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Schweizer Flüchtlingshelfer trotzen den Angriffen auf Lesbos – aber was ist mit Covid-19?

Die Schule eines Hilfswerkes auf Lesbos ist nach Protesten gegen Migranten abgebrannt. Und: Das Virus erreicht die Insel.

Pascal Ritter / ch media



epaselect epa08277921 Firefighters battle to put out a fire at a refugee shelter run by the Swiss non-profit 'One Happy Family' near the Kara Tepe camp on Lesvos Island, Greece, 07 March 2020 (issued 08 March 2020). The blaze was extinguished within a few hours of it breaking out. According to media reports, the cause of the fire and the number of victims remains unknown.  EPA/STRATIS BALASKAS

Die Schule der Schweizer Hilfsorganisation One Happy Family brannte nieder. Bild: EPA

Die Stimmung ist gekippt in Griechenland. Die Solidarität gegenüber den Asylsuchenden ist der Skepsis gewichen. Oder der Wut. Zum Beispiel auf Lesbos, der Insel, die nur 20 Kilometer Luftlinie vom türkischen Festland entfernt ist. Lesbos ist eigentlich ein wichtiges Zwischenziel der Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Doch seit Griechenland und ganz Europa die Asylpraxis verschärft haben, stecken Tausende auf der Insel fest.

In den letzten Tagen kam es zu handfesten Angriffen auf Flüchtlinge. Und auf deren Helfer. Betroffen sind auch Schweizer Hilfswerke. In der Nacht von Samstag auf Sonntag brannte ein Gebäude der Hilfsorganisation One Happy Family nieder. Im Gebäude befanden sich Schulzimmer, in denen Flüchtlingskinder unterrichtet wurden. Auch einen Teil des benachbarten Sozialzentrums erlitt Schaden. Als es brannte, waren die Gebäude leer. Verletzt wurde niemand.

Die Brandursache ist noch nicht geklärt, doch der Verdacht liegt nahe, Neonazis hätten einen Brand gelegt. Denn zum besagten Zeitpunkt befanden sich gemäss Medienberichten deutsche und österreichische Rechtsextreme in der Nähe.

Schweizer wollen trotz allem weitermachen

Fabian Bracher, Gründungsmitglied von One Happy Family, befindet sich zurzeit auf Lesbos. Der 29-Jährige, der in Luzern soziokulturelle Animation studiert, ist seit 2017 immer wieder auf der Insel und hat das Zentrum mitaufgebaut. Am Telefon sagt er: «Wir wissen noch nicht, ob die Neonazis wirklich unsere Schule angezündet haben. Aber wir wissen, dass sie hier sind und zu Hass und Gewalt auf­rufen.» Die Schule und das Zentrum waren schon vor dem Brand aus Sicherheitsgründen geschlossen worden.

Grund dafür waren Proteste gegen ein geplantes weiteres Flüchtlingslager auf der Insel. Mittels Enteignungen und abgeschirmt durch Hundertschaften von Polizisten hätte im Norden der Insel ein Haftlager für abgewiesene Asylsuchende entstehen sollen. Die Bevölkerung der Insel reagierte mit einem Generalstreik. Unter die Protestierenden mischten sich Neonazis. Im Laufe der Proteste wurde auch die Zufahrt zum bereits bestehenden Lager Moria blockiert, in dem Tausende Migranten zum Teil in Zelten übernachten.

Flüchtlinge im Oktober 2015: Die lange Flucht auf dem Wasser, zu Fuss, mit dem Zug

Ein Auto einer Hilfsorganisation wurde vom Mob demoliert. Daraufhin schloss auch die Schweizer Hilfsorganisation Sao ihr Zentrum in Mitilini, der Hauptstadt der Insel. Dort bot sie Frauen auf der Flucht Unterschlupf und Beratung an. «Normalerweise kommen die Frauen im öffentlichen Bus aus dem Lager Moria zu uns. Wegen der Proteste holten wir Frauen zum Teil mit unseren Mietautos ab. Aber während der Proteste wurde dies zu gefährlich», sagt Raquel Herzog. Die Zürcherin hat das Hilfswerk für Frauen auf der Flucht im Jahr 2016 gegründet.

Zurzeit befindet sich Herzog in der Schweiz. Ende Monat will sie auf die Insel zurückkehren. «Wir planen unsere Aktivitäten am Montag wieder aufzunehmen. Aber es ist noch nicht definitiv entschieden», sagt Herzog. Die Präsenz der Neonazis nimmt sie sehr ernst.

Weiter erschwert wird die Hilfe für Flüchtlinge auf Lesbos durch das Corona-Virus. Ein erster Fall wurde am Montagmittag bekannt. Eine 40-jährige Bewohnerin eines Dorfes im Süden der Insel soll sich auf einer Reise nach Israel infiziert haben.

Flüchtlingshelfer sind besorgt, aber auf gewisse Weise auch erleichtert, dass das Virus nicht zuerst im Flüchtlingslager aufgetaucht ist. Das hätte die Proteste wohl weiter angeheizt.

Was, wenn das Virus das Camp erreicht?

Sollte das Virus das Flüchtlingscamp erreichen, hätte das fatale Folgen. Denn dort herrschen ideale Bedingungen für dessen Ausbreitung vor. Auf dem Gelände, das für 3000 Migranten konzipiert wurde, leben rund 20000 Personen unter sehr schlechten hygienischen Bedingungen. Es gibt kaum Toiletten, und der Abfall türmt sich. «Wenn sich Corona dort ausbreitet, ist das eine Katastrophe», befürchtet Raquel Herzog. «Das Virus gilt zwar für Kinder und Jugendliche als ungefährlich, aber die Kinder, die im Camp leben, sind zum Teil sehr geschwächt.» Zudem sei es unmöglich, im Camp einzelne Personen in Quarantäne zu isolieren.

