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Drehständer mit Postkarten in Zürich.
Drehständer mit Postkarten in Zürich.Bild: KEYSTONE

Selfie-Sticks, Postkarten-Apps und die SBB machen klassischer Postkarte den Garaus

Der moderne Mensch schreibt keine Postkarten mehr, sondern lässt diese per App verschicken. Mit der Postkarten-App der Schweizerischen Post verschicken Touristen bereits 10'000 Karten am Tag. Die Einbussen bei den klassischen Postkarten sind entsprechend gravierend.
17.06.2015, 09:0317.06.2015, 20:46
Maurice Thiriet
Maurice Thiriet
Chefredaktor
Maurice Thiriet
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Foto oder Selfie mit dem Smartphone knipsen, Postkarte mit Foto und persönlichem Grusstext gestalten und auf Versenden tippen. Fertig. 

So verschicken Touristen heute ihre Postkarten und sparen sich so die mühsame Suche nach Postkarten, Briefmarken und Briefkästen in fernen Ländern. Die digitalen Feriengrüsse werden an ein Postzentrum übermittelt, dort ausgedruckt und die Postkarte flattert nach wenigen Tagen wie gewohnt beim Empfänger in den Briefkasten. Mittlerweile tummeln sich Dutzende, wenn nicht Hunderte Postkarten-Apps in den App-Stores von Apple, Google und Microsoft.

Alleine die Postkarten-App der Post haben bereits rund 300'000 Schweizer heruntergeladen. Gemäss Post-Sprecher Bernhard Bürki werden «täglich bereits 10'000 solcher Kartengrüsse verschickt». In den zwölf Monaten seit Juni 2014 hat sich die Zahl der Sendungen laut Bürki damit glatt verzehnfacht. Insgesamt haben die Nutzer der Postkarten-App der Post 1,7 Millionen Postkarten verschickt. 

Auch internationale Postkarten-Apps erfreuen sich steigender Beliebtheit. Der App-Anbieter Touchnote hat allein auf Android über eine Million Downloads. Insgesamt dürften es also über zwei Millionen Nutzer sein. Funcard hat insgesamt 100'000 Nutzer und MyPostcard über 200'000.

Per Postkarten-App kreierte und verschickte Postkarten. Maschinenschrift und Schweizer Poststempel auf der Rückseite. 
Per Postkarten-App kreierte und verschickte Postkarten. Maschinenschrift und Schweizer Poststempel auf der Rückseite. PC tipp

«Das spüren wir schon»

Das hat Folgen für die Anbieter klassischer Postkarten. Photoglob, die grösste Schweizer Postkarten-Verlegerin, nennt keine Zahlen. Aber Geschäftsführer Gion Schneller sagt: «Das Marktumfeld wird zunehmend rauer, das spüren wir schon.» Und die Situation werde rasch schlechter. «Noch vor vier Jahren hat eine Studie der ETH ergeben, dass für Studierende das Verschicken von Postkarten per App ein No-Go ist», sagt Schneller. Mit den besseren Auflösungen der Kameras und den Selfie-Sticks lassen sich heute aber bessere Bilder machen, die man als Postkarte verschicken könne. 

Zusätzlich zu den Postkarten-Apps machen Photoglob auch die SBB das Leben schwer. An den wichtigen Verkaufsstellen, den Kiosken in den Bahnhöfen und insbesondere im Bahnhof Luzern, dürfen nach Anweisung der SBB seit geraumer Zeit keine Roll-Displays mehr stehen. Das betrifft auch die klassischen Postkarten-Ständer von mehr als 140 Zentimeter Höhe. 

«Der Verkauf von Postkarten ist ab Drehständern am besten und alleine im Bahnhof Luzern mussten wir von neun auf zwei Verkaufsstellen reduzieren», sagt Schneller. Die Postkarten-Ständer seien Stolperfallen und würden im Notfall Evakuierungen erschweren. Bloss in Zermatt, wo die meisten Verkaufsstellen in privater Hand seien, und in Zürich erfreuten sich die Postkarten weiterhin guter bis steigender Absatzzahlen. 

Per Postkarten-App kreierte und verschickte Postkarten. Selbst geschossenes Bild in je nach App variierender Qualität auf der Vorderseite. 
Per Postkarten-App kreierte und verschickte Postkarten. Selbst geschossenes Bild in je nach App variierender Qualität auf der Vorderseite. pc tipp

Die grössten Abnehmer der Postkarten melden massive Verkaufsrückgänge in den letzten Jahren. «Zwischen 2009 und 2014 betrug der Rückgang beim Absatz von Postkarten rund 20 Prozent», sagt Coop-Sprecher Ramon Gander. Grossverteiler wie Migros, Coop und Volg verkaufen die Postkarten vor allem in klassischen Ferienhaus-Orten. 

Jedes Jahr zehn Prozent weniger klassische Postkarten verkauft

An den Bahnhöfen sind es die Kioske der Valora, deren Postkarten-Umsätze noch rascher sinken. «Der Verkauf von Postkarten nimmt seit längerem jeweils um rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab», bestätigt Valora-Sprecher Dominic Stöcklin. Für den Rückgang gebe es mehrere Gründe, unter anderen besagte «Restriktionen betreffend der traditionellen Drehständer». 

23 Feriengrüsse aus einer Zeit, als wir noch Postkarten schrieben

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23 Feriengrüsse aus einer Zeit, als wir noch Postkarten schrieben
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Wo Postkarten weniger gut erhältlich oder sichtbar sind, beschleunige dies den Trend, Feriengrüsse per Postkarten-App zu versenden. «Der Postkartenkauf ist für die meisten Leute ein Spontankauf», sagt Photoglob-Geschäftsleiter Schneller. Findet man keine Postkarten im Vorbeigehen, nutze man eben die Alternativen. 

Schneller setzt im Kampf gegen die App-Anbieter auf die Qualität der Bilder auf seinen klassischen Postkarten und die Nachfrage nach Authentizität. «Die persönliche Note kriegen wir nicht hin, aber wir können die schönsten Bilder der Landschaften oder Sehenswürdigkeiten in einer höheren Druckqualität anbieten, da können die Motive der Hobbyfotografen nicht mithalten», sagt Schneller. Und die App-Postkarten der Post beispielsweise würden in Winterthur gestempelt und verschickt: «Aber wer will schon eine Postkarte aus Nepal mit einem Stempel von Winterthur?» 

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