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Was ich wirklich denke

Ein Waffenfan erzählt, weshalb er im Schiesskeller vor allem auf Idioten trifft

Bild: EPA/DPA

watson



Was ist «Was ich wirklich denke»?

Wir gestehen: Bei der Idee für «Was ich wirklich denke:» haben wir uns schamlos beim Guardian-Blog «What I'm really thinking» bedient. Wir mussten fast, denn die Idee dahinter passt wie die Faust aufs Auge auf unseren alten Claim «news unfucked». Es geht darum, Menschen, Experten, Betroffene anonym zu einem Thema zu Wort kommen zu lassen, ohne dass diese dabei Repressalien befürchten müssen. Roh und ungefiltert. Und wenn du dich selber als Betroffener zu einem Bestimmten Thema äussern willst, dann melde dich bitte unter wasichdenke@watson.ch.

Die Namen unserer Gesprächspartner sind frei erfunden.

Einen Granatwerfer und ein leichtes Maschinengewehr habe ich nicht. Sonst habe ich aber von jeder Waffengattung etwas zuhause: ein SIG SG 553, eine Fabarm STF/12, zwei Scharfschützengewehre, zwei Maschinenpistolen von Brügger & Thomet, eine TP9 und eine APC9 und – von SIG Sauer bis Glock – etwa 15 bis 20 9-Millimeter-Pistolen.

Wenn jemand bei mir einbricht ist er selber schuld. Aber auf den Einbrecher schiessen würde ich nicht – könnte ich gar nicht. Meine Waffen sind in einem schweren Tresor verstaut und den Code kenne nur ich. Eine Waffe zwecks Selbstschutz im eigenen Haus ist vor allem eines: ein Risiko.

«Ich bin ein Waffenfan, kein Waffennarr.»

Was passiert, wenn man im Schlaf überwältigt wird? Was passiert, wenn sich die eigene Waffe plötzlich gegen dich selber richtet? Selbstschutz war für mich nie die Motivation, Waffen zu erwerben – vor allem in diesen sicheren Zeiten.

Ich bin ein Waffenfan, kein Waffennarr. Ein Narr ist ein Verrückter – ein Psycho, einer, der seine Waffe immer und überall auf sich trägt, allzeit bereit. Das bin ich nicht. Ich bin fasziniert von Waffen. Von der Präzision, von der Technik. Aber verrückt? Nein. Verrückt bin ich nicht.

Ich bin über meinen Cousin zu den Waffen gekommen. Er war immer mein Vorbild. Er war Berufsmilitär und ich habe ihn immer bewundert.

Wenn ich in den Schiessstand gehe, läuft das folgendermassen ab: Ich rufe an, lasse mir eine Bahn reservieren, dann fahre ich hin, zeige meinen Ausweis, gehe zu meiner Bahn und mache mich bereit. Dann schiesse ich meine Programme, Combat oder Präzision – auf was ich gerade Lust habe.

Schiessen ist eine reine Konzentrationsübung. Eine halbe Stunde geht ohne Probleme, 45 Minuten sind anstrengend, spätestens nach einer Stunde bin ich aber völlig fertig.

Danach pflege ich vor allem meine Waffe – und weniger die sozialen Kontakte. Wenn jemand etwas von mir wissen will, eine Frage zu einer meiner Waffen hat, dann gebe ich gerne Auskunft. Doch ich bin in dieser Hinsicht vielleicht etwas eigen: Ich schiesse vor allem für mich. In den Schiesskellern trifft man zwar immer wieder auf gute Leute, aber leider vor allem auf  Idioten.

«Der Grossteil der Besucher von Schiesskellern sind politisch klar rechter Gesinnung – Schweizer Bünzlis halt.»

Tatsächlich ärgere ich mich immer wieder. Zum Beispiel über Hobby-Rambos, die in der Gruppe eine Bahn gemietet haben und wie auf der Bowlingbahn johlend und grölend jeden Treffer kommentieren. Oder über Leute mit rechter Gesinnung, die ihren Rassismus zum Teil offen zur Schau tragen, weil sie sich unter ihresgleichen wähnen. Der Grossteil der Besucher von Schiesskellern sind politisch klar rechter Gesinnung – Schweizer Bünzlis halt. Solche Freunde brauche ich nicht. Mich selber würde ich politisch einen Millimeter rechts der Mitte einordnen.

Je nach Schiessstand verändert sich auch die Klientel. Es gab mal eine berüchtigte Anlage in der Zürcher Agglomeration. Schmuddelig, ohne Hausregeln, ohne Ausweiskontrollen. Dort verkehrten die dubiosesten Typen – Milieufiguren. Wenn solche Leute dann auch noch mit kleinen Revolvern oder Pistolen üben, Waffen, die man sehr leicht verstecken kann, dann weisst du, dass du vermutlich einmal in der Zeitung von ihnen lesen wirst.

«Ich persönlich finde die Schweizer Waffengesetzgebung zu lasch.»

In diesem Schiessstand erlebte ich auch meinen gefährlichsten Moment: Ein Bastler, der die Munition für seine 500er Smith & Wesson selber herstellt, hatte eine Fehlzündung. Man muss dazu wissen, dass die Munition für Waffen mit diesem Kaliber sehr teuer ist. 2.50 Franken pro Schuss – oder mehr. Deshalb gibt es immer wieder Leute, die die Munition selber herstellen.

In diesem Fall hatte der Betroffene einen Steckschuss. Das heisst, der Schuss verliess den Lauf nicht. Er bemerkte dies nicht und drückte erneut ab. Der Lauf seiner Waffe explodierte und die Teile flogen quer durch die Schiessanlage. Das abgesprengte Hauptstück blieb in der Betonwand neben dem Schützen stecken. Zu Schaden kam glücklicherweise niemand – das war aber reines Glück. Es hätte auch Tote geben können.

Ich persönlich finde die Schweizer Waffengesetzgebung zu lasch. Um eine Waffe zu erwerben, braucht man nicht mehr als einen sauberen Strafregisterauszug. Dann füllt man einen Waffenerwerbsschein aus und sendet diesen zusammen mit dem Strafregisterauszug der Polizei. Wenn man beim Ausfüllen des Antrags keine Fehler begeht, dann erhält man den Erwerbsschein.

Dies kann alles schriftlich erledigt werden. Noch nie musste ich persönlich vorsprechen. Von mir wurde auch noch nie ein psychologisches Gutachten gemacht. In Österreich sind drei Waffen pro Person erlaubt – in der Schweiz kann ich mir so viele Waffen zulegen, wie ich will.

«Ich bin mir sicher, dass ich nie eine Waffe auf jemanden richten werde.»

Mir als Sammler spielt das natürlich in die Hände. Die Tatsache, dass ich mir ohne einmal vorsprechen zu müssen Material für eine kleine Privatarmee zulegen kann, stimmt mich nachdenklich. Dass die Gesetze hinsichtlich dem Erwerb von Munition verschärft wurden, kann ich deshalb nur befürworten.

Eine Waffe ist für mich ein technisches Meisterwerk, ein Sportgerät – und sicher keine Mordwaffe. Nicht die Waffe tötet, sondern der Mensch dahinter. Ich bin mir deshalb sicher, dass ich nie eine Waffe auf jemanden richten werde. Ich habe zu grossen Respekt vor dem Schaden.

(Aufgezeichnet von watson)

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Der Narco-Bling - Bilder von Drogenrazzien in Südamerika

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