Schweiz
SVP

Wie die SVP mit rechnerischen und grafischen Tricks den Ausländeranteil in der Schweiz hochpuscht

Wie die SVP mit rechnerischen und grafischen Tricks den Ausländeranteil in der Schweiz hochpuscht

18.09.2015, 12:4029.07.2016, 14:34
Roman Rey
Folge mir
Mehr «Schweiz»

Die Schweizerische Volkspartei ist für ihre prägnanten Grafiken bekannt. Diese stehen im Ruf, die Wirklichkeit nicht immer ganz genau abzubilden. 2014 etwa fragte die SVP auf einem Werbeplakat: «Bald 1 Million Muslime?» Das brachte ihr eine Strafanzeige ein.

Die Tradition ist nun um ein Beispiel reicher: ein Diagramm zur Bevölkerungsentwicklung der nächsten 15 Jahre, über ein Inserat in der Gratiszeitung «20 Minuten» diese Woche 500'000 Mal unter die Leute gebracht.

Bild
Bild: «20 Minuten»

Sieht man sich diese Grafik an, entsteht der Eindruck, dass die Schweizer im eigenen Land im Jahr 2030 in der Unterzahl sein werden. Das ist kein Zufall – denn mit ein paar faulen Tricks soll genau dieser Eindruck erweckt werden.

1. Trick: Einen Teil der Grafik einfach weglassen

Bei genauem Hinsehen merkt man: Den unteren Teil der Grafik hat die SVP einfach weggelassen, denn die Skala beginnt erst bei 4 Millionen. Oder anders gesagt: 4 Millionen Schweizer werden einfach aus der Darstellung gekippt.

Wie die Grafik vollständig dargestellt ungefähr aussehen würde, zeigt dieses Bild, das Reto Schlatter auf Twitter veröffentlicht hat:

Den Vorwurf der Irreführung weist die SVP zurück. «Die Grafik ist nicht irreführend. Es ist klar gekennzeichnet, dass sie bei vier Millionen gebürtigen Schweizern anfängt», sagt Silvia Bär, stellvertretende Generalsekretärin der SVP. Man wolle deutlich machen, dass der Anteil der Ausländer und Eingebürgerten im Jahr 2030 fast die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

2. Trick: Einen nicht überprüfbaren Zahlensalat anrichten

Um diesen Eindruck hervorzurufen, trickst die SVP mit den Bevölkerungszahlen und der grafischen Darstellung. 

  • Als Quelle wird das Bundesamt für Migration (BFM) angegeben – doch dieses erfasst weder die Anzahl der Schweizer, die hier leben, noch macht es Bevölkerungsprognosen. Dafür wäre wenn schon das Bundesamt für Statistik (BFS) zuständig.
  • Beim BFS geht man im «Referenzszenario» davon aus, dass es im Jahr 2030 in der Schweiz rund 9,5 Millionen Einwohner gibt; die 10-Millionen-Marke wird erst 2040 geknackt. Lediglich in einem Szenario für eine «hohe Bevölkerungsentwicklung» würden bereits im Jahr 2030 knapp 10 Millionen Menschen in der Schweiz leben.
  • Wie viele davon Ausländer sein werden, dazu gibt es keine Prognosen. Diese Zahl habe man selbst hochgerechnet, sagt Silvia Bär von der SVP. Wie das genau getan wurde, lässt sie offen. In seinem Kommentar neben der Grafik spricht SVP-Präsident Toni Brunner von einer jährlichen Zuwanderung von 80'000 Menschen. Rechnet man diese bis ins Jahr 2030 hoch, kommt man auf ein Bevölkerungstotal von knapp 9,5 Millionen. Die zusätzliche halbe Million hat die SVP offenbar einfach grosszügig aufgerundet.