Trotz der widrigen Umstände wollen Raquel Herzog und ihre Mitstreiterinnen weitermachen. «Die Frauen brauchen uns», sagt sie.

Für den Unmut der Bevölkerung zeigen die Schweizer Helfer Verständnis. Die Insel müsse die Versäumnisse der Politik ausbaden. Das führe zu Frust.

Auch Fabian Bracher von One Happy Family will trotz der abgebrannten Schule weitermachen. Er berichtet von Solidarität, die er in den letzten Tagen erfahren habe und nimmt die Inselbewohner in Schutz. «Lesbos ist keine Fascho-Insel. Viele Menschen sind auch solidarisch mit uns und den Flüchtlingen», beteuert er. (bzbasel.ch)

Schweizer schauen nicht länger zu wie Flüchtlinge ertrinken

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14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Zerpheros {aka Comtesse du Zerph} 12.03.2020 08:52
    Highlight Highlight ➡️"Flüchtlingshelfer sind besorgt, aber auf gewisse Weise auch erleichtert, dass das Virus nicht zuerst im Flüchtlingslager aufgetaucht ist."
    Die Helfer/-innen sollten sich sorgen, was demnächst passieren wird: eine mangelernährte Menschenmenge in provisorischen Unterkünften ohne sanitäre Infrastruktur und ärztliche Versorgung.
    Es wird das passieren, was Menschen ohne Ressourcen immer passiert - sie sterben. Kriegen wir in ein paar Tagen eine politische Lösung auf die Beine? Nö. Aber die ausländischen Agitatoren werden abhauen und das Virus woanders verbreiten. So wird das aussehen.
    • überflüssig 12.03.2020 09:48
      Highlight Highlight im nächsten abschnitt steht, dass sie sich sehr wohl sorgen.
      vor ort unter all diesen bedingungen zu helfen ist - meiner meinung nach - sehr tapfer und ich glaube nicht, dass wir hier das recht haben, helfende zu kritisieren: sie machen viel mehr, als wir alle.
    • Zerpheros {aka Comtesse du Zerph} 12.03.2020 12:16
      Highlight Highlight Das ist keine Kritik, sondern eine Analyse. Ich würde mir überlegen, wer am ehesten in der Lage ist, vor Ort die medizinische Versorgung sicherzustellen, und die fragen, was gebraucht wird.
  • Heinzbond 12.03.2020 08:39
    Highlight Highlight Eine Insel ist vielleicht nicht unbedingt das beste um eine grosse Anzahl an Menschen aufzunehmen, aber Europa ist auch nicht mehr das was es mal darstellen wollte...
  • malu 64 12.03.2020 07:43
    Highlight Highlight Neonazis sind wie das Coronavirus. Sie verseuchen ganze Gebiete mit ihren kranken Ansichten und infizieren die Bewohner Lesbos.
  • Donny Drumpf 12.03.2020 06:39
    Highlight Highlight Leute wie Fabian Bracher und Raquel Herzog sind Helden unserer Zeit. Sie opfern ihr Leben, ihre Zeit und alles was sie haben um Menschen zu helfen die vor dem Krieg fliehen. Schande über Europa und die achso humanitäre Schweiz. Camps bauen und die Verantwortung an die Aussengrenz-Staaten abschieben kann keine Lösung sein, genau so wenig das zurückschiffen der Flüchtlinge. Folgende Generationen werden mit Unverständnis zurück schauen und fragen wieso man so etwas geschehen liess. Danke an alle die wie Raquel und Fäbu alles geben um diesen Menschen zu helfen.
  • Stefan Morgenthaler-Müller 12.03.2020 06:39
    Highlight Highlight Wenn Rechte Bösmenschen nicht einverstanden sind mir der Politik ihres Staates, dann nutzen sie nicht etwa ihre politischen, bzw. demokratischen Möglichkeiten, sondern machen folgendes:

    "In den letzten Tagen kam es zu handfesten Angriffen auf Flüchtlinge. Und auf deren Helfer."
    • James Twenty 12.03.2020 07:11
      Highlight Highlight Weil ja die linken Bösmenschen ja immer ihre politischen bzw. demokratischen Möglichkeiten nutzen...

      Bösmenschen sind wie es der Name schon sagt böse, das hat nichts mit ihrer politischen Gesinnung zu tun.

      Die Frage ist eher, woher kommt solch ein Hass und wie kann man diesen bekämpfen.
    • Juliet Bravo 12.03.2020 08:05
      Highlight Highlight Es sind nicht einfach „Rechte“, es sind Rechtsextreme/Neonazis. Wurde letztens auch ein St. Galler Pnösler in der Türkei verhaftet.
    • Cédric Wermutstropfen 12.03.2020 10:27
      Highlight Highlight Derzeit ist die Lage so, dass Europa keine Flüchtlinge will, aber sich nicht abschreckend und konsequent genug verhält. Man hat also Interessen, die man wegen Gutmenschentums nicht durchzusetzen gewillt ist. Die Rechtsextremen hingegen übernehmen jetzt das Fällen der harten Entscheidungen, was ihnen politisches Kapital bringt und gleichzeitig Europas Interessen nützt. Schlau von der EU wäre es jetzt, diesen Aktivisten die Arbeit abzunehmen, à la „Jungs, danke für euren Einsatz, ab jetzt übernehmen wir.“
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