«Könnte mir das auch passieren?» Iran-Krieg verunsichert Schweizer Juden
Die Anzahl antisemitischer Vorfälle in der realen Welt – also ohne den Online-Bereich – ist 2025 gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent auf 177 Vorfälle zurückgegangen. Statt 11 gab es noch 5 Tätlichkeiten. Hat sich die Lage entspannt?
Ralph Friedländer: Der leichte Rückgang in der realen Welt sieht zwar nach einer Beruhigung aus, gleichzeitig haben die Vorfälle im Online-Bereich um 37 Prozent zugenommen. Leider verharrt der Antisemitismus in der Schweiz auf einem sehr hohen Niveau, deutlich höher als alles, was wir vor dem Hamas-Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 auf Israel gesehen haben. Insofern kann ich keine Entwarnung geben. Es braucht weiterhin Massnahmen, damit das nicht zu einer neuen Normalität wird.
Der Konflikt in Gaza hat als sogenannter Trigger für antisemitische Vorfälle gewirkt. Droht mit dem israelisch-amerikanischen Krieg gegen den Iran ein neuerlicher Anstieg?
Zahlen dazu haben wir noch nicht. Aber aus der Erfahrung wissen wir, dass kriegerische Auseinandersetzungen im Nahen Osten mit Beteiligung von Israel hierzulande zu vermehrten antisemitischen Vorfällen führen, die sich gegen die Schweizer Jüdinnen und Juden richten. Nach dem Waffenstillstand in Gaza Anfang Oktober ging der Anteil der Vorfälle mit direktem Bezug zum Nahen Osten im letzten Quartal 2025 zurück. Nun droht leider wieder ein Anstieg.
Im Februar wurde in Zürich ein jüdischer Mann mit Faustschlägen attackiert – nur elf Monate nachdem in der Stadt ein orthodoxer Jude mit einem Messer lebensgefährlich verletzt worden ist. Was lösen solche Angriffe in der jüdischen Gemeinschaft aus?
Das war für viele ein Schock. Ein als jüdisch erkennbarer Mensch ist in unmittelbarer Nähe seiner Wohnung angegriffen worden. Solche Vorfälle wirken weit über den unmittelbaren Opferkreis hinaus. Viele Jüdinnen und Juden fragen sich dann: Könnte mir das auch passieren? Hinzu kommen Aufrufe von extremistischen Gruppen wie der Hamas, weltweit jüdische Menschen anzugreifen. Und am Rande von Demonstrationen werden Parolen wie «Globalize the Intifada» oder «Kill your local Zionist» gerufen oder gesprayt. Das löst bei jüdischen Menschen Unsicherheit aus. Wie Umfragen zeigen, kommt es deshalb immer häufiger zu einem gewissen Vermeidungsverhalten.
Was ist damit gemeint?
Eine Untersuchung von 2024 ergab, dass über 70 Prozent der Befragten oft oder manchmal vermeiden, in der Öffentlichkeit als jüdisch erkennbar zu sein. Das ist problematisch und zeigt, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Es ist ein Warnsignal für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft. Wir wollen unbedingt verhindern, dass es in der Schweiz zur Normalität wird, dass man seine jüdische Identität verstecken muss.
Im Bericht wird auch die linksautonome Palästina-Demonstration vom 11. Oktober 2025 in Bern erwähnt. Dort kam es zu Gewalt, Sachbeschädigungen und laut dem SIG auch zu «gewalt- und terrorverherrlichenden» Äusserungen. Ist der linke Antisemitismus aktuell der gefährlichste in der Schweiz?
Nein, das kann man nicht so pauschal sagen. Antisemitismus kommt bekanntlich aus verschiedenen Milieus: aus dem Rechtsextremismus, dem Linksextremismus, aus islamistischen und verschwörungsaffinen Milieus und auch aus der Mitte der Gesellschaft. Aber wir stellen fest, dass es auch einen Schwerpunkt beim radikal pro-palästinensischen und anti-israelischen Milieu gibt, gerade rund um Demonstrationen. Dort herrscht eine gewisse Grundstimmung, die einzelne Teilnehmende Grenzen überschreiten und gewaltbereit werden lässt. Aber diese Einzelpersonen stehen nicht stellvertretend für eine ganze politische Bewegung, das ist mir wichtig zu betonen. Entscheidend ist vielmehr, dass politische Kräfte solche extremen Elemente klar zurückweisen und sich von ihnen distanzieren.
