Erdogan-nahe Medien feiern Zürcher SP-Politikerin – sie distanziert sich
Sie wird bald als erste Frau mit Kopftuch im Gemeinderat der Stadt Zürich Einsitz nehmen: Am 8. März wurde die 20‑jährige Vera Çelik im Wahlkreis Seebach gewählt. Die Dentalassistentin aus Zürich‑Seebach zieht für die SP ins Stadtparlament ein.
Çeliks Wahl sorgte nicht nur in der Schweiz für Schlagzeilen. Auch türkische Medien berichteten über den Erfolg der jungen Politikerin mit Wurzeln in der Türkei. Der staatliche Sender TRT schrieb auf Facebook und Instagram, Çeliks Wahl werde von vielen Mitgliedern der türkischen Gemeinschaft in der Schweiz als «wichtiges Zeichen für gesellschaftliche Teilhabe und Vielfalt» gewertet. Zudem hätten die türkische Botschafterin in der Schweiz und der Generalkonsul in Zürich Çelik nach der Wahl telefonisch gratuliert.
«Verrat an ihren kurdischen Parteikollegen»
Der marokkanisch-schweizerische Publizist und Islamwissenschaftler Kacem El Ghazzali kritisierte dies auf der Plattform X scharf: «Indem sie sich von den Handlangern eines Staates feiern lässt, der kurdische Genossen verfolgt und linke Oppositionelle in türkischen Kerkern verrotten lässt, macht sie sich zur nützlichen Statistin einer zynischen Soft-Power-Strategie Ankaras.» Er spricht von einem «Verrat an ihren kurdischen Parteikollegen».
Wie kann eine Sozialdemokratin, die im sicheren Zürich das Banner der Antidiskriminierung schwenkt, die Glückwünsche eines Apparates entgegennehmen, der ihre eigenen ideologischen Geschwister im Namen autoritärer Macht hinter Gitter bringt? Mit ihrer bereitwilligen Akzeptanz… https://t.co/U1Tlokob6i pic.twitter.com/qTqGmrMlgx
— Kacem El Ghazzali (@kelghazzali) March 11, 2026
Çelik weist die Kritik zurück: «Mich hat weder die türkische Botschafterin noch der Konsul angerufen», sagt sie auf Anfrage des «Sonntagsblick». Sie habe als Schweizer Politikerin nichts mit der türkischen Politik zu tun. «Meine Wahl in der Stadt Zürich sollte nicht für politische Zwecke anderer Regierungen instrumentalisiert werden.» Fragen des «Sonntagsblick» an das türkische Konsulat und die Botschaft blieben unbeantwortet.
Wegen tiefer Wahlbeteiligung
Während des Wahlkampfs traf sich Çelik mit Suat Şahin, dem Präsidenten der Türkischen Gemeinschaft Schweiz, einer Erdogan‑nahen Organisation. Der Grund für das Treffen sei die sehr tiefe Wahlbeteiligung von Schweizerinnen und Schweizern mit Migrationshintergrund gewesen. «Ich habe mich mit verschiedenen Organisationen getroffen, in denen sich Menschen mit Migrationshintergrund engagieren», erklärt sie. Die politische Haltung von Şahin kenne sie nicht.
Im Gemeinderat will sich Çelik für Themen wie Diskriminierung, Gleichstellung und bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit tiefem Einkommen einsetzen. In einer Rede in Biel BE sprach sie sich zudem dafür aus, dass Lehrerinnen in der Schweiz künftig Kopftücher tragen dürfen. In einem Essay für die «Republik» schrieb sie: «Frauen das Kopftuch zu verbieten, ist genauso entmündigend wie es ihnen aufzuzwingen.» (val)
