Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
NZZ-Infokarte Migranten

Die Untersuchung «The Migrants' Files» hat die Todes- und Vermisstenfälle der Migranten festgehalten. Quelle: Detective.io

Schicksale von Flüchtlingen

Die Menschen hinter den Zahlen: Das sind die 16 Migranten, die in der Schweiz ums Leben kamen

01.04.14, 08:37 15.07.14, 13:29

Daria Wild, Kian Ramezani

Es ist eine traurige Bilanz, die eine Gruppe europäischer Journalisten, darunter zwei NZZ-Redaktorinnen, in der Untersuchung The Migrants' Files ziehen: Seit dem Jahr 2000 sind über 23'000 Migranten auf dem Weg nach Europa gestorben oder als vermisst gemeldet worden – deutlich mehr als bislang angenommen. 

Auch Schweizer Vorfälle sind in der Datenbank verzeichnet – 16 an der Zahl. Anhand von Daten der «NZZ» und der Menschenrechtsorganisation Augenauf konnten einige der Schicksale rekonstruiert werden.

Abgewiesene Asylbewerberin † 2011

Das provisorische Polizeigefaengnis des Kantons auf der Kasernenwiese ist bis Ende 2011 bewilligt, aufgenommen am Mittwoch 22. September 2010 in Zuerich. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Polizeigefängnis Zürich. Bild: KEYSTONE

Name: unbekannt
Geschlecht: weiblich
Alter: 30
Nationalität: Nigeria
Todesursache: ungeklärt
Datum: 3. Juni 2011
Ort: Polizeigefängnis Zürich

Die Frau war am 1. Juni wegen ihrem auffälligen Verhalten im Flughafen Zürich überprüft worden. Dabei stellte sich heraus, dass ihr Asylgesuch abgelehnt wurde und sie bereits im August 2009 das Land hätte verlassen müssen. 



Blinder Passagier † 2010

Waldtobel bei Weisslingen. Screenshot: Google Maps

Name: unbekannt
Geschlecht: männlich
Alter: unbekannt
Nationalität: möglicherweise Kamerun
Todesursache: erstickt
Datum: 18. April 2010 (Leichenfund)
Ort: Weisslingen (ZH)

Zwei Frauen fanden die Leiche in einem Waldtobel. Knochenbrüche und eingedrückte Baumkronen legten nahe, dass sich der junge Mann im Fahrwerkschacht eines Flugzeugs versteckt hatte und beim Anflug aus der Maschine gefallen war. 

Alex Khamma † 2010

Bild via no-racism.net

Name: Alex Khamma
Geschlecht: männlich
Alter: 29
Nationalität: Nigeria
Todesursache: Herzversagen
Datum: 17. März 2010
Ort: Flughafen Zürich

Alex Khamma starb am Flughafen Zürich, bevor er mit einem Sonderflug in sein Heimatland hätte ausgeschafft werden sollen. Gemäss Obduktionsbericht ging sein Tod «auf ein Versagen des schwer vorgeschädigten Herzens zurück». Obwohl unklar war, welcher der Faktoren Hungerschwäche, Zwangsanwendung und Herzfehler beim Tod Khammas welche Rolle gespielt hatte, sah die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft den Fall als geklärt. Die Behörden wurden von der Menschenrechtsorganisation Augenauf daraufhin scharf kritisiert. 

Andy Bestman † 2008

Screenshot: Google Maps

Name: Andy Bestman
Geschlecht: männlich
Alter: 24
Nationalität: Nigeria
Todesursache: ertrunken
Datum: 30. Mai 2008
Ort: Rhein bei Basel

Andy Bestman war in der Nacht von zwei Polizeifahndern kontrolliert worden. Er flüchtete und sprang in den Rhein. Die Polizei fand ihn nicht und ging davon aus, dass er wieder an Land geklettert war. Bekannte aus dem Umfeld des Asylbewerbers kritisierten, die Polizei habe zu wenig unternommen, um ihn zu retten.

