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Alberts Tour: Die Geschichte meines Grossvaters

Radfahrer aus den 1940er Jahren. In einer belebten Straße in Stockholm sind Fahrräder auf dem Bürgersteig geparkt. Der Ständer zum Abstellen der Fahrräder ohne Anlehnen sieht aus, als wäre er noch nic ...
Velos zur Zeit von Alberts Tour. So sah das damals ungefähr aus.Bild: www.imago-images.de

Velofahren gegen den Weltuntergang

Im Sommer 1939 stapelten sich die Schreckensmeldungen – und der Grossvater unseres Autors ging auf eine Fahrradtour. Was hat er sich nur dabei gedacht? Und was hat das alles mit der aktuellen Weltlage zu tun?
30.03.2026, 07:0030.03.2026, 07:00
benedikt Meyer

Im Sommer 1939 verschwand mein Grossvater. Über Nacht zog er los, packte sein Fahrrad in den Zug nach Zürich und strampelte von dort kreuz und quer durch die Schweiz. 700 Kilometer spulte er ab, überquerte auf seinem Dreigänger Pragel-, Grimsel- und Oberalppass. Albert brauchte eine Auszeit.

Denn das Weltgeschehen: es war zum Vergessen. Täglich berichteten die Zeitungen über neue Gräuel im Nazireich. Über Synagogenbrände, willkürliche Hinrichtungen und Flüchtlingsschiffe, die keinen Hafen fanden. Albert ging es beschissen.

Albert war mein Grossvater und unter uns gesagt: Er war ein lieber, aber kein sonderlich spannender Mensch. Er liebte das Wandern und das Gitarrespielen, seine Louise und die Kinder, hat viel gelesen und noch mehr gearbeitet. Er hatte eine kleine Firma, die Kartonschachteln hergestellt hat und seine Memoiren handeln grösstenteils vom Geschäft.

Frau aus den 1940er Jahren auf einem Fahrrad. Die schwedische Schauspielerin Viveca Lindfors ist dabei, ihr Fahrrad zu reparieren. Man beachte die Sandsäcke vor dem Wohnhaus und den Eingang zum Keller ...
Das ist nicht Albert. Aber so sahen die Velos damals ungefähr aus.Bild: www.imago-images.de

Nur eine kurze Passage fällt aus dem Text. Eine kurze Passage, die mich nicht mehr loslässt. Es geht um den Sommer 1939. Um die letzten Wochen, bevor die Welt in den Abgrund fiel. Und was tat Albert? Er nahm sein Fahrrad. Er fuhr davon.

«Der politische Himmel verfinsterte sich. Immer unruhiger und unsteter wurde ich. Hatte es überhaupt einen Sinn, weiterzumachen? Ich nahm mein Fahrrad und fuhr mit der Bahn nach Zürich.

Mein Weg führte von Zürich durch das Sihltal nach Morgarten und Schwyz, durch das Muotathal, über den Pragel nach Glarus, über den Kerenzerberg nach Chur, Flims und Disentis, über den Oberalp nach Andermatt, Altdorf und Stans, über Brünig und Grimsel nach Brig. Mit der Bahn nach Kandersteg und mit dem Fahrrad via Bern nach Murten und von dort via Sempach zurück nach Zürich und mit der Bahn nach Hause. Nun war ich ruhiger geworden und wusste, was ich zu tun hatte.»

Alberts Tour Strecke
Die ungefähre Strecke von Albert.Bild: Atelier Landolt-Pfister

Albert ist 1900 in Basel geboren, aber aufgewachsen ist er einen Steinwurf ennet der Grenze in Lörrach. Von 1902 bis 1924 lebte er in Deutschland, auch den Ersten Weltkrieg erlebte er hier. Seine Klassenkameraden wurden gegen Ende des Krieges eingezogen und verheizt. Mein Grossvater wusste, was Krieg bedeutete. Vermutlich ging's ihm darum im Sommer 39 so schlecht.

Mich interessiert diese Episode. Was passierte hier mit Albert und was war das für eine Zeit, dieser Sommer '39? Dieser Moment, wo die Zeitungen längst nicht mehr drüber spekulierten, ob ein neuer Krieg ausbrechen würde, sondern lediglich: wann? Was war das für ein Gefühl, wenn man begreift, dass man stürzt – aber noch nicht fühlt, wie man aufschlägt?

Frau aus den 1940er Jahren auf einem Fahrrad. Die schwedische Schauspielerin Viveca Lindfors ist dabei, ihr Fahrrad zu reparieren. Man beachte die Sandsäcke vor dem Wohnhaus und den Eingang zum Keller ...
Training der schwedischen Armee auf dem Velo zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.Bild: www.imago-images.de

Ich fuhr nach Bern in die Nationalbibliothek. Dort durchstöberte ich alte Velo-Magazine, bis ich wusste, wie gross die Räder und Zahnräder damaliger Velos waren und wie die Schaltungen genau übersetzten. Einige Zahlenspiele später war mir klar: Alberts erster, zweiter und dritter Gang entsprachen etwa dem 7., 10. und 12. Gang meines 25 Kilo schweren Tourenfahrrads. Wenig später schwang ich mich auf mein Rad und fuhr mit der Bahn nach Zürich. Von dort strampelte ich los.

Im Internet hatte ich mir alte Landkarten ersteigert und versuchte, Alberts Weg möglichst genau nachzufahren. Sihltal, Morgarten, Schwyz: es lief gar nicht schlecht, aber am Pragel hat die Passstrasse im obersten Drittel ihren Lauf geändert und so fand ich mich erst auf einem holprigen Bergsträsschen und dann auf dem Wanderweg wieder. Etwas komisch kam ich mir da schon vor, so mit meinem Göppel zwischen Enzianen und grasenden Kühen. Aber historische Forschung ist nun mal historische Forschung.

