Wirtschaft
Schweiz

In diesen Schweizer Regionen ist Teilzeitarbeit besonders verbreitet

In diesen Regionen ist Teilzeitarbeit besonders verbreitet – das ist der Grund

Teilzeit ist besonders unter Frauen ungleich verteilt. Neue Daten verdeutlichen: Branche und Wohnort prägen das Arbeitspensum mitunter stark.
25.02.2026, 04:1625.02.2026, 04:16
Felix Ertle / ch media

Rund vier von zehn Erwerbstätigen in der Schweiz arbeiten weniger als 37 Stunden pro Woche. Für die Freisinnigen ist das ein Problem: So forderte FDP-Ständerat Damian Müller vor Jahren einen Steuerabzug für Vollzeitarbeit. Im Kanton Zug verlangte die Partei kürzlich einen «Vielarbeitsabzug».

St-Ursanne Jura UN Best Tourism Village Rauszeit
Im Jura ist die Teilzeitquote besonders hoch. Bild: Shutterstock

Die Vorstellung, Teilzeit sei eine freie Entscheidung, greift jedoch in vielen Fällen zu kurz. Das zeigt sich etwa bei einer Reinigungskraft aus Genf. «Wir werden pro Stunde bezahlt, aber es reicht nie für ein ganzes Pensum», sagt sie. «Manchmal komme ich auf 2000 Franken im Monat, manchmal weniger.»

Teilzeitstellen werden vorgegeben

Das Zitat stammt aus einer Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2025. Die Arbeitsmarktforscherinnen Karin Schwiter und Khaoula Ettarfi untersuchten darin, wie Frauen in Genf über Onlineplattformen im Bereich Reinigung sowie in der Kinder- und Altenbetreuung arbeiten. Der Befund: Die meisten Befragten erhielten nur einzelne Stundenaufträge; ein geregeltes Vollzeitpensum kam nicht zustande. Viele konnten ihren Lebensunterhalt nur mithilfe von Partnern, Familie oder Freunden sichern.

Dieses Muster zeigt sich auch in anderen Branchen, etwa im Detailhandel, wie eine nicht repräsentative Stichprobe unserer Zeitung zeigt. Im Schnitt sind sechs von zehn ausgeschriebenen Einstiegsstellen auf den Jobportalen von Migros, Aldi und Coop Teilzeitpensen, nicht selten mit Beschäftigungsgraden unter 50 Prozent. Ausgenommen aus der Stichprobe sind Ausbildungsstellen, Praktika und Leitungsfunktionen.

Arbeitsmarktforscherin Karin Schwiter überrascht das nicht, wie sie auf Anfrage sagt. «In einigen Branchen wird Teilzeit nicht gewählt, sondern vorgegeben.» Besonders sichtbar sei das in prekären Arbeitsfeldern wie Reinigung oder Detailhandel. In beiden Bereichen würden neue Mitarbeitende häufig nur mit kleinen Pensen angestellt.

Eine aktuelle nationale Auswertung des Bundesamts für Statistik stützt diese Aussage: In Dienstleistungs- und Verkaufsberufen sowie bei Hilfsarbeitskräften wie Reinigungskräften ist die Teilzeitquote besonders hoch. Diese Berufe weisen zudem sehr hohe Frauenanteile auf, so Schwiter.

grafiken teilzeit
Bild: AZ/chmedia

Doch nicht nur diese Branchen geben vielen Angestellten Teilzeitpensen faktisch vor. Auch in sogenannten feminisierten Berufen mit Fachkräftemangel, etwa in der Pflege oder im Bildungswesen, gelten 60- oder 80-Prozent-Stellen als normal, so die Forscherin.

Vielfach sind die Teilzeitpensen vorgegeben, aber sie werden auch gesucht. Ein Grund dafür: «Die reguläre Wochenarbeitszeit liegt in der Schweiz bei 42 Stunden, deutlich höher als in vielen anderen Ländern», sagt Schwiter. «Gerade in den anspruchsvollen sozialen Berufen entscheiden sich deshalb viele für Teilzeit.»

Zudem sei die Schweiz weiterhin stark auf das Eineinhalb-Verdiener-Modell ausgerichtet, in dem ein Elternteil die Erwerbsarbeit reduziere, um Betreuungs- oder Pflegeaufgaben zu übernehmen. Schwiter sagt: «Viele Mütter und Väter wollen ihre Kinder auch unter der Woche und tagsüber begleiten. Der Entscheid für Freizeit ist aber nicht völlig freiwillig. Schulen schliessen am Mittag, Nachmittage bleiben frei, Betreuung ist teuer oder fehlt.» Diese Lücken würden in der Praxis meist von Frauen aufgefangen.

Und dies in grösserem Ausmass, je weniger familienergänzende Betreuungsangebote es für Kinder gibt. Jene Angebote seien in Städten in der Regel umfangreicher als auf dem Land. Dies könne mit ein Grund sein, weshalb Frauen in ländlichen Regionen häufiger Teilzeit beschäftigt seien.

