«Das ist eine Illusion» – Widmer-Schlumpf warnt vor der Halbierungsinitiative
Frau Widmer-Schlumpf, warum engagiert sich Pro Senectute gegen die Halbierungsinitiative?
Weil sie ganz konkret und negativ in das Leben vieler älterer – aber auch jüngerer – Menschen eingreift. Es geht nicht um ein Sparprogramm. Ein qualitativ hochwertiges Programm für vier Sprachregionen wäre nicht mehr möglich. Auch die Berichterstattung aus den Regionen würde deutlich abnehmen. Für viele ältere Menschen garantiert das SRF die Grundversorgung mit Nachrichten und ermöglicht eine gesellschaftliche Teilhabe.
Sie schreiben, dass die Gefässe von SRF für viele Seniorinnen und Senioren «unverzichtbar» seien. Macht man da SRF nicht grösser als es schon ist?
Die Gefässe des SRF kann man nicht grösser machen, als sie effektiv sind. Wir stellen fest, dass das SRF und die anderen Landessender in der Regel eine gute Leistung erbringen. Und zwar in allen vier Sprachregionen. Wir haben vier Sprachen, vier Kulturen. Das sind Regionen, die sich sehr unterschiedlich entwickeln und mit denen sich auch die älteren Menschen verbunden fühlen. Die SRG macht regionale Berichterstattung, die sehr nahe bei diesen Menschen ist. Besonders ältere Personen, insbesondere Hochaltrige, die nicht mehr sehr mobil sind, nutzen Radio und Fernsehen intensiver, die Sendungen haben eine wichtigere Bedeutung in ihrer Lebenssituation. Sie begleiten sie durch den Tag, geben Orientierung und liefern ihnen Informationen, auf die sie sich verlassen können.
Unterschätzen Sie nicht die Senioren und Seniorinnen? Viele haben auch ein Zeitungsabo und praktisch alle haben ein Smartphone. Gerade einmal 11 Prozent sind offline.
Natürlich haben viele ältere Menschen Zugang zu elektronischen Medien. Trotzdem zeigt sich: Regionale Inhalte, regionale Kultur- und Informationssendungen sind für sie besonders wichtig. Sie wollen wissen, was vor Ort passiert, was ihre Region bewegt. Radio und Fernsehen ermöglichen Teilhabe. Sie können beispielsweise Sportanlässen erleben, auch wenn sie selbst nicht mehr vor Ort teilnehmen können.
Viele der Leistungen, die SRF macht, können auch die privaten Medienunternehmen liefern. Oder läuft bei denen etwas schief?
Die Privaten sind sehr wichtig. Es braucht eine grosse Medienvielfalt in unserem Land. Die Programme des SRF sind nicht kommerziell getrieben, somit nicht abhängig von der Wirtschaft oder politischen Strömungen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die privaten Medienunternehmen und die SRG insbesondere im Austausch von News stärker zusammenarbeiten könnten. Miteinander die Stärken ausspielen und nicht gegeneinander arbeiten.
Pro Senectute streicht bei der Vorlage auch den Generationendialog heraus. Wo genau sehen Sie diesen?
Bei allen Sendern der SRG gibt es regelmässig Podiumsdiskussionen über Probleme von Jung und Alt, Diskussionen über Gesundheit, Sprachsendungen, Vor-Ort-Berichte und kulturelle Beiträge. Das gilt auch in Richtung der älteren Bevölkerung, es gilt auch der älteren Generationen bewusst zu machen, was die Probleme der Jungen sind. Das weckt das gegenseitige Verständnis. Zudem reden wir immer von unserer regionalen Vielfalt. Und feiern sie am 1. August. Ohne einen Sender mit vier Vollprogrammen fehlt diese Klammer.
Ich bekomme am Radio wenig mit, was in Graubünden läuft.
Dann hören Sie den falschen Sender.
Was soll ich hören?
Hören Sie mal das Regionaljournal Graubünden oder eine rätoromanische News-Sendung.
Die verstehe ich nicht.
Mit ein bisschen Gewöhnung geht das vielleicht ganz schnell. (lacht) Es geht einfach darum, dass man wissen sollte, was auch in den anderen Regionen läuft.
Etwas böse gesagt, fordern Sie, dass die Jungen für das Radio und Fernsehen der Alten bezahlen sollen.
Die Jungen brauchen das Angebot auch. Gerade heute, in Zeiten von Fake News und ausländischer Beeinflussung. Bei den Sendungen des SRF weiss ich: Das sind verlässliche, geprüfte Informationen.
Die Schweiz kämpft mit News-Deprivierten. Also Leuten, die kaum mehr Nachrichten konsumieren. Wäre es nicht sinnvoller, die Gebührengelder so zu investieren, damit die Menschen wieder Vertrauen in die Medien schöpfen, anstatt einen teuren Apparat aufrechtzuerhalten?
