Schweiz
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Der 17 Kilometer lange Strassentunnel ist reif für eine Totalsanierung. Bild: KEYSTONE

2,8-Milliarden-Projekt

Die zweite Gotthardröhre – was dafür spricht und was dagegen

Der Nationalrat berät über den Bau eines zweiten Strassentunnels am Gotthard. Am Ende muss wohl das Volk entscheiden. Ein Ja scheint durchaus möglich.

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Braucht die Schweiz eine zweite Gotthard-Röhre?

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1,470 Votes zu: Braucht die Schweiz eine zweite Gotthard-Röhre?

  • 51%Ja, unbedingt!
  • 49%Nein, Schutz der Alpen geht vor.

Seit Jahren wird in der Schweiz über eine zweite Gotthardröhre gestritten. Bislang konnten entsprechende Forderungen von Seiten der Autolobby abgeschmettert werden. Zwei Mal stimmte das Volk direkt oder indirekt dagegen: 1994 mit der Annahme der Alpen-Initiative, 2004 mit dem klaren Nein zum Gegenvorschlag zur Avanti-Initiative. 

Nun aber will der Bundesrat höchstselbst einen zweiten Strassentunnel bauen. Vor zwei Jahren stellte Verkehrsministerin Doris Leuthard das Projekt vor. Der Ständerat sagt im März mit 25 zu 16 Stimmen klar Ja, der Nationalrat dürfte am Mittwoch nachziehen. Bereits am Freitag könnte die Schlussabstimmung stattfinden, danach werden linksgrüne Kreise unter Führung der Alpen-Initiative das Referendum ergreifen. Schon 2015 könnte das Volk entscheiden.

Warum braucht es eine zweite Röhre?

Der 1980 eröffnete Gotthard-Strassentunnel ist die wichtigste Nord-Süd-Verbindung der Schweiz. Rund 17'000 Fahrzeuge durchqueren die 17 Kilometer lange Röhre jeden Tag. In absehbarer Zeit ist eine Totalsanierung des angejahrten Tunnels fällig. Um die für die Schweiz und Europa wichtige Verbindung zu erhalten, will der Bundesrat eine zweite Röhre bauen. Er argumentiert dabei auch mit der Sicherheit. Für die Gegner verstösst ein zweiter Strassentunnel gegen den 1994 angenommenen Alpenschutzartikel, er wäre somit verfassungswidrig.

Gotthardloch I: 1707 wurde in der Schöllenenschlucht das Urnerloch aus dem Felsen gehauen. Seine Länge betrug ganze 64 Meter. Bild: Schweizerisches Bundesarchiv

Welches wären die Alternativen?

Die Gegner propagieren einen Autoverlad durch den neuen Neat-Basistunnel, der für 10 Milliarden Franken erbaut und 2017 eröffnet wird. Für den Bundesrat ist diese Lösung zu teuer, er rechnet mit Kosten von 1,2 bis 2 Milliarden Franken (die Sanierung des heutigen Strassentunnels inbegriffen). Er geht ausserdem davon aus, dass ein Teil des Verkehrs auf andere Strassen ausweichen würde, vor allem auf die San-Bernardino-Route.



Wie viel kostet die zweite Röhre?

Der Bundesrat geht von 2,8 Milliarden Franken für ihren Bau sowie die Sanierung des bestehenden Tunnels aus. Für die Gegner ist diese Summe unseriös, weil die Kosten für den Unterhalt der zweiten Röhre nicht eingerechnet sind.

Welche Kapazität hat die zweite Röhre?

Theoretisch stünden nach dem Bau des zweiten Tunnels vier Fahrspuren zur Verfügung, was einer Verdoppelung der heutigen Kapazität entspräche. Der Bundesrat will per Gesetz sicherstellen, dass die beiden Röhren nur je einspurig befahren werden. Die zweite Fahrspur würde als Pannenstreifen dienen. 