Benedikt Meyer Alberts Tour Velotour durch die Schweiz
Der Autor am Pragelpass 2021. Hier gibt es keine Passstrasse mehr.Bild: Benedikt Meyer

Meine Tour ist inzwischen fünf Jahre her und sportlich betrachtet war sie ein Erfolg. Mit drei Gängen kommt man erstaunlich weit und ich bezwang sogar den Grimselpass in meinem siebten bzw. Alberts kleinstem Gang. Mental aber war's eine einzige «Ohne»-Tour.

Ich subtrahierte ständig, versuchte mir vorzustellen, wie es «ohne» wäre; ohne Hochspannungsleitungen, Neubausiedlungen oder die Blechlawinen im Urnerland. Ohne Goretex-Hose, WhatsApp-Nachrichten und Live-Wetterprognosen auf dem Handy.

Benedikt Meyer Alberts Tour Velotour durch die Schweiz
Schieben gehörte am Pragelpass mit den drei Gängen natürlich dazu.Bild: Benedikt Meyer

Körperlich kann ich nachempfinden, was Albert geleistet hat – mental aber gelang mir die Annäherung nicht. Im Sommer 2021 war das Wetter schlecht und die Stimmung gereizt (viele Leute regten sich noch immer über Corona bzw. die Massnahmen auf). Es war kein Wahnsinns-Sommer, aber von einem Weltkrieg waren wir meilenweit weg. Ich machte mir ein paar Skizzen und legte das Projekt in die Schublade, wo es vier Jahre blieb. Dann kam der Frühling 2025 – und plötzlich war Alberts Tour wieder da.

Plötzlich stapelten sich Meldungen, die zum Vergessen waren. Würden die Amerikaner Europa verraten? Würde die Ukraine den Krieg verlieren? War die neue Washingtoner Regierung faschistisch oder verhielt sie sich einfach nur sonderbar? Würde sie sich tatsächlich Kanada, Grönland oder den Panamakanal einverleiben? Waren die Amerikaner nun eigentlich Freunde der Russen? Funktionierte Weltpolitik neuerdings wie eine Schlägerei auf dem Pausenplatz? Oder wie eine Abrechnung unter Mafiosi?

Benedikt Meyer Alberts Tour Velotour durch die Schweiz
Der Autor 2021 auf dem Grimselpass mit seinem Gefährt.Bild: Benedikt Meyer

Und was konnte Europa in so einer Welt überhaupt ausrichten? Wie lange, bis auch in Berlin, London oder Paris extreme Rechte an die Macht kamen? Wie lange bis zu einem Angriff aufs Baltikum? Und wenn die Ukraine fiel und Putin-Freund Orban die Türen öffnete, standen dann russische Panzer demnächst vor Wien?

Benedikt Meyer
Benedikt Meyer schrieb vor einigen Jahren als freier Mitarbeiter einige Artikel für watson. Im Januar 2026 meldete er sich mit diesem Themenvorschlag.

Er arbeitet als Autor und Kabarettist und schreibt auf seiner Homepage selbst: «Historische Recherchen sind meine Droge, Heureka-Momente mein Rauschmittel.»

Meyers neuestes Buch ist «Alberts Tour» (Zytglogge-Verlag) und liegt für rund 26 Franken in fast jeder Buchhandlung. Die Vernissage findet am 31. März 2026 in Berns «La Cappella» statt. Die ersten Seiten gibt's hier zum Anhören.
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Bild: Benedikt Meyer

Der politische Himmel verfinsterte sich. Immer unruhiger und unsteter wurde ich. Wie sollte ich angesichts solcher Nachrichten die Hoffnung behalten? Und wie meine psychische Gesundheit? Vor allem, weil es ja nicht nur Trump gab, sondern auch noch KI, Klimaerwärmung und vieles mehr. Vielen ging es ähnlich in diesem seltsamen Frühling 2025 und manchmal schien mir, als seien wir alle Albert. Als seien wir alle unterwegs auf diesem schwankenden Fahrrad und versuchten in einer fiebernden Welt irgendwie in Balance zu bleiben.

Während die Welt Stück für Stück den Verstand verlor, begann ich über Alberts Tour zu schreiben. Mein Grossvater hat unterwegs durchgeatmet und sich ordentlich Muskelkater geholt. So kam er vom Kopf in den Körper, vom Überwältigenden ins Gestaltbare und vom Grübeln ins Handeln.

Benedikt Meyer Alberts Tour Velotour durch die Schweiz
Wer mehr zur Geschichte von Albert erfahren möchte.Bild: Benedikt Meyer

Erst kümmerte er sich um sich selbst, dann kümmerte er sich um seine Nächsten. Er stellte die Firma so auf, dass sie auch ohne ihn weiterlaufen konnte und kaufte ein Stück Land, damit seine Kinder im Kriegsfall nicht hungerten. Wenig später ging der Krieg los. Albert rückte ein, übte Schiessen, Marschieren und baute Panzersperren. Gebraucht hat es das rückblickend zum Glück nicht.

Ich selbst bin durch die Beschäftigung mit Alberts Reise etwas gelassener, etwas zuversichtlicher geworden. Wir haben nicht alles in der Hand, aber was wir beeinflussen können, sollten wir gestalten. Und wenn die Welt verrückt spielt, sollte man für sich selbst da sein, damit man umso besser für andere da sein kann. Und ab und zu ist das Vernünftigste, was man tun kann: seinen Göppel nehmen und drauflosbrettern.

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