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Themenbild zur Sterbehilfe, Euthanasie. Haende einer Patientin und eine Rose im Spital Uznach, gestellte Aufnahme vom 6. Dezember 2001. (KEYSTONE/Martin Ruetschi) : FILM]

Das Basler Bauinspektorat stellt Sterbehilfe und Prostitution auf die selbe Stufe.
Bild: KEYSTONE

Basler Bauinspektorat: Sterben stört im Wohnquartier so sehr wie vögeln

Ein Sterbe- und ein Sexbetrieb haben gemäss der Behörde etwas gemeinsam: Beide können Anwohner psychisch belasten.

andreas maurer / schweiz am sonntag



Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Ein Sterbezimmer könnte in einem Wohnquartier kaum besser liegen als an der Hegenheimerstrasse 37 in Basel. Der Eingang liegt abgeschirmt hinter einem Vorplatz, umgeben vom Areal einer Baufirma, einer Tankstelle und einer Garage. Ärztin Erika Preisig, Präsidentin der Sterbehilfeorganisation Eternal Spirit, führt ihr stilles Gewerbe diskret. Die Leichen werden in neutralen Fahrzeugen abtransportiert.

Das Basler Bauinspektorat anerkennt, dass die Sterbehelfer mit grösstmöglicher Diskretion vorgehen. Und dennoch kommt es zum Schluss, dass die psychische Belastung für die Anwohner zu gross sei. Die Behörde hat ein nachträgliches Umnutzungsgesuch von Preisig abgelehnt und drei Einsprachen gutgeheissen. Es ist das erste Mal, dass das Bauinspektorat ein Sterbezimmer beurteilt. Gemäss dem Grundsatzentscheid ist ein Sterbezimmer mit vielen Freitodbegleitungen in einer gemischten Zone, die überwiegend zum Wohnen genutzt wird, nicht zonenkonform.

Die Anwohner beklagten sich, dass sie Angehörige im Hof stehen und weinen sehen würden. Auch den Leichenwagen würden sie trotz der neutralen Lackierung sehr wohl wahrnehmen. Preisig wandte ein, dass die Nachbarschaft das Areal geradezu observiere, was ihre Bemühungen, sie zu schonen, zunichte mache. Es sei gar nicht entscheidend, hält nun das Bauinspektorat fest, was die Anwohner sehen können. Schon alleine ihr Wissen, dass nebenan Sterbebegleitungen stattfänden, könne eine psychische Belastung darstellen. Die Behörde vergleicht Sterbe- mit Sexbetrieben: Beide könnten sogenannte negative ideelle Immissionen verursachen.

In this picture made Friday, May 8, 2009, Eva, left, and Dana, right (full names not given) pose inside the Artemis brothel in Berlin. Like so many other businesses, Europe's largest legalized prostitution industry is having to adapt to the economic downturn. In response, clubs and brothels are increasingly marketing themselves either as high-class, exclusive spas, or as bargain basements of delight. (AP Photo/Franka Bruns)

Bordelle sind in Wohnquartieren so unbeliebt wie Sterbehilfe-Einrichtungen.
Bild: AP

Sterben tut man nur einmal

Bauinspektorin Luzia Wigger betont, dass sie in jedem Fall eine Interessensabwägung vornehme. An der Hegenheimerstrasse stuft sie die Anliegen der Anwohner höher ein als jene von Eternal Spirit: «Eine Freitodbegleitung nimmt man höchstens einmal im Leben in Anspruch. Eine sterbewillige Person ist deshalb nicht auf eine alltägliche Umgebung angewiesen. Es ist für sie nicht relevant, ob sie in einer Industriezone oder in einer gemischten Zone stirbt.»

Das Bauinspektorat stützt sich auf ein Bundesgerichtsurteil, das Dignitas 2010 den Betrieb eines Sterbezimmers in Wetzikon (ZH) aus den gleichen Gründen untersagt hat. Dort wurden praktisch täglich Freitodbegleitungen durchgeführt. Ein Sterbezimmer von Exit in Binningen, das ebenfalls in einer gemischten Zone liegt, wurde vom Baselbieter Bauinspektorat jedoch bewilligt. Die basel-städtische Behörde sieht den Unterschied in der Anzahl der Sterbebegleitungen: In Binningen sind es rund acht pro Jahr, im Hegenheimerquartier etwa eine pro Woche. Diese Intensität sei nicht zonenkonform.

Der Entscheid ist rechtskräftig: Der Betrieb muss bis Ende Februar eingestellt werden. Ärztin Preisig hatte ohnehin angekündigt, das Sterbezimmer aufzugeben. Jedoch aus einem anderen Grund: Die vorgeschriebenen Sanierungen der Wasserleitungen seien zu teuer. Preisig hielt dennoch an ihrem Baugesuch fest, da sie einen Grundsatzentscheid wollte. Nun suche sie einen neuen Standort in einem Industriequartier.

Hospize werden anders eingestuft

Preisig kritisiert: «Basel ist nun in einer ähnlichen Situation wie im Mittelalter, als die Selbstmörder ausserhalb der Stadt begraben werden mussten.» Der Vergleich von Sterbe- und Sexbetrieben ärgert sie. «Sex ist etwas, das oft mit dem Betrügen eines Ehepartners zu tun hat und Leben und Familien zerstört», sagt sie. Durch einen begleiteten Freitod hingegen würden Familien zusammengeführt, da sie dabei fast immer anwesend seien. Es sei unhaltbar, das Sexgewerbe mit einer «Kultur des guten Sterbens» zu vergleichen: «Denn Sterbekultur ist Liebe, Sex hat nichts mit Liebe zu tun.»