Dies wäre nach Ansicht des Departements Uvek im Sinne des Alpenschutzartikels. Zwei getrennte Röhren würden ausserdem mehr Sicherheit bedeuten, argumentiert der Bund mit Verweis auf den Brand vom Oktober 2001, der elf Todesopfer forderte und eine zweimonatige Schliessung des Tunnels zur Folge hatte. 

Gotthardloch II: 1882 wurde der Eisenbahntunnel von Göschenen nach Airolo eröffnet. Er ist bis heute die wichtigste Nord-Süd-Bahnverbindung der Schweiz. Bild: VERKEHRSHAUS LUZERN

Die Gegner halten nichts von dieser Argumentation. Sie glauben, dass die Europäische Union (EU) Druck auf die Schweiz ausüben und eine Öffnung aller vier Spuren erzwingen wird. Experten für Europarecht gehen davon aus, dass dies nur mit einer Anpassung des Landverkehrsabkommens verhindert werden kann, was angesichts der derzeit angespannten Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU schwierig werden dürfte. Ungewiss ist zudem, wie Gerichte im Fall einer Klage das Schweizer Tunnelregime beurteilen würden.

Wann wird die zweite Röhre eröffnet?

Im besten Fall rechnet das Uvek mit einer Inbetriebnahme im Jahr 2027. Einsprachen könnten zu einer Verzögerung führen. Danach soll der heutige Tunnel saniert werden. Frühestens ab 2030 würden beide Röhren vollumfänglich zu Verfügung stehen. Weil sich die Erneuerung des bejahrten Strassentunnels damit verzögert, sind Überbrückungsarbeiten vorgesehen. Dazu müsste er für 140 Tage gesperrt werden, ohne jeglichen Ersatz, wie die Gegner der zweiten Röhre hervorheben. Es käme also so oder so zu einer langen Schliessung.

Welche Rolle spielt das Tessin?

Der Bundesrat hebt explizit den Wunsch des Südkantons hervor, während der Sanierung eine gute Strassenverbindung nach Norden zu haben. Mit einer Standesinitiative hat das Tessin seinen Standpunkt in dieser Frage bekräftigt. Eifrigster Lobbyist ist CVP-Ständerat Filippo Lombardi, er warnt vor einer «krassen Missachtung einfachster Fairnessregeln, gemäss denen das Tessin bei Strassensanierungen nicht anders behandelt werden sollte als andere Landesteile»

Gotthardloch III: Am 5. September 1980 erfolgte die Eröffnung des Strassentunnels. Er war damals der längste der Welt. Bild: KEYSTONE

Nach dem klaren Tessiner Ja zur Masseneinwanderungsinitiative dürften solche Argumente in Bern auf offene Ohren stossen. Doch im Tessin gibt es keineswegs nur Befürworter der zweiten Röhre. Umweltschützer warnen vor einer Verkehrs- und vor allem Lastwagenflut, die sich in den Süden ergiessen könnte. Die überlasteten Strassen gerieten endgültig ans Limit, vom Monte Ceneri bis zur Grenze in Chiasso drohe ein Dauerstau.

Wird das Volk Ja sagen?

Die bürgerliche Mehrheit im Parlament dürfte der zweiten Röhre zustimmen. Eine Volksabstimmung scheint somit unausweichlich. Obwohl sich die Gegner vor 20 und 10 Jahren durchsetzen konnten, sind sie skeptisch. Sie fürchten, dass der Wunsch nach einer offenen Strassenverbindung durch den Gotthard stärker sein könnte als die Furcht vor einer Verkehrslawine. Zumindest deuten diverse Umfragen darauf hin: Rund zwei Drittel der Befragten befürworten demnach den Bau einer zweiten Röhre. 

Gotthardloch IV: Mit 57 Kilometern wird der zweiröhrige Basistunnel bei seiner Eröffnung 2017 der längste Bahntunnel der Welt sein. Bild: KEYSTONE

Entschieden ist aber noch nichts. Für Diskussionen wird nicht zuletzt die Frage sorgen, ob ein zweiter Strassentunnel mit der vom Volk gewünschten Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene kompatibel ist. Selbst die NZZ äusserte  – wenn auch sehr vorsichtig – Zweifel daran, dass sich der Bau einer zweiten Röhre mit dem «Jahrhundertbauwerk» Neat-Basistunnel vereinbaren lässt.

