Der Bergsturz von Blatten – eine Chronologie in Bildern
Im Mai 2025 blickt die ganze Schweiz nach Blatten. Das Walliser Dorf, das zuoberst im Lötschental liegt, ist bedroht: Vom 3342 Meter hohen Kleinen Nesthorn, einem Vorsprung an der Nordwestflanke des Bietschhorns, stürzen immer wieder Brocken hinab auf den Birchgletscher. Wie ein steinernes Damoklesschwert ragt der brüchige Berg in den Himmel über Blatten. Kameras werden zur Überwachung installiert.
Der Birchgletscher, der sich unterhalb des Bietschhorns erstreckt, hat sich seit dem Jahr 2000 in zwei Teile getrennt. Der untere Teil rückt, wohl unter dem Druck des Gerölls, das vom Kleinen Nesthorn kontinuierlich auf die Gletscherzunge fällt, immer weiter vor – bis 2019 um etwa 50 Meter. Ab Mitte Mai 2025 zeigen sich an der Flanke des Kleinen Nesthorns, das im Gegensatz zum festen Granit des Bietschhorns aus Gneis und Amphibolit besteht, deutliche Anzeichen von Instabilität. Noch im selben Monat tritt dann das schlimmste Szenario ein – es kommt zu einem gigantischen Gletscherabbruch. Die Chronologie der Ereignisse:
Samstag, 17. Mai, Nachmittag
Am Kleinen Nesthorn kommt es zu einem Felsabbruch. Das Geröll landet auf dem Birchgletscher und reisst einen kleinen Teil davon mit. Dies löst im Tal des Birchbachs einen Murgang aus, der etwa 500 Meter oberhalb der Talsohle und des Flusses Lonza stoppt. Die Behörden sperren zwei Wanderwege.
Samstag, 17. Mai, Abend
Die Gemeindebehörden ordnen die Evakuation eines Teils von Blatten an. 92 Einwohnerinnen und Einwohner sowie 16 Gäste im Dorf müssen ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Betroffen ist zunächst der Dorfteil südlich der Lonza.
Montag, 19. Mai, Vormittag
Die Evakuation wird ausgeweitet. Betroffen sind insgesamt rund 300 Personen. Experten fürchten einen massiven Bergsturz in den folgenden Stunden oder Tagen. Es könnten bis zu drei Millionen Kubikmeter Material ins Tal donnern, warnen die Fachleute. Eventuell könnten sich sogar bis zu fünf Millionen Kubikmeter Geröll und Eis zu Tal bewegen, sagt der Gemeindepräsident von Blatten, Matthias Bellwald, an einer Medienkonferenz.
Montag, 19. Mai, Abend
Ein Teil des Gipfels des Kleinen Nesthorns bricht ab. Um das befürchtete Grossereignis handle es sich nicht, versichert der Regionale Führungsstab Lötschental.
Mittwoch, 21. Mai
Die Lage bleibt angespannt. Es kommt wie tags zuvor zu weiteren kleinen Felsabbrüchen. Der Geröllhaufen auf dem Birchgletscher wächst. Dass der Berg portionenweise abbreche, ohne dass es zu direkten Schäden im Tal komme, sei das beste der denkbaren Szenarien, versichern die Verantwortlichen.
Donnerstag, 22. Mai
Der Druck auf den Birchgletscher wächst. Im Bereich der Gletscherfront gebe es eine Beschleunigung der Bewegung, erklärt Ingenieur Alban Brigger von der Dienststelle für Naturgefahren des Kantons Wallis an einer Medienkonferenz. Am Abend bricht ein weiterer Teil des akut instabilen Gesteins am Kleinen Nesthorn ab.
Freitag, 23. Mai
Der Gletscher bewegt sich erneut schneller. Am Abend stürzt der zuvor höchste Punkt des Kleinen Nesthorns ab.
Samstag, 24. Mai
Weitere Felsabbrüche und Eislawinen. Die Geschwindigkeit der Bewegung des Gletschers steigt. Sie habe sich von Freitag auf Samstag verdoppelt und betrage nun rund vier bis viereinhalb Meter pro Tag, heisst es vom Regionalen Führungsstab.
Sonntag, 25. Mai
Der Gletscher bewegt sich weiter in Richtung Tal. Immer wieder kommt es zu Felsstürzen und Eislawinen. Noch gelangt das Material aber nicht bis ins Dorf Blatten.
