In diesen Regionen ist Teilzeitarbeit besonders verbreitet – das ist der Grund
Rund vier von zehn Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten weniger als 37 Stunden pro Woche. Für die Freisinnigen ist das ein Problem: So forderte FDP-Ständerat Damian Müller vor Jahren einen Steuerabzug für Vollzeitarbeit. Im Kanton Zug verlangte die Partei kürzlich einen «Vielarbeitsabzug».
Die Vorstellung, Teilzeit sei eine freie Entscheidung, greift jedoch in vielen Fällen zu kurz. Das zeigt sich etwa bei einer Reinigungskraft aus Genf. «Wir werden pro Stunde bezahlt, aber es reicht nie für ein ganzes Pensum», sagt sie. «Manchmal komme ich auf 2000 Franken im Monat, manchmal weniger.»
Teilzeitstellen werden vorgegeben
Das Zitat stammt aus einer Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2025. Die Arbeitsmarktforscherinnen Karin Schwiter und Khaoula Ettarfi untersuchten darin, wie Frauen in Genf über Onlineplattformen im Bereich Reinigung sowie in der Kinder- und Altenbetreuung arbeiten. Der Befund: Die meisten Befragten erhielten nur einzelne Stundenaufträge; ein geregeltes Vollzeitpensum kam nicht zustande. Viele konnten ihren Lebensunterhalt nur mithilfe von Partnern, Familie oder Freunden sichern.
Dieses Muster zeigt sich auch in anderen Branchen, etwa im Detailhandel, wie eine nicht repräsentative Stichprobe unserer Zeitung zeigt. Im Schnitt sind sechs von zehn ausgeschriebenen Einstiegsstellen auf den Jobportalen von Migros, Aldi und Coop Teilzeitpensen, nicht selten mit Beschäftigungsgraden unter 50 Prozent. Ausgenommen aus der Stichprobe sind Ausbildungsstellen, Praktika und Leitungsfunktionen.
Arbeitsmarktforscherin Karin Schwiter überrascht das nicht, wie sie auf Anfrage sagt. «In einigen Branchen wird Teilzeit nicht gewählt, sondern vorgegeben.» Besonders sichtbar sei das in prekären Arbeitsfeldern wie Reinigung oder Detailhandel. In beiden Bereichen würden neue Mitarbeitende häufig nur mit kleinen Pensen angestellt.
Eine aktuelle nationale Auswertung des Bundesamts für Statistik stützt diese Aussage: In Dienstleistungs- und Verkaufsberufen sowie bei Hilfsarbeitskräften wie Reinigungskräften ist die Teilzeitquote besonders hoch. Diese Berufe weisen zudem sehr hohe Frauenanteile auf, so Schwiter.
Doch nicht nur diese Branchen geben vielen Angestellten Teilzeitpensen faktisch vor. Auch in sogenannten feminisierten Berufen mit Fachkräftemangel, etwa in der Pflege oder im Bildungswesen, gelten 60- oder 80-Prozent-Stellen als normal, so die Forscherin.
Vielfach sind die Teilzeitpensen vorgegeben, aber sie werden auch gesucht. Ein Grund dafür: «Die reguläre Wochenarbeitszeit liegt in der Schweiz bei 42 Stunden, deutlich höher als in vielen anderen Ländern», sagt Schwiter. «Gerade in den anspruchsvollen sozialen Berufen entscheiden sich deshalb viele für Teilzeit.»
Zudem sei die Schweiz weiterhin stark auf das Eineinhalb-Verdiener-Modell ausgerichtet, in dem ein Elternteil die Erwerbsarbeit reduziere, um Betreuungs- oder Pflegeaufgaben zu übernehmen. Schwiter sagt: «Viele Mütter und Väter wollen ihre Kinder auch unter der Woche und tagsüber begleiten. Der Entscheid für Freizeit ist aber nicht völlig freiwillig. Schulen schliessen am Mittag, Nachmittage bleiben frei, Betreuung ist teuer oder fehlt.» Diese Lücken würden in der Praxis meist von Frauen aufgefangen.
Und dies in grösserem Ausmass, je weniger familienergänzende Betreuungsangebote es für Kinder gibt. Jene Angebote seien in Städten in der Regel umfangreicher als auf dem Land. Dies könne mit ein Grund sein, weshalb Frauen in ländlichen Regionen häufiger Teilzeit beschäftigt seien.
Zwischen Jura und Genf liegen Welten
Schwiter verweist auf ihren Heimatkanton Schwyz. Dort wurde erst vor zwei Jahren erstmals eine staatliche Unterstützung für die Kinderbetreuung eingeführt. Ein früherer Bericht im Auftrag des kantonalen Gesundheitsamts zeigte: In der Hälfte der 30 Gemeinden gab es keine organisierten Betreuungsangebote. «Von 30 Gemeinden hatten 15 nichts», sagt sie. «Wer Vollzeit arbeiten wollte, musste private Lösungen finden.» In städtischen Kantonen seien solche Angebote seit Jahren ausgebaut und teils subventioniert.
Die jüngsten Daten der repräsentativen Schweizer Strukturerhebung zeichnen ein Bild, das zu Schwiters Einordnung passt. Im Jura wohnende, erwerbstätige Frauen arbeiten zu 61 Prozent Teilzeit, in Obwalden zu 60 Prozent. Am anderen Ende der Skala liegen Genf mit 44 Prozent sowie Basel-Stadt mit 46 Prozent.
Der Wohnort beeinflusst also das Arbeitspensum von Frauen stark. Bei den Männern sind die kantonalen Unterschiede eher gering. In den meisten Kantonen liegt ihr Teilzeitanteil zwischen 12 und 15 Prozent.
Die grossen regionalen Unterschiede lassen sich Schwiter zufolge neben Betreuungs- und Jobangeboten auch auf kulturelle Faktoren zurückführen. In konservativ geprägten Regionen sei es verbreiteter, dass Mütter ihr Pensum reduzieren. «Dagegen ist in urbanen Gebieten die Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen sowie die Teilzeiterwerbstätigkeit von Männern verbreiteter», sagt die Forscherin.
Das dürfte auch erklären, warum im Stadtkanton Basel-Stadt 23 Prozent der erwerbstätigen Männer Teilzeit arbeiten und der Abstand zu den Frauen so gering ausfällt, wie in keinem anderen Kanton. Zudem arbeiten dort 54 Prozent der erwerbstätigen Frauen Vollzeit, ein Wert, der nur im Kanton Genf leicht übertroffen wird. (aargauerzeitung.ch)