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    Alle Leser-Kommentare
  • adi37 07.10.2014 17:27
    Highlight Highlight Die 2. Röhre ist heute eine Frage der Vernunft! In diesem Artikel auf Politnetz lesen Sie meine Einschätzung und Lösungsansätze.

    http://www.politnetz.ch/artikel/21399-aus-vernunft-die-2-roehre-am-gotthard
  • MediaEye 06.10.2014 14:21
    Highlight Highlight der fahrlässigen, wenn nicht gar der eventualvorsätzlichen Gefährdung des Lebens und in Kaufnahme von Toten zu verantworten, genau wie bei den Autostrassen seit A13 (Qualensee) Lyss-Biel etc. Siehe auch A4a Schaffhausen-WInterthur. Diese gehörten eigentlich vor Gericht!

    Also Ausbau und Betrieb von 4 Spuren (je 2 pro Röhre) evtl. bei Ferien getrennt in Pkw und Lkw
  • MediaEye 06.10.2014 14:17
    Highlight Highlight Die 2. Röhre muss her, aber SUBITO !!!

    Bereits jetzt gibt es Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen dem Personen- und Güterverkehr um Slots auf dem nationalen Schienennetz!
    Und wer glaubt, dies werde mit dem Ausbau des ÖV abnehmen, der glaubt wohl auch daran, den Weihnachtsmann, den Storch und auch den Osterhasen gleichzeitig treffen zu können.
    Das Schweizer Volk wollte mit der Alpenschutzinitiative doch wohl eher dem Naturschutzgedanken Nachachtung verschaffen, dabei aber keineswegs den Verkehr behindern! Wer für einen Betrieb des Autotunnels verantwortlich ist oder war, hat sich wohl eher
  • Kari Metzger 05.10.2014 17:53
    Highlight Highlight Genau jene Kreise, die immer nach Umsetzung des Volkswillens tröten, vergessen, dass die Alpenschutzinitiative von der Mehrheit des Schweizervolks angenommen wurde! Volkswillen umsetzen, Hr. Giezendanner!
  • Zeit_Genosse 24.09.2014 20:41
    Highlight Highlight Welch ein Unglück, wenn an den Ostertagen 2028 alle vier Spuren für Tage gegen eine saftige Gebühr geöffnet werden. Damit liesse sich die nächste Sanierung vorfinanzieren.
  • Baba 24.09.2014 18:47
    Highlight Highlight Mir sind die 2.8 Mia Franken nicht ganz klar - die zweite Röhre existiert ja als Rettungs-Tunnel bereits... sie muss noch ausgebaut werden, aber für 2.8 Mia?
    • saukaibli 25.09.2014 10:09
      Highlight Highlight Und dann einen neuen Rettungstunnel bauen? Und ausserdem würde ein Ausbau eines kleinen Rettungsstollens auf eine zweispurige Autobahn nicht weniger kosten als einen neuen Tunnel zu graben.
    • Baba 25.09.2014 12:09
      Highlight Highlight @saukaibli: nein, bei zwei Röhren braucht's keinen Rettungstunnel mehr (s. Eisenbahn NEAT Tunnel, da geht's auch mit zweien). Und der Rettungsstollen ist sooo klein nun auch nicht!
  • Baba 24.09.2014 18:46
    Highlight Highlight BR Hürlimann bei der Eröffnung des Strassentunnels 1980: "Dieser Tunnel ist kein Korridor für den Schwerverkehr" und "Der Bundesrat hat unmissverständlich klar gemacht..., dass er an der 28-Tonnen-Limite festhalten wird."

    Heute: rund 3'500 Camions...pro Tag!
    Heute: 40 Tonnen LKWs sind die Regel, nicht die Ausnahme!

