Schweiz
Wirtschaft

Adecco-Verwaltungsratspräsident Jean-Christophe Deslarzes im Interview

Interview

«Wir sollten die psychologischen Folgen der Covid-Krise nicht unterschätzen»

Adecco-Verwaltungsratspräsident Jean-Christophe Deslarzes erklärt, wieso trotz Jobschwemme die Arbeitnehmenden gestresst sind, wie Covid nachwirkt und wieso Chefs gefährdeter seien bei Burn-outs als ihre Untergebenen.
19.11.2023, 05:23
Patrik Müller und Florence Vuichard / ch media
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Jean-Christophe Deslarzes ist so eine Art Super-Schweizer: Der Romand hat Walliser Wurzeln, wurde in Fribourg geboren, ist in Thun aufgewachsen, war Skilehrer in Verbier und Student in Bern und Fribourg.

Karriere gemacht hat er dann auch im Ausland, in der internationalen Corporate-Welt. Davon zeugen die englischen Ausdrücke, die im Interview immer wieder sein Berndeutsch durchbrechen. Und sein Name: Denn der Präsident des Personaldienstleisters Adecco ist für seine Arbeitskollegen und Freunde einfach «JC».

Adecco-Präsident Jean-Christoph Deslarzes.
Adecco-Präsident Jean-Christoph Deslarzes.Bild: andrea zahler

Das Interview

Herr Deslarzes, die Schweiz zählt derzeit rund 260'000 offene Stellen. Die hiesige Wirtschaft leidet, aber Sie dürften jubeln, oder?
Jean-Christophe Deslarzes:
Natürlich ist der Fachkräftemangel eine Chance für die Adecco Group. Aber die Erwartungen sind auch hoch.

Wie meinen Sie das? Weil die Arbeitnehmenden höhere Ansprüche stellen?
In der Tat sind sie wählerisch geworden. Auch die Unternehmen stellen höhere Ansprüche an uns. Sie erwarten, dass wir als Experten besser darin sind, Talente zu finden und langfristig ans Unternehmen zu binden.

Firmen schreiben ihre Stellen digital aus, Chefs posten sie direkt auf Linkedin. Wozu braucht es da noch Stellenvermittler wie Adecco?
Wir sind Profis darin, mit unserer Expertise die perfekte Übereinstimmung zwischen dem Profil des Jobs und jenem des Stellensuchenden zu finden. Wenn es klappt, dann kreieren wir Magie!

Magie?
Ja. In diesem Fall stimmt alles, es ist perfekt für den Arbeitnehmer, den Arbeitgeber und darüber hinaus für die ganze Gesellschaft. Wir sprechen von einem sozialen Impact: Wer happy ist im Job, kommt glücklich nach Hause, und das wirkt sich positiv auf die Kinder aus, die wiederum Arbeit als cool empfinden.

Zu schön, um wahr zu sein: 40 Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich nach der Arbeit ausgelaugt, wie eine aktuelle Studie zeigt.
Die geopolitische Lage ist äusserst labil, die konjunkturellen Aussichten sind unsicher. Das wirkt sich auf die Moral der Menschen aus - und auch auf die Arbeitsmoral.

Zugleich ist der Arbeitsmarkt stabil, man findet relativ einfach einen neuen Job, wenn man einen braucht.
Es ist paradox. Wir sehen das auch in unseren internationalen Umfragen ausserhalb der Adecco Group bei rund 30'000 Personen. Das empfundene Wohlsein ist gesunken, 65 Prozent der Befragten geben an, sie hätten ein Burn-out erlebt oder das, was sie als Burn-out empfinden. In der Schweiz sind es gar 76 Prozent. Das ist enorm hoch.

Woher kommt das?
Da sind die erwähnten geopolitischen Unsicherheiten, und dann sollten wir die psychologischen Folgen der Covid-Krise nicht unterschätzen.

In der Schweiz hatten wir wenige Restriktionen.
Ja, sie waren vergleichsweise mild, aber für sich gesehen doch sehr einschneidend. An Weihnachten 2021 etwa durften wir nicht mehr als zu zehnt am Familientisch sein. Geit's no! Das ist keine zwei Jahre her. Und das wirkt noch immer nach.

Kriege und Covid, das sind also die Gründe für die depressive Arbeitsstimmung?
Es gibt auch noch den Stellenabbau, den wir während und auch noch nach der Covid-Krise beobachtet haben. Das hat dazu geführt, dass viele Mitarbeitende und vor allem Manager zusätzliche Aufgaben übernehmen mussten. Darum fühlen sich viele müde.

Das Mitleid mit den Managern hält sich in Grenzen, schliesslich sind sie meistens gut entlöhnt.
Ich rede vor allem vom mittleren Management, von Teamleitern, also von der goldenen Mitte, die sehr wichtig ist für das Funktionieren eines Unternehmens. Diese Gruppe wird vernachlässigt, doch sie ist das Bindeglied zwischen Strategie und Umsetzung. In der Schweiz, das zeigt unsere Befragung, haben 44 Prozent der Manager ein Burn-out-Moment erlebt, weil ihnen nach Entlassungen mehr Verantwortungen aufgebürdet wurden.

Aber egal, ob Manager oder Angestellte: Könnten sie in diesem unter Arbeitskräftemangel leidenden Arbeitsmarkt nicht einfach einen neuen Job finden, wenn sie sich so gestresst fühlen?
Ja, theoretisch ist es ein Arbeitnehmer-Markt. Doch in der heutigen Situation sind die Menschen vorsichtiger geworden. Über 70 Prozent wollen bei ihrem Arbeitgeber bleiben, vor einem Jahr waren es noch gut 60 Prozent. In der Schweiz ist der Rückgang bei jenen, die ihr Unternehmen verlassen wollen, noch ausgeprägter: Er ist von 32 auf 19 Prozent gefallen.