Abdi Daud † 2008

Aussenansicht des Universitaetsspitals Zuerich, aufgenommen am Montag, 19. September 2011. Ein Anaesthesiepfleger des Universitaetsspitals Zuerich ist vor ein paar Tagen verhaftet worden. Ihm wird vorgeworfen, sich an Patieninnen sexuell vergangen zu haben. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Bild: Keystone/Augenauf

Name: Abdi Daud
Geschlecht: männlich
Alter: 40
Nationalität: Somalia
Todesursache: Tuberkulose
Datum: 23. März 2008
Ort: Universitätsspital Zürich

Abdi Daud verstarb auf der Intensivstation des Universitätsspitals Zürich an einem heftigen Ausbruch von Tuberkulose. Daud war vom Flughafengefängnis Zürich, wo er in Durchsetzungshaft gesessen hatte, eingeliefert worden. Die Menschenrechtsorganisation Augenauf kritisierte damals, der Somalier sei während der Haft ungenügend medizinisch behandelt worden.

Mariame Souaré † 2007

Screenshot: Google Maps

Name: Mariame Souaré
Geschlecht: weiblich
Alter: 25
Nationalität: Guinea
Todesursache: Sturz
Datum: 25. August 2007
Ort: Genf

Die junge Frau, die sich illegal in der Schweiz aufhielt, starb bei einem Sturz aus dem fünften Stockwerk beim Versuch, über ihren Balkon vor der Polizei zu fliehen.

John Wallas † 2007

The interior view of the Avanchets housing complex, pictured on October 24, 2012, in Geneva, Switzerland. Situated in the suburb of Geneva (commune of Vernier), with its 6000 inhabitants, the Avanchets housing complex is one of the largest in Switzerland. It was built in 1972. (KEYSTONE/Yannick Bailly)

L'interieur du quartier des Avanchets, ce mercredi 24 octobre 2012 a Geneve. Situe dans la banlieu de Geneve (commune de Vernier), avec ses 6000 habitants, la cite des Avanchets est l'une des plus grandes de Suisse. Le quartier fut construit en 1972. (KEYSTONE/Yannick Bailly)

Bild: Keystone

Name: John Wallas
Geschlecht: männlich
Alter: unbekannt
Nationalität: Liberia
Todesursache: ungeklärt
Datum: 13. September 2007
Ort: Genf

John Wallas wurde tot auf der Strasse gefunden. Er litt offenbar unter Alkoholproblemen und war einen Monat zuvor aus einer Asylunterkunft weggewiesen worden.

Abgewiesener Asylbewerber † 2005

Polizeigebäude Sarnen. Bild: ow.ch

Name: unbekannt
Geschlecht: männlich
Alter: 25-30
Nationalität: arabischer Raum
Todesursache: erhängt
Datum: 23. Januar 2005
Ort: Genf

Der abgewiesene Asylbewerber erhängte sich mit einem Leintuch in einer Zelle im Untersuchungsgefängnis des Polizeigebäudes Sarnen. 

Zwei Untersuchungshäftlinge † 2004

Blick in den Gang des Untersuchungshaft-Gefaengnis, im Justizgebaeude von Bellinzona, am Mittwoch, 4. Februar 2004. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Untersuchungshaft-Gefängnis Bellinzona. Bild: Keystone

Im Januar 2004 erhängten sich zwei Untersuchungshäftlinge in Lachen (SZ) und Bellinzona. Über beide Männer ist nicht mehr bekannt.

Asylbewerber aus Osteuropa † 2004

A train composition of the Suedostbahn (Swiss South Eastern Railway, SOB) leaves Uznach train station in the direction of St. Gallen, pictured on June 6, 2013, in Switzerland. The SOB maintains a rail network with a length of 123 km. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Eine Zugkomposition der Schweizerischen Suedostbahn (SOB) verlaesst den Bahnhof Uznach in Richtung St. Gallen, aufgenommen am Donnerstag, 6. Juni 2013. Die SOB unterhaelt ein Streckennetz von 123 km Laenge. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Bild: Keystone

Name: unbekannt
Geschlecht: männlich
Alter: unbekannt
Nationalität: Osteuropa
Todesursache: unbekannt
Datum: 20. August 2004 (Leichenfund)
Ort: Uznach (SG)

Ein Wanderer hatte menschliche Knochen entdeckt. Die Ermittlungen ergaben, dass die menschlichen Überreste einem jungen Asylbewerber aus Osteuropa gehörten. Dieser war Mitte Juni zusammen mit drei weiteren Männern vor einer Polizeikontrolle im Zusammenhang mit einem Autodiebstahl geflüchtet.