    Daher befürchte ich mittel- (oder sogar kurz-)fristig ein ähnliches Einknicken des BR mit der Eröffnung aller vier Fahrspuren durch den Gotthard... Trotzdem, eine Totalschliessung und eine völlige Verlagerung des heute anfallenden Verkehrs auf die Schiene ist wohl eine schöne Illusion.
  • Der Tom 24.09.2014 12:33
    Highlight Highlight Gegenargumente sind nur verklärtes Wohlstandsgequassel. Ausserdem wird mit einer zweiten Röhre die Sicherheit erhöht. Autofahrer haben immer mehr zu tun mit Navi und sonstiger Unterhaltungselektronik oder Kommunikation im Auto. Da muss man vorbeugen.
    • Knut Atteslander 24.09.2014 14:50
      Highlight Highlight Dann sollten die Autofahrer halt aufhören Auto zu fahren, wenn es so mühsam ist...
    • Baba 24.09.2014 18:32
      Highlight Highlight @Der Tom: unaufmerksame Autofahrer als Argument für eine zweite Röhre anzuführen kann Ihnen ja wohl nicht ernst sein - oder doch????
    • Der Tom 24.09.2014 21:24
      Highlight Highlight @Baba Sicherheit ist ein wichtiges Argument. Unaufmerksame oder überforderte Autofahrer gehören dazu.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Zeit_Genosse 24.09.2014 12:25
    Highlight Highlight Auch wenn die Schweiz nicht EU-Mitglied ist, verbindet sie die zwei Wirtschaftsballungsräume von Süddeutschland und Norditalien auf sehr kurzem Weg. Alles auf die Schiene geht aus Kapazitätsgründen nicht und ist nicht besonders praktikabel. Die Schweiz hat mit dieser (noch ausbaubaren) Verbindung gute Karten ggü. der EU. Man muss den Gotthard als Investition für die EU sehen. Daraus müssten sich weitere Vorteile bei den bilateralen im Hinblick auf MEI für die Schweiz ergeben. Wir sollten die 2. Röhre nicht verhindern, jedoch nicht ohne EU-Eingeständnisse oder Partizipation gratis Finanzieren.
    • tinmar 24.09.2014 13:04
      Highlight Highlight naja, wäre auch ganz nett für die schweizer mal ohne stau von nord nach süd und umgekehrt.
  • droelfmalbumst 13.03.2014 08:27
    Highlight Highlight Wenn die nicht wissen wohin mit den Milliarden, ich nehme schon etwas davon!

    Bin aber def. für eine zweite Röhre! Das ganze Alpenschutzzeug ist doch ein Witz. Als ob die Alpen schaden davon tragen. Schadet wohl viel mehr wenn da ständig KM-weise Stau herrscht... Röhre bauen und eine Gebühr einführen.

    Win-Win Situation
    • Romeo 13.03.2014 08:46
      Highlight Highlight Keine Gebühr für Tessiner !
    • philipp meier 13.03.2014 11:53
      Highlight Highlight das «alpenschutzzeugs» war eine initiative, die das volk angenommen hat. das ganze zu beerdigen ist in etwa dasselbe, wie wenn die umsetzung der masseneinwanderungsinitiative zuerst lange verzögert und dann nicht umgesetzt würde.
    • droelfmalbumst 13.03.2014 14:27
      Highlight Highlight @ Philipp
      da liegst du genau richtig. ich möchte schon fast wetten dass die masseneinwanderungsinitiative genau so ablaufen wird. verzögern, verzögern und dann passiert nichts! :)
    Weitere Antworten anzeigen
  • Romeo 13.03.2014 06:43
    Highlight Highlight Ich erinnere mich an das Chaos der Schliessung im 2001. Als Tessiner befürworte ich ganz klar die zweite Röhre. Das Tessin darf nicht abgesägt werden. Das schadet der Wirtschaft enorm und ist für die Bevölkerung unzumutbar.
    • tinmar 24.09.2014 12:49
      Highlight Highlight Schlicht nur peinlich, dass es nicht schon längst eine 2te Röhre gibt! .. 2030 .. ob ich das noch erlebe?!

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