Gegenfrage: Mit was können Sie das besser machen als mit den Sendungen von SRF? Ich sage oft den Jungen: «Ihr könnt schon den ganzen Tag den ‹Schmarren› im Internet oder auf den Sozialen-Medien lesen und hören. Aber am Ende bitte auch die Nachrichten am Radio hören.» Es geht um Medienkompetenz. Eine eigene Meinung bilden kann nur, wer alle Meinungen präsentiert bekommt. Das macht das SRF. Was sie nachher glauben und wofür sie sich entscheiden, ist irrelevant. Wissen Sie, wann die SRG zum ersten Mal ihre Wichtigkeit bewiesen hat?
Sagen Sie es mir.
Während des Zweiten Weltkriegs. Gerade in Krisen ist es wichtig, dass Menschen verlässliche Informationen bekommen, denen sie vertrauen können. Auch während Corona waren die Sendungen der SRG für viele ältere Menschen ein wichtiger Wegweiser.
Also geht es uns einfach zu gut, dass wir jetzt über die Halbierungsinitiative sprechen?
Im Moment geht es uns noch gut. Aber gilt das auch für die nächsten Jahre? Aktuell passiert viel in der Welt. Momentan merken wir, dass in ausländischen Medien teilweise nicht richtig über Vorkommnisse in der Schweiz berichtet wird. Da merken wir, wie verlässlich die Berichterstattung der SRG ist.
Es wimmelt von Fake-News, der russische Angriffskrieg dauert an, der amerikanische Präsident spricht über die Annexion von Grönland. Bei so viel Unsicherheit müsste es doch ein Leichtes sein, diese Initiative zu bodigen.
Das stimmt. Aber die Initianten behaupten seit Jahren, dass auch mit der Hälfte der Mittel die gleiche Qualität gewährleistet wäre. Das ist eine Illusion. Ich habe lange genug im Finanzbereich gearbeitet. Wer die Mittel derart drastisch streichen will, schwächt die Institution nachhaltig. Die Zerstörung der Strukturen geht schneller als deren Aufbau. Wir bei Pro Senectute haben durchaus auch gewisse Kritikpunkte, es ist nicht alles bestens. Es gibt sicher Sparpotential. Das sollte genutzt werden.
Welche Sendung würden Sie streichen?
Ich würde nicht beim Programm oder der regionalen Abdeckung sparen. Aber in der ganzen Struktur des Unternehmens hat es sicher gewisse Doppelspurigkeit. Bei der Verwaltung und Administration kann man sicherlich sparen. Aber damit hat Generaldirektorin Susanne Wille ja bereits begonnen.
So landen wir schnell beim Service public. Sie haben schon mehrfach betont, was sie wichtig finden. Wo hört er auf? Gehört die «Landfrauenküche» tatsächlich dazu?
Es gibt Sendungen, die ich persönlich nicht haben müsste. Aber wenn ich das meiner Freundin sage, dann sagt sie mir: «Nein, genau diese möchte ich sehen.» Service public heisst auch Vielfalt. Was für mich verzichtbar ist, ist für andere wichtig und umgekehrt. Formate, die Menschen aus verschiedenen Regionen zusammenbringen, haben durchaus ihre Berechtigung.
Was ist Ihre Sendung?
Schweiz aktuell und Tagesschau. Fernsehen schaue ich jedoch eher selten. Ich bin Radiohörerin. Der läuft bei mir den ganzen Tag. Am Abend könnte ich die Nachrichten praktisch selbst sprechen.
Und trotzdem setzen Sie sich jetzt ganz bewusst auch für das Fernsehen ein.
Viele ältere Menschen sind alleine. Für sie sind der Fernseher und das Radio das Fenster aus der Stille, die daheim herrscht. Da ist jemand der redet, der Musik spielt und mir das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein.
Pro Senectute hatte keine Abstimmungsempfehlung bei der 13. AHV-Rente, aber hier schon?
Pro Senectute hatte eine klare Haltung bei der 13. AHV-Rente: Wir fanden und finden es in erster Linie wichtig, dass die Ergänzungsleistungen ausgebaut werden. Das nützt mehr in der Bekämpfung von Armut im Alter. Wir sind eine stark föderal geprägte Organisation. Das bedeutet, wir geben nur Empfehlungen ab, wenn eine klare Mehrheit aller kantonalen Organisationen dahintersteht. Unsere Haltung bei der Halbierungsinitiative war einstimmig.
Ihre Amtszeit bei Pro Senectute endet bald. Im April geben Sie Ihre Funktion ab, wegen der Amtszeitsbeschränkung. Was kommt danach? Der Ruhestand?
Nein, ich habe noch viele Projekte vor mir.
Auch weil Sie Stiftungsratspräsidentin von Pro Senectute sind, haben Sie auf persönliche politische Äusserungen verzichtet. Erleben wir jetzt eine Eveline Widmer-Schlumpf, die sich vermehrt ins politische Tagesgeschäft einmischt?
Keine Angst, das ist nicht meine Art.
Zum Schluss: Sie sind auch aktive Grossmutter und hüten regelmässig ihre Enkelkinder. Schalten Sie denen manchmal den Fernseher ein, damit sie in Ruhe kochen können?
Aktuell reicht uns das Radio noch vollkommen. Sie hören sehr gerne Musik und singen viele Lieder lauthals mit. (aargauerzeitung.ch)
