Nach Streit mit Schweizer Hersteller will Zürich keine Schweizer Busse mehr
So viele Busse werden selten auf einen Schlag gekauft. Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) wollen diesen Monat den Kauf von bis zu 100 Elektrobussen ausschreiben. Ein grosser Teil des Auftrags besteht aus Optionen. Würden alle gezogen, dürften fast 140 Millionen Franken investiert werden. Das zeigen Unterlagen zu früheren Beschaffungen.
Zudem können interessierte Hersteller freiwillig Angebote für bis zu 100 Trolleybusse einreichen – ein Volumen von geschätzt weiteren 160 Millionen Franken. Wer sich durchsetzt, ist offen. Zwei Verlierer gibt es aber schon jetzt: den Schweizer Busbauer Hess und den deutschen Hersteller MAN.
Denn eigentlich hätten die VBZ einen grossen Teil der Busse ohne Ausschreibung bei Hess und bei MAN bestellen können. Aus früheren Käufen sind noch Optionen offen. Das war auch der Plan. Doch wie Recherchen zeigen, sind die VBZ so unzufrieden mit den beiden Anbietern, dass sie Alternativen suchen.
VBZ-Sprecherin Judith Setz sagt, Trolleybusse aus früheren Bestellungen bei Hess würden noch immer mit mehreren Monaten Verzögerung ausgeliefert. Zudem träten im Betrieb Störungen bei der Heizung und Lüftung, beim Antriebsstrang und beim automatischen Auf- und Abdrahten der Stromabnehmer auf.
VBZ gehören zu den grössten Kunden
Die MAN-Busse fallen wiederum mit Problemen bei den Türen, dem Fahrwerk und bei der Heizung auf. Die VBZ verzögerten die Beschaffung um einige Monate, um den beiden Herstellern Zeit zur Verbesserung ihrer Fahrzeuge zu gewähren. Wäre das gelungen, hätten die Optionen eingelöst werden können. Doch das sei nicht der Fall. Die VBZ sähen sich weiterhin «mit erheblichen und anhaltenden Herausforderungen in Zusammenhang mit der Zuverlässigkeit unserer MAN- und Hess-Busflotte konfrontiert.»
Im Interesse eines verlässlichen Angebots sähen sich die Verkehrsbetriebe gezwungen, nach neuen Lieferanten zu suchen. «Eine kurzfristige wie auch dauerhaft tragfähige Stabilisierung der Situation ist aus heutiger Sicht leider nicht erkennbar. Diese Situation ist für alle Beteiligten unbefriedigend und zunehmend nicht mehr vertretbar», sagt Setz. Die VBZ strebten eine «zügige Beschaffung» von neuen Fahrzeugen an, um die Verfügbarkeit der Flotte wieder auf ein «stabiles Niveau» zu bringen.
Die VBZ sind einer der grössten Kunden der Carosserie aus Bellach SO. In den letzten 20 Jahren haben sie über 110 Fahrzeuge bei Hess beschafft. Von MAN sind derzeit gut 50 Busse bei den VBZ im Einsatz, von anderen Herstellern wie Mercedes oder Volvo weitere 100 Stück.
Bus-Hersteller bedauert Situation
Bei Hess heisst es, die Probleme seien bekannt. Ein moderner Elektrobus sei ein Teil eines äusserst komplexen Gesamtsystems, sagt Sprecher Michel Birchmeier. Es brauche ein «extrem fein abgestimmtes Zusammenspiel zwischen den einzelnen Partnern, deren Komponenten sowie der Verbindung über Steuerung und Software». Hess ergreife Massnahmen, um die Leistung «Schritt für Schritt» weiter zu optimieren.
Die Lieferverzögerungen hängten damit zusammen, dass das Werk im weissrussischen Minsk mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen dicht gemacht wurde. Eigentlich sei in Minsk und Bellach SO schrittweise Wachstum geplant gewesen. Das habe nun aber gleichzeitig mit der Verlagerung nach Portugal stattfinden müssen, wo ein neues Werk Ende 2022 den Betrieb aufnahm. Dort werden primär Rohbauten fertiggestellt, der Endausbau geschieht in der Schweiz.
Der Aufbau neuer Kapazitäten in Portugal habe zu Herausforderungen geführt, die naturgemäss Zeit benötigten. So habe sich etwa nach langwierigen Untersuchungen gezeigt, dass ein «alternatives, aus der Not kurzfristig evaluiertes Steuergerät eines anerkannten Zulieferers» Quelle von Fehlermeldungen sei. Hess arbeite mit Hochdruck daran, Rückstände abzuarbeiten und sei auf gutem Weg, sagt Birchmeier. Die Situation sei für die Kunden mühsam, «was wir verstehen und ausserordentlich bedauern».
«Faktor Schweiz» nicht so wichtig
Der Streit fällt in eine Zeit, in der heftig über die «Swissness» bei Beschaffungen der öffentlichen Hand diskutiert wird. Auslöser war der Entscheid der SBB im November, Züge für die S-Bahn Zürich beim deutschen Unternehmen Siemens zu bestellen statt beim Schweizer Bahnbauer Stadler. Ein ähnliches Szenario könnte sich nun wiederholen. Hess ist der einzige hiesige Bus-Hersteller. Die VBZ sind eine Dienstabteilung der Stadt Zürich. Finanziert werden ihr Betrieb und ihre Beschaffungen vom kantonalen Zürcher Verkehrsverbund, dem die VBZ im Gegenzug fast alle Einnahmen abliefern.
Bei den VBZ heisst es, gemäss den gesetzlichen Vorgaben spiele der «Faktor Schweiz» eine untergeordnete Rolle bei der Beschaffung. Wichtiger als der Produktionsort sei, dass der Hersteller für den Betrieb und Unterhalt der Fahrzeuge während der ganzen Einsatzzeit eine Serviceorganisation in der Schweiz oder im angrenzenden nahen Ausland unterhalte.
Auf die Ausschreibung können sich Hess und MAN wieder bewerben – genauso wie Mercedes, Volvo oder Solaris. «Grundsätzlich denkbar» seien auch chinesische Busse, heisst es bei den VBZ. Chinesische Anbieter drängen auf den europäischen Markt. Kürzlich gab die Deutsche Bahn bekannt, dass sie 200 Elektrobusse beim Hersteller BYD kauft. Produziert werden diese in Ungarn.
Chinesische Busse sind zwar oft günstiger. Im Kanton Zürich kann bei Vergaben als Ausgleich aber das Preisniveau in unterschiedlichen Ländern als Zuschlagskriterium angewendet werden.
Hess will sich erneut auf den VBZ-Auftrag bewerben. «Die Zusammenarbeit mit den VBZ schätzen wir grundsätzlich sehr», sagt Birchmeier, «auch wenn sie ein äusserst anspruchsvoller Kunde sind». (aargauerzeitung.ch)
