Maria Thorgevsky kommt aus St. Petersburg, hat aber Angehörige in der Ukraine. Seit einem Jahr leben Verwandte aus Kiew bei ihr in der Schweiz. Im vergangenen März, als sie erst seit ein paar Tagen bei ihr lebten, erzählte Thorgevsky, wie sie von morgens bis abends mit Bekannten vor Ort telefonierten. Es war für sie alle eine emotional belastende Situation. Die ersten Wochen nach Kriegsbeginn habe die Künstlerin nur geweint.
Und heute?
«Es hat sich nichts verändert. Es herrscht immer noch Krieg. Ich schaue jeden Abend BBC, um informiert zu sein. Es ist jedoch wie alter Zahnschmerz: Es tut weh, aber man härtet ab. Kürzlich habe ich mit meiner Tochter über den Krieg gesprochen. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich fühle, als stünde ich am Pranger, weil ich Russin bin. Auch wenn ich keine Schuld trage.
Vergangenes Jahr war es für mich einfacher: Es gab viele Möglichkeiten, aktiv zu helfen. Jetzt habe ich mich eher zurückgezogen. Wenn ich draussen bin, fühle ich mich nicht mehr so wohl. Normalerweise führe ich jedes zweite Jahr an der Uni einen Kurs über russisches Theater. Dieses Jahr kommt er vielleicht nicht zustande, weil sich zu wenige angemeldet haben. Ich stehe für russische Kultur, sie ist aber zurzeit verpönt.
Das Problem ist, dass Russland mit Putin gleichgesetzt wird. Viele haben deshalb Angst vor der ganzen Kultur. Ich selbst befinde mich in einem Zwiespalt. Ich habe Freunde in Russland. Wenn ich auf Besuche bei ihnen verzichte, ist das wie ein Verrat. Der Krieg ist schrecklich, aber Russland ist Teil von mir. Es tut mir wahnsinnig weh, denn ich sehe Aussichten für die Ukraine, aber keine für Russland. Verlieren wird am Schluss die russische Bevölkerung.»
Als vor einem Jahr der Krieg ausbrach, konnte die Russischlehrerin keine normale Stunde abhalten – sie redete mit ihren Schülerinnen und Schülern einfach über das, was passiert war. Und sie berichtete, wie das Leben ihrer Verwandten in Russland schwierig geworden sei und die Kritik wegen der Repressionen und Zensur verstumme. Nun sagt sie zuerst, es habe sich nicht viel verändert. Ihre Schule gibt es noch, die alten Schülerinnen und Schüler unterrichtet sie weiter. «Sie wollen das Russisch nicht vergessen, für dann, wenn es wieder besser ist. Neue Schülerinnen kamen fast keine.»
Dann aber lässt sie durchblicken, dass sie als Russin immer noch schnell ins Schussfeld gerate:
«Egal, was ich sage, jeder interpretiert es so, wie er oder sie will. Ich bin müde geworden, zu erzählen. Auch weil ich in der Russisch-Schule fast täglich auf den Krieg angesprochen werde. Viele verstehen die Passivität der russischen Bürger nicht.
Dabei ist es selbst hier in der Schweiz schwierig, Kritik zu äussern, wenn man künftig noch nach Russland reisen und seine Verwandten besuchen will. Das Thema ist heikel. Wenn mich jemand fragt, sage ich schon meine Meinung, aber manchmal will ich auch einfach Abstand. Ich wünschte mir, es wäre Frieden – und alles wie zuvor. Aber natürlich wird es nie wieder wie zuvor sein. Schon die Pandemie hat das Leben verändert, dieser Krieg wird es noch viel stärker tun.»
Als A. B. vor einem Jahr auf den Krieg angesprochen wurde, zeigte sie sich vor allem besorgt um ihre Familie. Sie hatte Angst, dass ihre Kinder aufgrund ihrer Nationalität angefeindet würden. Einmal sei ihr Sohn gefragt worden, auf welcher Seite er stehe. Er antwortete, dass er als Russe natürlich für Russland sei. Damals sagte A. B., die in Bern für ein Dienstleistungsunternehmen arbeitet: «Er ist sieben Jahre jung, wie soll er verstehen, was vor sich geht?» Seither sei ihr Sohn nicht mehr mit dieser Frage konfrontiert worden und: «Er ist mit einem Kind aus der Ukraine gut befreundet.» Dass es ihrer Familie gut geht, gebe ihr Sicherheit.
Und doch ist die Situation für die 38-Jährige schwierig:
«Für mich ist es immer noch schmerzhaft, dass der Krieg nicht aufhört. Es ist sehr schade, dass die Verhandlungen auch nach einem Jahr noch nicht stattgefunden haben. Ich versuche mich selbst zu überzeugen, dass der Krieg unvermeidbar war, bin aber immer noch verwirrt. Ich konnte dieses Jahr nämlich nach Russland reisen. Dort fällt es einem kaum auf, dass Krieg herrscht. Ich habe nur ein bis zwei Plakate mit patriotischen Slogans gesehen. Sonst war alles, wie es immer war. Es ist, als ob es zwei Welten in Russland gäbe: Eine in den Medien und eine in der realen Welt. Und in der realen Welt ist es gar nicht so schrecklich, wie man denkt.»