Osuigwe Christian Kenechukwu † 2003

Asylbewerberzentrum Thurhof. Bild: sg.ch

Name: Osuigwe Christian Kenechukwu
Geschlecht: männlich
Alter: 22
Nationalität: Nigeria
Todesursache: Lungenentzündung
Datum: 12. Februar 2003
Ort: St. Gallen

Osuigwe Christian Kenechukwu litt an Windpocken. Sein Zustand verschlechterte sich massiv, dringliche Bitten an die Heimleitung, ein Spital aufsuchen zu dürfen, wurden abgelehnt. Seine Wohngenossen verständigten die Polizei. Als die Ambulanz eintraf, war der Nigerianer bereits tot. Die Behörden verwiesen auf Drogenmissbrauch, später zeigte eine Autopsie, dass eine Lungenentzündung Todesursache war. Die Menschenrechtsorganisation Augenauf und die Anlaufstelle gegen Rassismus CaBi warfen dem Asylheim Verweigerung ärztlicher Hilfe und rassistisch motiviertes Handeln vor.

Hamid Bakiri † 2001

Strafanstalt Sennhof in der Altstadt von Chur mit dem Turm der Regulakirche, aufgenommen am Mittwoch, 21. Oktober 2009. (KEYSTONE/Arno Balzarini)

Strafanstalt Sennhof, Chur. Bild: Keystone

Name: Hamid Bakiri
Geschlecht: männlich
Alter: 30
Nationalität: Algerien
Todesursache: erhängt
Datum: 19. September 2001
Ort: Chur

Hamid Bakiri nahm sich das Leben, einen Tag bevor er hätte ausgeschafft werden sollen. Die Familie des Flüchtlings forderte 40'000 Franken Genugtuung, da der Freitod Bakiris auf die «unmenschlichen Haftbedingungen» im Untersuchungsgefängnis zurückzuführen seien. Die Klage wurde abgewiesen.

Samson Chukwu † 2001

ARCHIVES --- Le batiment du Centre d'application de la loi sur les mesures de contrainte, (LMC), ou est decede un demandeur d'asile nigerien a 3 heures du matin le 1 mai 2001, photographie a Granges ce mercredi 2 mai 2001.  Le requerant d'asile nigerian Samson Chukwu mort dans la prison valaisanne en mai alors qu'il resistait a son renvoi force, a succombe par asphyxie. Ce sont les conclusion du rapport d'autopsie de l'Institut de medecine legale de l'Universite de Lausanne, ce jeudi 26 juillet 2001. (KEYSTONE/Andree-Noelle Pot)   === ELECTRONIC IMAGE ===

Gefängnis Granges (VS). Bild: Keystone/Augenauf

Name: Samson Chukwu
Geschlecht: männlich
Alter: 27
Nationalität: Nigeria
Todesursache: plötzlicher Gewahrsamstod
Datum: 1. Mai 2001
Ort: Granges (VS)

Samson Chukwu erstickte im Walliser Gefängnis Granges. In jener Nacht hätte der abgewiesene Asylsuchende nach Nigeria ausgeschafft werden sollen. Dagegen wehrte er sich heftig. Als er mit auf dem Rücken gefesselten Händen bäuchlings von Polizisten auf den Boden gedrückt wurde, bekam er nicht genug Luft und starb. Die Familie forderte Genugtuung, doch der zuständige Untersuchungsrichter sagte, es deute nichts auf übertriebene Gewaltanwendung hin. Amnesty International kritisierte die Schweiz für ihre Polizeimethoden.