Preisig hält einen anderen Vergleich für angebracht: jenen mit einem Hospiz. Sie bezweifle, dass es dort so viele schöne Momente und so viel Freude gebe wie in ihrem Sterbezimmer: «Deshalb verstehe ich nicht, weshalb die Behörde Hospize in Wohnquartieren anders einstuft als unser Sterbezimmer.» Bauinspektorin Wigger entgegnet: «Die seelische Belastung für die Umgebung ist grösser, wenn jemand in kurzer Zeit lebend ankommt und tot wieder herauskommt.»

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17Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • malu 64 31.01.2016 19:43
    Highlight Highlight Die in diesem Basler Quartier lebenden Bewohner, observieren
    ja ihre Umgebung nonstop.
    Das Sexgewerbe käme ja diesen
    Spannern gelegen. Bei der Sterbe
    hilfe sieht es anders aus. Der
    Sensemann könnte seine Arbeit
    nicht unbeobachtet ausführen.
  • 2sel 31.01.2016 17:51
    Highlight Highlight Nun, wenn eine Behörde nichts besseres zu tun hat als solchen "Vergehen" nachzugehen, dann weiss ich wenigstens warum meine Steuerrechnung so hoch ist...
  • malu 64 31.01.2016 16:59
    Highlight Highlight Mich stören beide Gewerbe nicht im
    geringsten. Brodelle verursachen
    keinen Suchverkehr wie beim
    Strassenstrich. Einzig der Stoss_
    verkehr wird zunehmen.
    Habe lange neben einem Exit
    gewohnt. War richtiggehend
    totenstill. Den paar Leichenwagen
    denen ich in dieser Zeit begegnete,
    verursachten keinen Stau. Es erinnerte mich nur daran, dass ich
    eines Tages auch mal hintendrin
    mitfahren werde.
  • Lowend 31.01.2016 16:14
    Highlight Highlight Jetzt muss das Basler Bauinspektorat einfach nur das vögeln verbieten und dann erledigt sich das Problem mit dem Sterben irgendwann von selber. ;-)
    • stadtzuercher 31.01.2016 16:24
      Highlight Highlight naja, ich hoffe schwer, dass im puff mit gummi gevögelt wird.
    • Lowend 31.01.2016 16:31
      Highlight Highlight Ironie und Sarkasmus haben in Städten ohne Fasnachtstradition offenbar einen schweren Stand, darum hier noch die Zürcher Fassung:
      Jetzt muss das Basler Bauinspektorat einfach nur das vögeln in Wohngebieten verbieten und dann erledigt sich das Problem mit dem Sterben irgendwann von selber. ;-)
  • der nubische Prinz 31.01.2016 15:42
    Highlight Highlight "Sex hat nichts mit Liebe zu tun."
    Nach so einer Aussage sollte die gute Frau einen Partnerwechsel in Betracht ziehen.
  • rkeller 31.01.2016 15:33
    Highlight Highlight Die Frau Bauinspektorin Wigger lässt jede Sensibilität vermissen. Der letzte Gang eines Menschens, der sich entscheiden hat, bewusst von dieser Welt zu gehen, sollte in einem würdevollen Umfeld stattfinden, und nicht zwischen Rotlichtmilieu und Industrieviertel.

    Zudem gehört der Tod zum Leben. DIskretion der Akteure ist aber ein Muss.
    • kliby 31.01.2016 15:51
      Highlight Highlight "Zudem gehört der Tod zum Leben."
      Und Sex nicht?
    • stadtzuercher 31.01.2016 15:56
      Highlight Highlight "DIskretion der Akteure ist aber ein Muss."
      Wenn schon: Beim Sexgewerbe auch :-D
    • Spooky 31.01.2016 21:26
      Highlight Highlight Rotlichtmilieu? Kein Problem. Für das Sterben ist kein Umfeld unwürdig ausser jenes, wo einen die Leute nicht mögen.
  • Duweisches 31.01.2016 15:32
    Highlight Highlight Dann ist das Wohnareal in der nahen Umgebung eben etwas billiger, schadet auch nicht... 🙄
  • malu 64 31.01.2016 15:24
    Highlight Highlight Was soll diese elende Scheinheiligkeit. Sterben gehört
    zum Leben. Leider wird bei uns
    der Tod pervertiert. Sterben bitte
    nur auf der Müllhalde.
    • LILA2000 31.01.2016 15:57
      Highlight Highlight Auch Sex gehört zu Leben, trotzdem will niemand ein Puff im Quartier haben. Aber da geht's wie mit dem Tod nicht um die Sache an sich, sondern um die Begleiterscheinungen. Ich möchte weder den Autoverkehr das ein Puff noch Abends mit sich bringt, noch die tägliche Vorfahrt des Leichenwagens. Der Vergleich ist also richtig in der Konsequenz.
    • SuicidalSheep 31.01.2016 18:38
      Highlight Highlight LILA2000
      Bordelle verursachen keinen Mehrverkehr (naja, irgendwie schon, aber nicht mit Autos). Du beziehst dich eher auf den Strassenstrich, wo der Verkeh- .... die AUTOS zunehmen
  • Tilman Fliegel 31.01.2016 15:02
    Highlight Highlight Leben stört in Wohnquartieren auch.
    • PeterLustig 31.01.2016 15:35
      Highlight Highlight Ja was stört denn nicht?

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