitalter der sozialen Medien vor allem, wer neben einem gut bezahlten Job auch noch ein instagramfähiges Aussehen präsentieren kann. Es geht dabei oft um die Wirkung nach aussen: mehr Likes, mehr Aufmerksamkeit, und hoffentlich bessere Chancen auf dem Arbeits- und Partnermarkt.
Unsere Freizeit – und speziell das Wochenende – verändert damit ihre Funktion. «Erstens wird die freie Zeit über Teilzeitarbeit ausgedehnt, um dem Stress der Arbeitswoche zu entgehen», analysiert Soziologin Katja Rost. «Zweitens dient die Freizeit einer neuen Form der Life-Balance – nämlich der Selbstoptimierung entlang von sexuellem, spirituellem oder hedonistischem Kapital.» Arbeitsfreie Zeit wird so zu einem durchgetakteten Programm.
Trotz Teilzeitarbeit keine Entspannung
«Das alles ist in sich ein Widerspruch», stellt Soziologieprofessorin Katja Rost fest. Nach aussen wirkt der Trend wie ein Rückzug aus dem Leistungsdenken: mehr Zeit für sich und den eigenen Körper, mehr Achtsamkeit. Tatsächlich aber verschiebt sich der Leistungsdruck nur. Denn das extreme Training ist letztlich eine neue Form von Statusarbeit.
Ein Problem wird das, weil der Selbstoptimierungstrend für Entspannung oder sinnentleertes Handeln kaum Zeit lässt. Dabei brauche der Mensch sinnentleerte Zeiten und soziale Kontakte, um Orientierung zu finden. «Als sozialer Ausgleich passt in diese Lebensphilosophie allerhöchstens ein gemeinsames Wasser oder ein Proteindrink bei Sonnenuntergang in einem Park», erklärt Katja Rost.
Exzessives Feiern mit Alkohol, Clubnächte, nach denen man spät ins Bett geht oder nach denen man am nächsten Tag keinen Sport machen könne, würden den «gesunden» Rhythmus zerstören. Deshalb meiden heute immer mehr junge Menschen den Ausgang am Wochenende, sozial verbindliche Beziehungen verlieren an Bedeutung.
Selbstoptimierung macht oft nicht glücklicher
Entsprechend sehe man vor allem bei jungen Schweizerinnen und Schweizern eine neue Orientierungslosigkeit oder sogar Anomie – das, was Soziologen den Zerfall von gesellschaftlichen Vorgaben und Leitlinien nennen. Die Folgen zeigen sich bei der schwellenden Last von neu diagnostizierten psychischen Krankheiten. Angststörungen werden bei Jugendlichen immer häufiger, auch Essstörungen, Burnouts und Depressionen.
«Im Grunde handelt es sich beim Trend zur Selbstoptimierung also um ein spassbefreites Nullsummenspiel», sagt die Soziologin Katja Rost. «Es geht um das Erreichen sozialen Status, bei dem die Gewinne des einen sind stets die Verluste der anderen sind.» Selbstoptimierung ist somit ein «the-winner-takes-it-all»-Markt – in dem die meisten leer ausgehen. Denn die Mehrheit kann schlussendlich keine bedeutende Influencerin, Star oder Fitness-Experte werden und mit der Selbstoptimierung das ersehnte Glück finden.
Ganz so kritisch sehen das selbstverständlich nicht alle. Wer trainiert, sich gesünder ernährt oder bewusster lebt, hat oft ganz konkret etwas davon. Die entscheidende Frage ist also weniger, ob Fitness glücklich macht. Sondern, für wen man trainiert – für sich selbst oder für andere. Und ob der trainierte Körper am Ende nicht nur das Resultat eines pathologischen Leistungsdrucks ist, sondern auch dafür genutzt wird, letztlich ein Leben zu führen, das Spass macht.
Kurz nach 2 Uhr morgens verlassen wir das Fitnesscenter wieder. Noch immer hat es junge Leute drin, die trainieren – und in der Garderobe kommen vereinzelt neue Gäste an. Draussen ist es längst still geworden, einen Nachtclub gibt es nicht in der Nähe. Drinnen aber wird weiter an sich gearbeitet.
