Jetzt machen sie alle ernst: Die EU will die zehn häufigsten Einweggegenstände aus Plastik verbieten – dazu zählen Trinkhalme, Einweggeschirr und Wattestäbchen. Die britische Premierministerin Theresa May plant ein Pfandsystem für Plastikflaschen. Zudem sollen Plastiksäcke in britischen Läden künftig nicht mehr gratis abgegeben werden dürfen.
Und auch in der Schweiz geht es Röhrli und Co. an den Kragen. Neuenburg verbannt als erste Schweizer Stadt ab nächstem Jahr Trinkhalme aus Kunststoff. Für die Raschelsäckchen an Supermarkt-Kassen hat der Detailhandel auf Druck der Politik bereits vor eineinhalb Jahren eine 5-Rappen-Gebühr eingeführt.
Die Massnahmen werden kontrovers diskutiert. Handelt es sich um reine Symbolpolitik oder fallen die Trinkhalme und Plastikteller in der Umweltbilanz tatsächlich so stark ins Gewicht? Das sind die Fakten:
In der Schweiz werden jährlich etwa eine Million Tonnen Plastik verbraucht. Pro Kopf macht dies 125 Kilogramm pro Jahr, wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) schreibt.
Davon entfallen nur gerade gut 28 Kilogramm auf Produkte, die länger als ein Jahr in Gebrauch sind – etwa Haushaltswaren, Spielsachen, Sportgeräte oder Baumaterialien. Fast 88 Kilogramm Plastik landen pro Jahr im Abfall – über die Hälfte davon ist sogenanntes «Post-Consumer-Material», also beispielsweise Verpackungen oder andere Einweg-Artikel. 9 Kilogramm Plastik werden pro Jahr und Kopf recycelt, wie aus der letzten Gesamterhebung aus dem Jahr 2010 hervorgeht. PET-Flaschen machen rund die Hälfte des rezyklierten Plastiks aus.
Ob Früchte, Zeitschriften oder Elektrogeräte: Viele Produkte, die wir kaufen, sind in Plastik gehüllt. 37 Prozent des Kunststoffs, der in der Schweiz verwendet wird, entfällt auf Verpackungen.
Dazu zählen etwa Folienverpackungen, wie sie bei Fleisch, Käse, Chips oder Tiefkühlprodukten verwendet werden (6,3 Kilogramm pro Person und Jahr) oder Behälter wie Dosen und Schalen (5,6 Kilogramm). Tragtaschen schlagen jährlich mit 1,5 Kilogramm zu Buche, Shampoo- und Waschmittelflaschen mit 1,3 Kilogramm pro Einwohner.
Und was ist mit den Röhrli? «Wir schätzen, dass die verbrauchten Mengen an Trinkhalmen im Verhältnis zum gesamten Kunststoffverbrauch in der Schweiz vernachlässigbar sind», heisst es beim BAFU auf Anfrage.
Mit fast 7 Kilogramm pro Kopf und Jahr gehören die PET-Flaschen zu den gewichtigeren Posten auf der Liste. Im Gegensatz zu den oben genannten Produkten werden sie aber grösstenteils recycelt. Dasselbe gilt für Milchflaschen.
Plastikverpackungen fallen auch in der Industrie zuhauf an. Zu nennen sind insbesondere Folien und Luftpolster mit einem Gesamtgewicht von 75'000 Tonnen (oder 9,4 Kilogramm pro Kopf und Jahr).
Ein Viertel des gesamten Plastiks wird in der Baubranche verbraucht, etwa in Form von Fensterrahmen, Schaltern, Dichtungen oder Abdeckfolien. Weitere Posten, die ins Gewicht fallen, sind Plastikteile an Fahrzeugen (9%) oder Elektrogeräten (5%). Auf den Bereich Sonstiges entfallen weitere 24 Prozent. Dabei handelt es sich unter anderem um Sportgeräte und Spielsachen.
Bringt es denn überhaupt etwas, auf Plastikprodukte zu verzichten, und stattdessen auf Alternativen aus anderen Materialien zu setzen? Die Antwort ist «Jein», wie folgende Untersuchungen zeigen.
Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa hat die Ökobilanz verschiedener Tragetaschen untersucht. Fazit: Geht man davon aus, dass die Tasche einmal gebraucht und anschliessend im normalen Hausmüll entsorgt wird, schneidet ein normaler Plastiksack besser ab als eine Papiertasche oder eine kompostierbare Tüte.
Am ökologischsten sind Mehrwegtaschen aus recyceltem Plastik (Label «Blauer Engel») – selbst nach einmaliger Benutzung. So muss ein gewöhnlicher Plastiksack viermal verwendet werden, bis er eine gleich gute Ökobilanz aufweist. Eine Papiertasche muss siebenmal zum Einsatz kommen, eine kompostierbare Tasche elfmal. Eine Baumwolltasche zahlt sich ökologisch gesehen erst aus, wenn sie 80-mal verwendet wurde.
Auch mit der Ökobilanz von Wegwerfgeschirr haben sich Schweizer Forscher befasst. Eine Studie der Basler Umweltberatungs-Firma Carbotech zeigt, dass Einweg-Geschirr aus recyceltem Karton oder aus pflanzlichen Fasern in der Regel eine bessere Ökobilanz aufweist als solches aus konventionellem Plastik – allerdings nicht in jedem Fall.
«Nur weil Teller aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt sind, müssen sie aus Umweltsicht nicht zwingend besser abschneiden», sagt Studienleiter Fredy Dinkel. Auch das Label «biologisch abbaubar» sei trügerisch. So landeten die Produkte oft nicht im Kompost, sondern im normalen Hausmüll – der vermeintliche Vorteil verpuffe damit. Und selbst wenn sie kompostiert würden, brächten die untersuchten Materialien wenig Nutzen für den Kompost, die meisten seien zudem schlecht abbaubar.
«In gewissen Ländern besteht das Hauptproblem im Littering, also darin, dass Plastikabfälle in der Natur oder im Meer landen», so Dinkel. In diesen Fällen mache es Sinn, den Fokus auf die Abbaubarkeit im Meerwasser zu legen.
Anders sei dies in der Schweiz, wo Littering zwar ebenfalls vorkomme, aber nicht das primäre Umweltproblem sei. «Hierzulande macht es mehr Sinn, Produkte zu fördern, die mit möglichst wenig Umweltauswirkungen hergestellt und wenn möglich rezykliert werden können.» In gewissen Fällen könne dies auch bedeuten, dass Einweg-Plastikprodukte die beste Wahl sind.
Michael Hügi, Experte für Siedlungsabfälle beim BAFU, bekräftigt: «Einweg-Plastikartikel stellen in der Schweiz kein direktes Umweltproblem dar, sofern sie richtig entsorgt werden.» Dennoch sei es im Sinne der Abfallvermeidung und Ressourcenschonung auch hierzulande besser, auf Einwegprodukte zu verzichten oder diese mehrfach zu verwenden.
Die Schweiz lässt sich gern als Recycling-Weltmeisterin feiern. Im Bereich des Plastikabfalls kann sie diesen Titel aber nicht für sich beanspruchen. Anders als in vielen europäischen Ländern werden hierzulande nämlich nur PET-Flaschen im grossen Stil rezykliert. Für andere Plastikabfälle existieren in vielen Gemeinden keine separaten Sammelstellen.
In einem europaweiten Vergleich des Branchenverbandes Plastics Europa landet die Schweiz deshalb im hinteren Drittel – hinter Ländern wie Polen, Litauen und Zypern. Am besten schneiden in der Auswertung Tschechien, Deutschland und die Niederlande ab.
Das Bundesamt für Umwelt verweist darauf, dass Kunststoff nicht gleich Kunststoff ist. Alle Plastiksorten gemeinsam zu sammeln, bringe deshalb wenig. Sinnvoll ist laut Bund etwa das Rezyklieren von Shampoo- und Putzmittelflaschen aus Polyethylen. Der Detailhandel bietet solche Sammelstellen heute bereits auf freiwilliger Basis an.
Auch ein Bericht der Firma Carbotech im Auftrag von acht Kantonen und dem Bund kommt zum Schluss, dass das Sammeln von Kunststoff – im Vergleich zu PET oder Aluminium – einen verhältnismässig kleinen ökologischen Nutzen hat und gleichzeitig beträchtliche Kosten verursacht.