Schweiz
Medien

Schweizer Kulturszene mit Vorwürfen gegen SRG wegen möglichem SRF-2-Aus

«Ein Affront»: Kulturszene erhebt Vorwürfe gegen SRG wegen möglichem SRF-2-Aus

Der Rückgang der Hörerzahlen sei selbstverschuldet, profilierte Kultursendungen habe die SRG mit Kurzfutter ersetzt, so Vorwürfe aus der Schweizer Kulturszene.
28.04.2026, 05:2928.04.2026, 05:29
Francesco Benini
Francesco Benini

«Eine Einstellung des Senders SRF 2 Kultur wäre eine Katastrophe», sagt Regine Helbling. Sie ist Geschäftsführerin von Visarte, dem Berufsverband für visuelle Kunst. Die Schweizer Kulturszene werde auf den geplanten Abbau reagieren, betont Helbling.

Eine Recherche des «Sonntagsblicks» hat Kulturinteressierte aufgeschreckt: In der SRG werde «über ein Aus» des Radiosenders SRF 2 Kultur diskutiert, schreibt das Blatt. Grund sei die stark gesunkene Nutzungsdauer seit Anfang Jahr.

Die Kritiker stellen vier Aspekte in den Mittelpunkt. Erstens: «Die Kulturschaffenden haben sich stark engagiert im Kampf gegen die Halbierungsinitiative», meint Regine Helbling. Nun wolle die SRG noch mehr Kulturprogramme streichen.

«Das irritiert uns sehr.»

Bundesrat will bei der SRG mehr Kultur, nicht weniger

Einige Musiker, Autorinnen, Maler, Regisseurinnen fühlen sich getäuscht. Die abermalige Reduktion von Kulturprogrammen als Dank für den Einsatz gegen die 200-Franken-Vorlage – das sei ein Hohn.

Der zweite Punkt betrifft die Faktoren für das abnehmende Hörerinteresse. Helbling erklärt: Die SRG habe ihre Kulturprogramme bereits ausgedünnt.

«Damit sorgte sie dafür, dass die Hörerzahlen sinken. Nun scheint die SRG die schlechten Zahlen zum Vorwand zu nehmen, um einen ganzen Sender zu eliminieren.»

Die Krise von SRF 2 Kultur sei zu einem schönen Teil selbstverschuldet, sagen Kulturschaffende und -journalisten. Man könne nicht Sendungen wie «52 beste Bücher» und «Literatur im Gespräch» durch kurze, oberflächliche Formate ersetzen und erwarten, dass ein Publikum mit intellektuellem Anspruch dem Sender treu bleibe.

Ausserdem: Mit dem Verzicht auf die UKW-Verbreitung hätten die SRG-Verantwortlichen gerade ältere kulturaffine Hörerinnen und Hörer vor den Kopf gestossen. Viele von ihnen sind nicht bereit, das gewohnte UKW-Radiogerät zu ersetzen.

Radio SRF 2 Kultur ist ein Nischensender. In der Deutschschweiz erreicht der Kanal täglich rund 113'000 Hörer, was einem Marktanteil von zwei Prozent entspricht.

Zieht die SRG bald aus? Sitz von SRF 2 Kultur beim Basler Bahnhof SBB.
Zieht die SRG bald aus? Sitz von SRF 2 Kultur beim Basler Bahnhof SBB.Bild: Kenneth Nars/chmedia

Den dritten Vorwurf bringt Nationalrat Stefan Müller-Altermatt (Mitte) vor. Er ist Präsident des Schweizer Musikrates, der Dachorganisation der Musikszene. Müller-Altermatt erinnert daran, dass Bundesrat Albert Rösti (SVP) Information, Bildung und Kultur als «Schwerpunkte der SRG bezeichnet» habe.

«Dass man jetzt genau das Gegenteil machen will, ist ein Affront.»

Medienminister Rösti hat tatsächlich mehrfach unterstrichen: Der Bundesrat wünsche, dass die SRG stärker auf Information, Bildung und Kultur fokussiere. Das soll auch in die neue Konzession des Rundfunks einfliessen. Eine Aufhebung des Radiosenders SRF 2 Kultur liefe dieser Vorgabe zuwider.

SVP-Nationalrat Gregor Rutz erinnert viertens daran: Es sei nicht schlimm, wenn die Einschaltquote bei einem Kultursender nicht so hoch sei. Für die SRG sei nicht die Reichweite, sondern die Erfüllung des Programmauftrags entscheidend. «Genau dafür erhält die SRG ja auch viel Gebührengeld.»

Rutz fügt hinzu: Wenn die SRG Geld einsparen müsse, sollte sie eher die Einstellung des Radiosenders SRF 3 prüfen.