Zwischen Jura und Genf liegen Welten

Schwiter verweist auf ihren Heimatkanton Schwyz. Dort wurde erst vor zwei Jahren erstmals eine staatliche Unterstützung für die Kinderbetreuung eingeführt. Ein früherer Bericht im Auftrag des kantonalen Gesundheitsamts zeigte: In der Hälfte der 30 Gemeinden gab es keine organisierten Betreuungsangebote. «Von 30 Gemeinden hatten 15 nichts», sagt sie. «Wer Vollzeit arbeiten wollte, musste private Lösungen finden.» In städtischen Kantonen seien solche Angebote seit Jahren ausgebaut und teils subventioniert.

grafiken teilzeit
Bild: AZ/chmedia

Die jüngsten Daten der repräsentativen Schweizer Strukturerhebung zeichnen ein Bild, das zu Schwiters Einordnung passt. Im Jura wohnende, erwerbstätige Frauen arbeiten zu 61 Prozent Teilzeit, in Obwalden zu 60 Prozent. Am anderen Ende der Skala liegen Genf mit 44 Prozent sowie Basel-Stadt mit 46 Prozent.

Der Wohnort beeinflusst also das Arbeitspensum von Frauen stark. Bei den Männern sind die kantonalen Unterschiede eher gering. In den meisten Kantonen liegt ihr Teilzeitanteil zwischen 12 und 15 Prozent.

Die grossen regionalen Unterschiede lassen sich Schwiter zufolge neben Betreuungs- und Jobangeboten auch auf kulturelle Faktoren zurückführen. In konservativ geprägten Regionen sei es verbreiteter, dass Mütter ihr Pensum reduzieren. «Dagegen ist in urbanen Gebieten die Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen sowie die Teilzeiterwerbstätigkeit von Männern verbreiteter», sagt die Forscherin.

Das dürfte auch erklären, warum im Stadtkanton Basel-Stadt 23 Prozent der erwerbstätigen Männer Teilzeit arbeiten und der Abstand zu den Frauen so gering ausfällt, wie in keinem anderen Kanton. Zudem arbeiten dort 54 Prozent der erwerbstätigen Frauen Vollzeit, ein Wert, der nur im Kanton Genf leicht übertroffen wird. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
86 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Rantanplan75
25.02.2026 07:16registriert Januar 2021
Mich ärgert dieses Teilzeitbashing ungemein. Ist es gesellschaftlich wirklich erstrebenswert, unsere Babys und Kinder ab 4 Monaten fünf Tage pro Woche in Krippe und Hort zu stecken? Was ist so schlimm daran, wenn Eltern ihre Arbeitszeit reduzieren? Beide 60 bis 80% und 2 bis 3 Tage Krippe/Hort ist doch eine sehr vernünftige Lösung für alle. Weiter verkennt man die Situation von KMUs: In meinem Unternehmen arbeiten alle Teilzeit und nein: Ich kann die 40%-Stelle für die Buchhaltung und die 60%-Stelle für die Kommunikation nicht zusammenlegen, weil dafür komplett anderes Wissen benötigt wird.
9612
Melden
Zum Kommentar
avatar
Ameo
25.02.2026 07:37registriert Oktober 2025
Ob ich Voll- oder Teilzeit arbeite geht niemanden etwas an. Ob es gewissen Parteien und Politikern passt oder nicht, kann jedem einzelnen egal sein. Wir sind hier immer noch in einem freien Land und nicht Nordkorea.
Es gibt Gründe warum sich jemand für Teilzeitarbeit entscheidet oder muss. Wegen Kinderbetreuung, aus gesundheitlichen Gründen, dem eigenen Wohlbefinden, Selbstschutz oder weil es einfach finanziell locker möglich ist.
737
Melden
Zum Kommentar
avatar
Rethinking
25.02.2026 07:04registriert Oktober 2018
Abschaffung des Koordinationsabzuges für due PK und der Eintrittsschwelle für die AHV…

Dann können Arbeitgeber dies nicht mehr durch tiefe Bedchöftigungsgrade umgehen…
446
Melden
Zum Kommentar
86
Mit dem Alpamare bröckelt auch ein Stück Schweiz
Heisses Wasser und schnelle Rutschen: Das Alpamare in Pfäffikon ist ein Kindertraum. Aber bei der Anlage ist auch die Zeit stehen geblieben.
Näher war das Meer nie. Hinter dem Hirzel, direkt am Zürichsee. Das Alpamare. Immer zuerst ins Wellenbad. Alle halbe Stunde Wellen mit bis zu 1,20 Meter Höhe! Das Chlorwasser brennt in den Augen. Wir hüpfen über die Wellen, lassen uns treiben, die Eltern warten hinten mit den Badetüechli.
Zur Story