3. Trick: Ausländeranteil praktisch bei Null beginnen lassen

Die SVP unterstellt, dass es 1980 so gut wie keine Ausländer in der Schweiz gab. Sie setzt den Ausländeranteil bei etwa 5 Prozent an. Dadurch wirkt die folgende Entwicklung wesentlich dramatischer. Nur: Das ist schlicht falsch. Der Ausländeranteil lag gemäss BFS 1980 bei knapp 15 Prozent, und damit mindestens dreimal höher, als die Grafik vorgibt.

4. Trick: Einen Teil der Schweizer zu «Papierlischweizern» machen

Um die vermeintlich drohende Überzahl der Ausländer zusätzlich zu dramatisieren, unterscheidet die SVP zwischen «gebürtigen Schweizern» – deren Kurve bleibt in der Grafik seit 1980 immer flach – und «Eingebürgerten».

Die Unterscheidung zwischen richtigen und «Papierlischweizern» ist manipulativ und vermittelt ein falsches Bild. Wer das Schweizer Bürgerrecht erwirbt, ist Schweizer. Punkt. In die Kategorie der Eingebürgerten fallen viele Einwanderer der zweiten Generation. Sie sind hier aufgewachsen, sprechen Schweizerdeutsch und identifizieren sich mit der Schweiz.

08.09.2015; London; Fussball EM Quali - England - Schweiz;
Xherdan Shaqiri (SUI) 
(Matthew Ashton/AMA/freshfocus)
Für die SVP ein «Papierlischweizer»: Xherdan Shaqiri.
Bild: Matthew Ashton/AMA

Dir gefällt diese Story? Dann like uns doch auf Facebook! Vielen Dank! 💕

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
185 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Charlie Brown
18.09.2015 15:47registriert August 2014
Was ich nicht verstehe:

Watson so: "Hey, SVP-Wähler, du wirst von deiner Partei angelogen, für dumm verkauft und verarscht."

SVP-Wähler so: "Aber die Flüchtlinge..."
24342
Melden
Zum Kommentar
avatar
flyme
18.09.2015 17:41registriert April 2015
Hätte ich in der Primarschule eine solche Graphik abgegeben, mein Lehrer hätte diese zurecht zurückgewiesen. Abgesehen davon, dass die Zahlen aus dem Ärmel geschüttelt wirken:

Die y-Achse ist grundsätzlich nicht verständlich und der Massstab stimmt vorne und hinten nicht. 1980 leben (laut Zahlen) 0.9 Mio Ausländer in der Schweiz. Schweizer müssten (minus 4 Mio) 1.4 Mio in der Graphik auftauchen; also ein Verhältnis von 2:3, abgebildet ist eines von 1:10. Grundsätzlich, egal welche zwei Datenpunkte man anschaut, der Massstab stimmt nie überein.

Fazit: keine Graphik sondern eine Zeichnung.
16924
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sigmund Freud
18.09.2015 13:47registriert Dezember 2014
Dr. Goebbels wäre stolz auf die SVP. Das hätte selbst das Reichspropagandaministerium nicht besser machen können.
14645
Melden
Zum Kommentar
185
Vom Kirchenmädchen zur Klimaseniorin: Ihr Erfolg treibt die halbe Schweiz zur Weissglut
Rosmarie Wydler-Wälti hat mit den Klimaseniorinnen die erste Klimaklage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gewonnen. Das Urteil polarisiert total. Wir haben Wydler-Wälti besucht.

Rosmarie Wydler-Wälti steht in ihrem lichtdurchfluteten Wohnzimmer, in der Sonne sieht man den Staub auf den Fenstern. «Ich hatte lange keine Zeit zu putzen», sagt sie entschuldigend. Das ist nicht verwunderlich, die letzten Wochen waren turbulent. Denn Rosmarie Wydler-Wälti ist Co-Präsidentin der Klimaseniorinnen. Seit die Klimaseniorinnen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte die erste Klimaklage weltweit gewonnen haben, ist ihr Gesicht in allen Medien.

Zur Story