«Er wurde als Konkurrent der privaten Lokalradios gegründet und ist eigentlich überflüssig, weil der Markt all diese Programminhalte bereits erbringt.»

Anderer Meinung ist SP-Nationalrat Jon Pult. Er sagt:

«Man kann sich bei Bundesrat Rösti bedanken, dass die SRG unnötigerweise Einsparungen vornehmen muss. Das Stimmvolk will eine starke SRG, keinen Abbau.»

Pult spielt darauf an, dass Rösti den Gesamtbundesrat von einer Senkung der Medienabgabe von 335 auf 300 Franken überzeugt hat. Die Reduktion löst beim Rundfunk ein grösseres Sparprogramm aus.

SRG dementiert nicht, dass SRF 2 zur Diskussion steht

Findet es der Sozialdemokrat richtig, dass in der SRG über die Aufhebung von SRF 2 Kultur gesprochen wird? «Politiker sollten nicht Programmdirektion spielen. Darum kommentiere ich operative Entscheidungen der SRG nicht – aber natürlich finde ich den Abbau an sich grundfalsch», meint Pult.

Was sagt die SRG? Trifft es zu, dass das Unternehmen die Einstellung des Radiosenders SRF 2 Kultur prüft? Die SRG antwortet ausweichend und verweist auf das Sparprojekt «Enavant». Gemäss diesem müssten 270 Millionen Franken eingespart werden, bis 2029.

«Grundsätzlich gilt: Wir sparen zuerst in den Strukturen, Prozessen, Standards und Portfolios, um das Programm und den Journalismus zu schützen. Bei diesen hohen Sparzielen wird es aber auch Auswirkungen auf das Programm haben.»
Susanne Wille, Generaldirektorin der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG, kommentiert die deutliche Ablehnung der eidgenoessischen Volksinitiative "200 Franken sind genug! (SRG-Ini ...
Susanne Wille, die Generaldirektorin der SRG.Bild: keystone

Die SRG erklärt weiter, dass sie über die konkrete Umsetzung von «Enavant» und die Auswirkung auf einzelne Angebote noch keine Angaben machen könne. «Kultur ist und bleibt auf allen Kanälen ein wichtiger Bestandteil unseres Service-public-Angebots.»

Der Rundfunk betont schliesslich, dass er daran arbeite, Radio SRF 2 Kultur an das Nutzungsverhalten seines Publikums anzupassen. «Die Kulturinhalte, auch für jüngere Zielgruppen, sind nicht nur im Radio zu finden, sondern auch in der SRF News App oder auf Play SRF.» (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
182 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
djohhny
28.04.2026 06:16registriert September 2016
Ich hätte ein Einspaartipp. Unterhaltet nicht sinnloserweisen 4 apps/Seiten. Wenn ich manchmal Coulour 3 hören möchte muss ich PLAY RTS herunterladen. Möchte ich Radio Rumantsch hören muss ich PLAY RTR herunterladen. Desktop homepages das Gleiche. Macht doch einach eine Seite wo alle Inhalte drauf sind. Man kann ja einen Filter oder Kategorie einbauen um nach Sprachen zu sortieren. Aber 4 Seiten/Apps zu unterhalten scheint mir Geld zum Fenster raus geworfen
17913
Melden
Zum Kommentar
avatar
Peter D
28.04.2026 05:55registriert Januar 2023
In der Schweiz gelten rund 295 000 Personen als Kulturschaffende – aber SRF 2 Kultur erreicht täglich nur etwa 113 000 Hörer. Viele verlangen von der SRG ein Angebot, das sie selbst kaum nutzen.
15740
Melden
Zum Kommentar
avatar
egrs
28.04.2026 06:21registriert Juni 2019
Ich hab im Auto kein DAB Radio und kann seit da an gar kein SRF mehr hören. Das war die grösste Fehlentscheidung das abzustellen
11844
Melden
Zum Kommentar
182
Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Wie die Schweiz Jenische und Sinti verfolgte
Am ersten Tag der Sondersession soll nach dem Bundesrat nun auch der Nationalrat die Verfolgung von Jenischen und Sinti in der Schweiz als Verbrechen gegen die Menschlichkeit benennen. So will es die Rechtskommission des Nationalrats. Auf wohlwollende Worte sollen nun Taten folgen, fordert Willi Wottreng von der Radgenossenschaft der Landstrasse.
Gestützt auf ein Rechtsgutachten verkündete der Bundesrat im Februar letzten Jahres, dass die Verbrechen an Jenischen und Sinti in der Schweiz im Kontext des «Hilfswerk Kinder der Landstrasse» als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen sind. Nun soll am Montag auf Antrag der Rechtskommission des Nationalrats hin eine solche Erklärung ebenfalls im Parlament erfolgen.
Zur Story