Schweiz
Schule - Bildung

Experten fordern eine Kurskorrektur der Schweizer Volksschule

ARCHIV - 15.03.2021, Baden-Württemberg, Heitersheim: ILLUSTRATION - Schülerinnen und Schüler sitzen während des Unterrichts in ihrem Klassenzimmer. Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL ...
Aktive Rolle der Lehrpersonen: Die Kinder sollen nicht in selbstorganisiertem Unterricht allein gelassen werden, findet eine Gruppe von Bildungsexperten.Bild: DPA

Experten fordern mehr Praktiker an den Pädagogischen Hochschulen

Eine Gruppe von Lehrpersonen, Politikern und Akademikern ist alarmiert über die sinkenden Leistungen an der Volksschule. Sie fordern eine Kurskorrektur. Dazu gehört auch: mehr Übung in den Grundkompetenzen Lesen, Rechnen, Schreiben.
28.04.2026, 20:4128.04.2026, 20:41
Kari Kälin
Kari Kälin

Die Ausgangslage ist unerfreulich: Laut der aktuellen Pisa-Studie kann jeder vierte Schulabgänger nicht richtig lesen, jeder fünfte kaum rechnen und die Tendenz zeigt nach unten – obwohl sich die Schweiz eines der teuersten Bildungssysteme der Welt leistet. Kein Wunder, prägt der Begriff «Krise der Volksschule» vermehrt die bildungspolitische Debatte. FDP und SVP haben vor Kurzem je ein Positionspapier mit ähnlicher Stossrichtung präsentiert: Fokus auf Lesen, Rechnen, Schreiben und mehr Übung, mehr Praktiker als Dozenten an den Pädagogischen Hochschulen. Kritisiert werden der hohe Reformrhythmus, die integrative Förderung, der Fremdsprachenunterricht auf der Primarstufe.

Am Montag haben in Zürich Bildungsexperten ein Manifest für eine Kurskorrektur präsentiert, das viele Forderungen der erwähnten Positionspapiere aufgreift. Das achtköpfige Team besteht aus aktiven Lehrerinnen und Lehrern, Politikern aus der SP bis hin zum Nidwaldner Bildungsdirektor Res Schmid (SVP) und Akademikern wie dem bekannten Jugendpsychologen Allan Guggenbühl. Ihr Motto lautet: Jedes Kind geht nur einmal zur Schule – deshalb hat es ein Anrecht auf einen bildungswirksamen Unterricht.

Ein Kind macht zu Hause seine Franzoesischhausaufgaben, fotografiert am Mittwoch, 10. September 2025 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Ein Kind macht Französischhausaufgaben.Bild: KEYSTONE

Beat Kissling, früher Lehrer auf praktisch allen Schulstufen und heute Psychotherapeut in Zürich, brachte die gemeinsame Motivation der Experten so auf den Punkt: «Wir teilen die Sorge, dass etwas passieren muss.» Die tiefgreifenden Änderungen im Bildungswesen in den letzten 30 Jahren stellten den humanistischen Grundgedanken der qualitativ hochstehenden Förderung jedes Kindes in Frage. Das sind einige wichtige Forderungen im Überblick.

Mehr Praktiker an den Pädagogischen Hochschulen

Philipp Loretz, Präsident des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland, verwies auf Rückmeldungen von Studierenden, aber auch Lehrpersonen, die unzufrieden sind mit der Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen (PH). Moniert wird etwa zu wenig Praxisnähe. Loretz fordert: Dozierende für Fachdidaktik sollen über mehrjährige, erfolgreiche Unterrichtstätigkeit in jenen Fächern und auf jenen Stufen verfügen, für welche sie Studierende ausbilden. Die SP Baselland reichte ein ganzes Vorstosspaket zu diesem Thema – mit einigem politischem Erfolg.

Die Pädagogischen Hochschulen sind in der Schweiz föderalistisch organisiert. Die PH Zürich teilt via Kommunikationsstelle mit, sie unterstütze das Anliegen und hält fest: «Die Dozierenden der PH Zürich müssen neben ihrer akademischen Ausbildung über mehrjährige Berufserfahrung auf der Zielstufe verfügen, um zu unterrichten.» Die PH Zürich betont, dass viele Studierende bereits während des Studiums nicht nur Praktika absolvieren, sondern auch Stellvertretungen übernehmen würden.

Paedagogische Hochschule in Zuerich am Donnerstag, 30. August 2012. Zehn Jahre nach ihrer Gruendung kann die Paedagogische Hochschule Zuerich ihren neuen Campus beim Zuercher Hauptbahnhof an der Europ ...
Unterrichtende an Pädagogischen Hochschulen sollen mehr aus der Praxis kommen. Bild: KEYSTONE

Alles kein Problem also? Die Frage bleibt offen. An der Pressekonferenz hiess es auch, die PH und die Praktiker würden oft aneinander vorbeireden.

Reduktion auf das Wesentliche

Man könnte meinen, die Schule sei die Reparaturwerkstatt der Gesellschaft. Taucht ein neues Problem auf, ertönt schnell der Ruf nach einem neuen Schulfach. Zum Beispiel Umgang mit Finanzen, wenn verschuldete Jugendliche für Schlagzeilen sorgen. Die Referentinnen und Referenten finden jedoch: Die Schule soll den Lehrplan nicht überladen und sich thematisch verzetteln, sondern die Basiskompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen – wieder vermehrt ins Zentrum rücken. Carl Bossard, Gründungsrektor der PH Zug, sagte, die Forschung sei eindeutig: «Lesen, Schreiben und Rechnen müssen konsequent aufgebaut werden.» Nicht die Kinder seien schwächer geworden, sondern das systematische Lernen sei geschwächt worden.

Stärkere Rolle der Lehrperson

Die Experten kritisierten, oft werde die Lehrperson zum Coach degradiert, den Kindern im Rahmen des selbstorganisierten Lernens zu viel zugemutet. Res Schmid kritisierte, dass bei dieser Lernform vor allem lernschwache Kinder auf der Strecke bleiben würden. Der Tenor lautete: Die Lehrerinnen und Lehrer müssen gestärkt werden, sie brauchen eine aktivere Rolle, in der sie den Unterricht gezielt steuern, damit die Schülerinnen und Schüler nicht allein gelassen werden. (aargauerzeitung.ch)

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