«Das lässt niemanden kalt»: So wurden die Todesopfer identifiziert
«Jemand muss diesen Job machen.» Christian Brenzikofer ist strategischer Leiter des «Disaster Victim Identification»-Teams der Schweiz. Das DVI identifiziert die Toten nach Ereignissen wie in Crans-Montana. Aus namenlosen Opfern werden Menschen. Damit bekommen die Hinterbliebenen traurige Gewissheit.
Bis zu 50 Personen waren hierfür im Wallis im Einsatz. Gearbeitet wurde in Teams. Immer ein Leichnam nach dem anderen, wie Brenzikofer ausführt. Kurz nach dem Unglück hatte er befürchtet, dass die Identifikation lange dauern könnte: Tage bis Wochen. «Zum Glück ging es dann schneller», sagt er. Das liege an «der sehr konzentrierten Arbeit meiner Kollegen und Kolleginnen», bilanziert Brenzikofer.
Aber auch «an der hohen Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen Daten». Brenzikofer, der auch Kommandant der Berner Kantonspolizei ist, bleibt bei allem menschlichen Drama sachlich und präzise, wenn er über die Arbeit spricht.
Auch weil die Angehörigen vermuteten, dass sich ihre Lieben unter den Opfern befinden, übergaben sie rasch entsprechendes Material und Informationen an die Polizei. DNA-Proben, Zahndaten, Fingerabdrücke, Hinweise auf auffällige Merkmale. Brenzikofer spricht von Ante-Mortem-Daten, also Merkmalen, die vor dem Tod entstanden sind. Die Teams des DVI vergleichen diese dann mit den Post-Mortem-Daten, also mit den Befunden aus den Leichenuntersuchungen.
Mit grossem Respekt
«Das lässt niemanden kalt», sagt Brenzikofer. Er betont aber auch, dass alle Mitarbeitenden aus einem Umfeld kommen, bei dem sie solche Bilder zumindest teilweise kennen. Es sind Polizistinnen, Ärzte oder Rechtsmediziner. «Wenn man sich vor Augen führt, dass viele der Opfer ihr Leben noch vor sich hatten, macht das aber schon sehr betroffen.»
Brandopfer seien besonders schwierig zu identifizieren. Oft würden Erkennungsmerkmale fehlen. Oder sie sind durch die extreme Hitze deformiert. Verkohlte Leichen, wie bei anderen Bränden, habe es in Crans-Montana nicht gegeben. Die Toten hätten an den unbedeckten Stellen aber teilweise sehr heftige Verbrennungen gehabt und die Kleider seien mit der Haut verschmolzen.
Brenzikofer spricht sehr respektvoll über Opfer und Mitarbeiter. Er war nicht vor Ort, hatte aber mehrfach Kontakt mit dem Einsatzteam. «Es gingen so viele Leute ins Wallis, da fand ich, dass ich fast mehr helfe, wenn man die Menschen dort in Ruhe arbeiten lässt», sagt er. Viele der DVI-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter machten die Arbeit, weil sie helfen wollen.
Gute internationale Zusammenarbeit
Zuerst werde eine «Leichensammelstelle» eingerichtet. «Ein schreckliches Wort», schiebt Brenzikofer gleich nach, «aber bei der Polizei benennen wir die Sachen oft eindeutig.» An diesem Ort werden Leichname und Leichenteile gekühlt aufbewahrt. «Die meisten haben wir per DNA-Proben identifizieren können», sagt der Berner. Aber auch Fingerabdrücke, Zahnbilder und spezielle Merkmale seien abgeglichen worden. «Wir wollen eine 100-prozentige Sicherheit, keine 99,9-prozentige.»
Sind sich die Teams sicher über eine Identität, übergeben sie die Daten an die zuständigen Behörden. Die Todesnachricht an die wartenden Angehörigen überbringen sie nicht selbst. Das sei auch ein Schutz für die DVI-Teams und nicht deren Aufgabe, sagt Brenzikofer. Egal, wie erlösend die Gewissheit sein kann, am Ende ist bei den Betroffenen enorm viel Schmerz.
Auch die internationale Zusammenarbeit lobt Brenzikofer. Es habe alles hervorragend funktioniert. Auch, weil in allen betroffenen Ländern bei der Opferidentifizierung sehr ähnlich gearbeitet werde. So konnten Daten rasch und gezielt ausgetauscht werden. «Uns wurde auch sehr viel Hilfe angeboten, wir haben uns aber entschieden, dass wir diese nicht benötigen.»
Ohne «falsche Scham» über Gefühle sprechen
Jeder Mitarbeiter geht anders mit den Bildern des Unglücks um. Bevor die Teams nach Hause reisten, habe der operative Leiter vor Ort mit jedem und jeder gesprochen, so Brenzikofer. Geplant sei auch ein gemeinsamer Anlass mit allen Beteiligten. Zuerst ein «Debriefing» über den technischen Ablauf des Einsatzes und dann ein Teil über die Gefühle. Hier könnten alle «ohne falsche Scham» erzählen, was das mit ihnen mache.
Und er selbst? «Ich bin betroffen, wie wohl alle in der Schweiz», sagt Brenzikofer. Seine Kinder seien zwischen 13 und 17 Jahre alt, wie viele der Opfer. Der Älteste war an einer Silvesterparty, «wo das auch hätte passieren können», so der Leiter der Einheit.
Dann macht er eine Pause.
«Wir müssen uns aber immer auch vor Augen führen, wie es all den Angehörigen geht. Und wie jenen, die jetzt mit schweren Verletzungen um ihr Leben kämpfen. Und die nachher vielleicht mit grossen Einschränkungen durchs Leben gehen.» (aargauerzeitung.ch)