Funktioniert diese Distanzierung bei der Linken?
Ja. Wir stehen im Austausch mit verschiedenen politischen Akteuren und haben uns erst kürzlich auch mit der Spitze der SP Schweiz ausgetauscht. Es werden durchaus die roten Linien bei radikalen Aufrufen und antisemitischen Äusserungen gezogen. Und auch die jüngste Antisemitismus-Resolution der SP ist diesbezüglich eindeutig. Das begrüssen wir sehr. Wir wünschen uns von allen politischen Lagern, dass sie hier aufmerksam hinschauen und antisemitische Elemente in ihren eigenen Reihen klar benennen und sich von ihnen distanzieren.
Im Berichtsjahr 2024 hat der SIG die Methodik im Online-Bereich verfeinert und erweitert. Nun liegen erstmals Vergleichswerte vor: Die Anzahl antisemitischer Vorfälle im Online-Bereich ist um 37 Prozent gestiegen. Wie erklären Sie sich das?
Ein Teil der Erklärung liegt sicher in den sozialen Medien selbst. Algorithmen sorgen dafür, dass Menschen in sogenannten Bubbles bleiben und sich gegenseitig verstärken. Hinzu kommt die Anonymität, die Hemmschwellen senkt. Diese Dynamik wird von Triggerereignissen wie dem Nahostkonflikt zusätzlich verstärkt.
Der Bundesrat will Plattformen und Suchmaschinen stärker regulieren. Es gibt Kritik, sein Gesetzesvorschlag falle aus Furcht vor US-Präsident Donald Trump und dessen Freunden in den amerikanischen Tech-Konzernen handzahm aus. Was ist Ihr Urteil?
Wir begrüssen grundsätzlich, dass der Bundesrat das Thema aufnimmt und die grossen Plattformen stärker in die Verantwortung nehmen will, etwa durch klare Melde- und Beschwerdemechanismen und mehr Transparenz bei der Moderation von Inhalten. Das Monitoring und die juristische Verfolgung antisemitischer Inhalte im Netz ist auch Aufgabe des Staates. Wir werden genau beobachten, wie das Gesetz umgesetzt wird und welche Instrumente zur Verfügung stehen.
Was versprechen Sie sich von der nationalen Strategie gegen Antisemitismus und Rassismus, die der Bundesrat im Dezember verabschiedet hat?
Sie ist ein wichtiger Schritt vorwärts und hilft als Orientierungsrahmen. Bis jetzt ist die Strategie relativ allgemein verfasst. Auch hier ist die Umsetzung entscheidend. Dafür fordern wir genügend Personal und finanzielle Mittel. Wichtig ist weiterhin ein besserer Schutz von jüdischen Einrichtungen, aber auch die Stärkung von Prävention, Bildung, Monitoring und Sensibilisierung im Bereich Antisemitismus. Wir werden uns hier weiterhin einbringen und sind in Kontakt mit dem Bund, den Kantonen, den Hochschulen und weiteren Akteuren.
Letzte Woche sind mir in Zürich anlässlich des Purim-Fests verkleidete jüdische Kinder begegnet, die lachend durchs Quartier zogen. Gibt es viele solche unbeschwerten Momente jüdischen Lebens?
Zum Glück gibt es diese Momente. Und es ist der Daseinszweck unseres Verbands, dass es sie weiterhin gibt. Ich habe an Purim einen schönen Gottesdienst in der Berner Synagoge erlebt. Gleichzeitig weiss ich, dass diese Synagoge permanent bewacht und quasi zu einer Festung hochgerüstet werden muss, um solche unbeschwerten Momente in Sicherheit zu ermöglichen.
Was stimmt sie positiv?
Die grosse Solidarität und das grosse Engagement, die wir aus der Gesellschaft erfahren. Auch im mir persönlich sehr wichtigen interreligiösen Dialog mit christlichen, muslimischen und anderen Religionsvertretern erlebe ich das. Und nicht zu vergessen: Bei den erwähnten Angriffen auf jüdische Personen haben Passanten eingegriffen und geholfen. Das ist ein wichtiges Zeichen. (aargauerzeitung.ch)