Montag, 26. Mai
Weitere Abbrüche. Der Gletscher sei nach wie vor in Bewegung, zuletzt rund 2,5 bis 3,5 Meter pro Tag, geben die Behörden bekannt. Die grösste Gefahr sei derzeit, dass der Gletscher in einem Mal abbrechen könnte.
Dienstag, 27. Mai
Die Gletscherabbrüche nehmen markant zu. Die Gletscherfront habe sich zuletzt mit einer sehr hohen Geschwindigkeit von rund zehn Metern pro Tag bewegt, teilt der Regionale Führungsstab mit.
Mittwoch, 28. Mai
Der Kanton Wallis ruft die besondere Lage aus. Wenige Stunden später tritt das Worst-Case-Szenario ein: Kurz vor 16 Uhr donnern Millionen Tonnen Fels, Geröll und Eis innerhalb von Sekunden 2600 Meter den Hang hinab. Die gigantische Lawine zermalmt alles, was auf ihrem Weg liegt und begräbt das Dorf Blatten und den Weiler Ried zum grössten Teil.
Die Geröllmassen erreichen selbst den gegenüberliegenden Hang und schieben sich dort noch hoch. Wo einst das Dorf war, liegt ein bis zu 30 Meter hoher Schuttkegel.
Das Wasser der Lonza staut sich am Schuttkegel, bildet einen See und zerstört so auch noch die verbliebenen Häuser. Ein 64-jähriger Mann wird nach dem Unglück vermisst. Auch eine Woche später dauert die Suche nach ihm noch immer an.
Donnerstag, 29. Mai
Die Behörden fürchten, dass der See hinter dem Schuttkegel überläuft und einen riesigen Murgang auslöst. Noch am Mittwochabend sind daher Teile der Dörfer Wiler und Kippel evakuiert worden. In Gampel und Steg im Rhonetal werden Brücken gesperrt oder demontiert. Ein Einsatz auf dem Schuttkegel ist nicht möglich. Zu instabil sind die Gesteinsmassen.
Freitag, 30. Mai
Wasser der Lonza fliesst über die gewaltige Geröllhalde. Es bilden sich Bäche und kleine Seen auf dem Schuttkegel. Die Gemeinden unterhalb des Bergsturzes im Lötschental und auch im Rhonetal bereiten sich auf den Ernstfall vor. In Gampel und Steg werden Dämme errichtet. Die Bevölkerung ist angewiesen, sich auf eine mögliche Evakuierung vorzubereiten.
Samstag, 31. Mai
Die Lonza bahnt sich ihren Weg durch den Schuttkegel und fliesst von dort Richtung Stausee Ferden. Am Abend ordnet die Kantonsregierung an, dort die Schleusen zu öffnen. Dies, damit der Stausee im Falle eines Murgangs weiterhin als Rückhaltebecken dienen kann. Denn der Spiegel des Sees steigt wieder, obwohl dieser zuvor entleert worden war.
Montag, 2. Juni
Die Suche nach dem Vermissten wird wieder aufgenommen. Zugleich eröffnet die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung in dem Fall. Es gehe darum, herauszufinden, ob der Vermisste gegen eine Anordnung verstossen oder ob er sich in einem Gebiet befunden habe, in dem er sich aufhalten durfte, erklärt die zuständige Staatsanwältin.
Mittwoch, 4. Juni
Der Walliser Staatsrat gibt für die Bewohnerinnen und Bewohner von Blatten Sofortmassnahmen von zehn Millionen Franken frei. Eine Strategiegruppe soll sich mit dem Wiederaufbau des Ortes befassen. Die Glückskette hat Spendenzusagen von über 11 Millionen Franken erhalten.
Donnerstag, 5. Juni
Die grosse Solidaritätswelle zugunsten von Blatten geht weiter. Zahlreiche Gemeinden und Kantone aus der ganzen Schweiz sprechen Gelder. Der Zürcher Regierungsrat und der Berner Regierungsrat geben beispielsweise je 500'000 Franken an Soforthilfe frei.
Freitag, 6. Juni
Der Bundesrat beantragt fünf Millionen Franken Soforthilfe für Blatten. Der Ständerat spricht sich am 10. Juni und der Nationalrat am 12. Juni einstimmig dafür aus. Bundesrat Albert Rösti spricht sich grundsätzlich für den Wiederaufbau von Blatten aus. Eine Entsiedelung der Täler sei keine Option.