Ausschaffungshäftling † 2000

Aussenansicht des Schaffhauser Kantonsgefaengnisses Beckenstube, nachdem ein Haeftling ein Loch in die Mauer seiner Zelle geschlagen und gefluechtet ist, am Mittwoch, 17. Juni 2009. In der Nacht auf Mittwoch ist einem Untersuchungshaeftling aus dem kantonalen Gefaengnis Schaffhausen ein spektakulaer Ausbruch gelungen. Er gelangte durch ein Loch von 25 Zentimer Hoehe und 36 Zentimeter Breite in die Freiheit. Wie er das Loch in die 60cm dicke Maurer seiner Zelle schlagen konnte, ist Gegenstand von Untersuchungen. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Schaffhauser Kantonsgefängnis Beckenstube. Bild: Keystone

Name: unbekannt
Geschlecht: männlich
Alter: 20
Nationalität: Westafrika
Todesursache: erhängt
Datum: 31. Dezember 2000
Ort: Schaffhausen

Der Ausschaffungshäftling erhängte sich an Silvester 2000 mit einem Leintuch am Fensterrahmen seiner Zelle. Der Gefängnisaufseher fand ihn bei der Essensausgabe. Trotz der sofort eingeleiteten Reanimation durch die Rettungskräfte der Polizei und des Kantonsspitals konnte nur noch der Tod des Mannes festgestellt werden. 

Das Sterben geht weiter

Der neueste Eintrag in der Datenbank stammt aus dem Jahr 2011. Seither sind leider vier weitere Migranten in der Schweiz ums Leben gekommen.

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

Abonniere unseren Daily Newsletter

4
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
4Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Michael Schmitz 01.04.2014 17:27
    Highlight Vielen Dank für diesen Artikel! Darüber, was für Folgen das dauernde Geschrei wegen "Asylmissbrauchs" und die immer härteren Gesetze haben, wird gerne geschwiegen.
    5 3 Melden
  • Daniel Caduff 01.04.2014 13:27
    Highlight Die gesamte Flüchtlingsthematik ist die Schande Europas - Nicht nur der Schweiz. Wird irgendwo ein einzelnes Kind getötet, beherrscht dies die Medien tage-, wenn nicht wochenlang (siehe z.B. Fall Lucie, etc.). Aber wen interessieren schon ein paar tote Neger im Wasser. Leider hat uns unsere Bildung und unser Wohlstand die Fähigkeit zur Empathie weitgehend genommen. An ihre Stelle ist ein Zustand permanenter Angst vor materiellem Verlust getreten. Haustieren wird in der Schweiz mehr wohlwollen entgegengebracht, als Flüchtlingen. Und darauf ist man auch noch stolz.
    18 7 Melden
    • Surfdaddy 01.04.2014 22:56
      Highlight Du hast absolut recht, leider...

      Trotzdem die die Flüchtlingsproblematik sehr komplex, aber unsere Wohlstandwohlfühlpolitik lässt diese Empathie bewusst nicht zu. Klar, wir werden tagtäglich durch unsere Medien und unseren Konsum manipuliert, da gibt es keinen Ausweg, ausser man erklärt sich zum Aussenseiter, aber wer will das schon...
      3 1 Melden
    • liyaliya 01.04.2014 22:59
      Highlight Lieber Daniel, danke für diesen Kommentar. Du sprichst mir aus dem Herzen.
      2 2 Melden

Wie enthornen Bauern eigentlich ihre Kälber?

In der Schweiz lassen Bäuerinnen und Bauern jährlich rund 200'000 Kälber enthornen. Oder tun dies eigenhändig. Was löst die Enthornung bei einem Landwirt und einer Tierärztin aus? Eine Reportage

Leika ist hornlos geboren. Das rund drei Wochen alte Kälblein wurde durch einen Samen gezeugt, bei dem das Horngen nicht ausgebildet ist. Tierärztin Sandra Gloor greift dem zierlichen Jungtier an das Stirnbein, wo üblicherweise die Hornknospen wachsen würden. «Nichts», sagt sie.

Leika wird eine mittelgrosse Milchkuh werden, die Bauer Alois Huber in seine 60-köpfige Herde eingliedern will. «Wenn sie gesund bleibt», schränkt Huber ein. Der Aargauer SVP-Grossrat begann vor zwei Jahren hornlose …

Artikel lesen