Bereits vor einem Jahr sprach sie über eine gewisse Zerrissenheit. Darüber, dass Putin zum Teil als Wahnsinniger betitelt wird, das Volk ihm aber immer vertraut habe. Heute sagt sie:
«Meine Heimat bleibt meine Heimat. Ich liebe Russland. Ich glaube aber, dass die russische Propaganda nicht zu hundert Prozent wahr sein kann. Das macht es schwierig, in der Familie darüber zu sprechen. Über die Generationen herrschen unterschiedliche Meinungen vor. Meine Eltern sind etwa überzeugt, dass alles gut läuft.
Sie denken, dass die Situation in Europa falsch dargestellt wird. Ich bin überrascht, dass sie den russischen Nachrichten vollkommen glauben, weil ich sie eigentlich als sehr offen kenne.»
Es ist sicher nicht einfach, an Putins Stelle zu sein. Ich hatte befürchtet, dass er eines Tages verschwinden und das Land einfach verlassen würde. Er ist aber noch am Steuer. Ich bin froh, dass er noch da ist, denn ich respektiere ihn. Jetzt hoffe ich, dass er imstande ist, den Krieg zu beenden und vernünftige Schritte in Richtung Waffenstillstand und Frieden zu machen.»
Im März vor einem Jahr sagte die Deutsch-Russin Julia Nickel: «Unabhängig von der Nationalität sollten sich jetzt alle helfen, statt eine Hexenjagd zu starten.» Sie fuhr als Übersetzerin an die polnisch-ukrainische Grenze, um den Flüchtlingen zu helfen. Und sorgte sich um ihren kranken Vater in Russland. Heute sagt sie:
«Es war ein turbulentes Jahr. Ich bin immer noch jede Woche für ein paar Stunden in meiner Schweizer Gemeinde als Übersetzerin unterwegs.
Diese Woche konnte ein Ukrainer einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Und ich habe eine Mutter und ihr zehn Monate altes Kind zum Arzt begleitet. Das ist schön an meiner Arbeit und interessant. Ich habe tolle Leute kennengelernt. Einige denken vorwiegend an das Leben nach dem Krieg und ihre Rückkehr, andere wollen unbedingt Deutsch lernen.
Wenn ich sie besuche, läuft jetzt nicht mehr Krieg am Fernsehen, sondern deutsche Sendungen. Es gibt ganz verschiedene Menschen auch unter den ukrainischen Flüchtlingen. Ich habe noch zu 15 Familien Kontakt, betreue aber nur noch zwei. Drei Familien sind in die Ukraine zurückgekehrt. Darunter war eine Mutter mit Kindern, die sich schon nach zwei Wochen von der Gastfamilie verabschiedete und sagte, ihre Ferien seien zu Ende, sie müsse zurück an die Arbeit. Solche Personen beschämen das ganze Volk. Die beiden Familien, die noch hier sind, können nicht zurück, weil ihre Heimat jetzt russisch besetztes Gebiet ist. Sie sagen, sie würden auch zurückkehren, wenn das Gebiet russisch bliebe: ‹Hauptsache, es ist ruhig, wir wollen nur noch Frieden.›
Für mich privat war es ein sehr, sehr schweres Jahr. Meine Eltern, die bei Kriegsausbruch in Russland waren, konnten im September nach Deutschland zurückkehren. Doch beim Zwischenstopp in Istanbul erlitt meine Mutter einen Herzstillstand und musste ins Spital. Sie hat überlebt, aber dann ist mein Vater an einem Herzinfarkt gestorben. Auch deshalb habe ich den Krieg in letzter Zeit wenig verfolgt. Es gibt zudem viel Propaganda auf beiden Seiten. Ich informiere mich lieber direkt bei meinen russischen und ukrainischen Bekannten.»
Art. 10: «(1) Jede Person hat das Recht auf freie Meinungsäusserung.
Wir sollten uns immer bewusst sein, welches Privileg uns mit der freien Meinungsäusserung gegeben ist und wie viele Millionen Menschen davon nur Träumen können.
Angst vor Putin bei uns? Das allein trifft es nicht, es ist Ablehnung seiner Aggressivität! Man kann das einfach nicht schönreden.
Ich lehne russische Kultur nicht ab. Ich lehne die aggressive, unterdrückende Politik in Russland ab. Das ist Unkultur und zelebrierter Hass.
Frau A.B.: Ich weiss ja nicht, wie lange Sie schon in der Schweiz leben, aber nach diesem Jahr noch solchen Stuss von sich zu geben, kann ich absolut nicht verstehen.