Montag, 16. Juni
Die Armee kann wegen der Gefahr von Felsabbrüchen am Kleinen Nesthorn im Bergsturzgebiet vorerst nicht zum Einsatz kommen. Die Patenschaft für Berggemeinden hat derweil bereits 7,5 Millionen Franken Spenden zugesichert.
Freitag, 20. Juni
Die Schweizer Armee entfernt nun Schwemmholz und Trümmer auf dem neu gebildeten See im Bergsturzgebiet. Der Katastrophenhilfe-Einsatz der Armee ist vorerst bis zum 26. Juni bewilligt und wird anschliessend verlängert.
Dienstag, 24. Juni
Im Rahmen einer Suchaktion sind im verschütteten Gebiet menschliche Überreste gefunden und geborgen werden. Zwei Tage später ist klar, es handelt sich um den seit dem 28. Mai vermissten Mann im Gebiet Tennmatten in Blatten.
Donnerstag, 26. Juni
Der Kanton Wallis richtet eine Spendenkommission für die Einwohnerinnen und Einwohner von Blatten ein. Nach dem Bergsturz vor bald einem Monat waren in den vergangenen Wochen rund 57 Millionen Franken an verschiedenen finanziellen Hilfen und Spenden zusammengekommen. Die Kommission soll die Spenden verwalten und verteilen.
Donnerstag, 10. Juli
Sechs Wochen nach dem Bergsturz sind Armeeangehörige weiterhin mit der Räumung des entstandenen Sees von Schwemmholz und anderen Trümmern beschäftigt. Weil das Gebiet für Lastwagen nicht zugänglich ist, wird das eingesammelte Holz vor Ort verbrannt.
Samstag, 9. August
Die Schweizer Armee steht nach wochenlangem Einsatz vor dem Abzug. Der Grossteil des Treibholzes auf dem Blattensee wurde von ihr entfernt.
Mittwoch, 3. September
Der Walliser Staatsrat und die Gemeindebehörden stellen einen Fahrplan für den Aufbau von Blatten vor. Dieser enthält eine Fülle von Massnahmen in Bereichen der Raumplanung, der Mobilität und der Wirtschaft bis Ende 2029. Grösster Unsicherheitsfaktor für die Umsetzung ist die Entwicklung bei den Naturgefahren.
Freitag, 19. September
Weniger als vier Monate nach dem verheerenden Bergsturz setzt die Gemeinde Blatten den Spatenstich für den Bau eines neuen Dorfes. Die symbolische Handlung findet in der Nähe der Ruine des zerstörten Gemeindehauses statt. «Ein Blatten ohne Lötschental oder ein Lötschental ohne Blatten ist keine Option», bekräftigt Gemeindepräsident Matthias Bellwald anlässlich einer kleinen Feier.
Freitag, 10. Oktober
Die Stromversorgung in den «noch bewohnbaren» Häusern in Blatten ist wiederhergestellt. Dies betrifft auch die Gebiete, Weiler und Alpen von Tellialp, Weissenried, Gletscheralp, Eisten und Fafleralp.
Freitag, 7. November
Fünfeinhalb Monate nach dem Bergsturz hat der Kanton Wallis seine Naturgefahrenkarte angepasst. Der Weiler Ried kann nicht wieder aufgebaut werden, und die Gemeinde Blatten liegt zu 70 Prozent in der roten Gefahrenzone, die unbebaubar ist.
Mittwoch, 1. April 2026
Das Bild «Blatten 2030» von Laurent Gilliéron von der Nachrichtenagentur Keystone-SDA zum Bergsturz von Blatten gewinnt beim «Swiss Press Photo»-Wettbewerb 2026 in der Kategorie Aktualität den ersten Preis. Es wurde im September 2025 gemacht, als der symbolische Spatenstich zum Wiederaufbauprojekt «Blatten 2030» stattfand.
Mai 2026
Ein Jahr nach dem Bergsturz stehen Teile des zerstörten Dorfes immer noch unter Wasser. Der versicherte Gesamtschaden aus dem Felssturz wird auf rund 255 Millionen Franken geschätzt. Davon entfallen 210 Millionen Franken auf Gebäudeschäden, 30 Millionen betreffen Hausrat und Fahrhabe. Zusätzliche 15 Millionen Franken entfallen auf weitere Schäden wie Betriebsunterbruch- und Motorfahrzeugkaskoschäden.(dhr)
Mit Material der Nachrichtenagentur SDA.
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