Die Treue zum Unternehmen ist also zurück?
Vielleicht ist es mehr die Vermutung, dass das Gras auf der anderen Seite des Zauns auch nicht grüner ist. Während Covid-Krise oder kurz danach sprach alles von der «Great Resignation», von der grossen Kündigungswelle. Doch das Phänomen ist nun weitgehend vorbei.

Eine Errungenschaft der Covid-Zeit ist das Homeoffice. Wie werten Sie das?
Büroarbeiten werden künftig zur Hälfte vor Ort erledigt und zur Hälfte von Zuhause oder von wo auch aus immer. Die Generation Z, sprich alle, die um 2000 geboren wurden, und auch die Millennials mit Jahrgängen ab 1985 wollen die Hälfte ihrer Arbeitszeit ortsungebunden erledigen.

Braucht es denn das Büro noch?
Ja, weil nur dort die Firmenkultur gefördert werden kann. Weil nur dort Kreativität entstehen kann, weil nur dort Innovation gefördert wird. Und weil es auch Freude bereitet, im Team zusammenzuarbeiten. Und wie gesagt: Unsere Untersuchungen zeigen deutlich, dass sich die Menschen stärker unter Stress fühlen als in der Vergangenheit. Und ich vermute schwer, dass ein Teil davon auch vom Homeoffice herkommt.

Homeoffice bedeutet mehr Stress?
Ja, das haben wir jedenfalls bei der Adecco Group beobachtet: Wir mussten aufpassen, dass die Menschen nicht zu viel arbeiten, weil sie diese Freiheit hatten. Aber grundsätzlich kann man zur Homeoffice-Frage festhalten: Beides ist falsch, 100 Prozent Homeoffice ebenso wie absoluter Bürozwang.

Sie haben einmal gesagt, die Chefs müssen empathischer werden. Sind sie es geworden?
Das geht nicht von heute auf morgen, das braucht Zeit. Das ist aber keine neue Erkenntnis. Es sind die empathischen Chefs, die uns Vertrauen geschenkt haben, die uns zugehört haben, die uns noch zehn oder zwanzig Jahre später als beste Chefs in Erinnerung bleiben. Aber die Situation hat sich insofern verschärft, als wir heute in diesem Hightech-Umfeld stecken. Jetzt ist es besonders wichtig, Menschlichkeit zu zeigen.

Mehr Menschlichkeit gegen künstliche Intelligenz (KI) also?
62 Prozent der Arbeitnehmenden weltweit und 76 Prozent in der Schweiz sehen die künstliche Intelligenz als etwas Positives, als etwas, das ihren Job zum Guten verändern wird. Aber gleichzeitig gehen rund 60 Prozent der Befragten davon aus, dass die menschlichen Fähigkeiten wichtiger sein werden als die digitalen Erkenntnisse.

Es gibt Tausende offene Stellen, trotzdem haben auch in der wirtschaftlich starken Schweiz viele Angestellte Zukunftsängste. Könnte das auch an der Migration liegen: Jeder Arbeitnehmer weiss, dass seine Stelle auch durch eine EU-Arbeitskraft besetzt werden könnte?
Mobilität und Flexibilität gehören zur Schweizer Wirtschaft und prägen auch unseren Arbeitsmarkt. Darum glaube ich nicht, dass die Personenfreizügigkeit den Angestellten Angst macht. Im Gegenteil, man weiss, dass sie zum Gedeihen unserer Wirtschaft beiträgt. Ohne ausländische Arbeitskräfte könnten die Unternehmen all ihre Stellen gar nicht besetzen.

Ihr Vorgänger als Adecco-Präsident, Rolf Dörig, äusserte sich jeweils anders zu dieser Frage: Er stellte die Personenfreizügigkeit infrage.
Für uns beide ist klar, dass die Schweizer Wirtschaft ausländische Fachkräfte braucht.

Sind der Schweizer Arbeitsmarkt und überhaupt der Standort noch so attraktiv, wie es früher immer hiess?
Ja, ich beobachte sogar, dass Covid die Schweiz noch attraktiver gemacht hat, verglichen mit anderen Ländern, in denen die Krise tiefe Spuren hinterlassen hat. Wir waren in jener Zeit privilegiert, nicht nur weil es weniger harte politische Einschränkungen gab, sondern grundsätzlich: Wir haben fast überall Wald in der Nähe zum Spazieren, wir können in die Berge fahren, wir haben eine zumeist gute Kaufkraft ... All das hält eine ganze Gesellschaft gesund.

Aus der Wirtschaft hört man oft Klagen über zusätzliche staatliche Belastungen und wachsende Bürokratie.
Alles ist relativ. Das hochgelobte Silicon Valley in den USA zum Beispiel ist häufig sehr viel bürokratischer für Unternehmen als die Schweiz. Der beste Beweis für die Attraktivität der Schweiz ist, dass sehr viele Gutausgebildete bei uns arbeiten wollen. Ich erlebe es zudem immer wieder, dass Expats, die ursprünglich nur für eine bestimmte Zeit hier zu arbeiten beabsichtigten, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren wollen.

Die Schweiz ein Paradies, wo nichts mehr besser werden kann?
In einem internationalen Massstab ist sie ein Paradies. Trotzdem muss sie aufpassen: Die Politik sollte sich mit Eingriffen zurückhalten. Denn es gibt nichts Sozialeres als ein Unternehmen, das funktioniert und frei handeln kann. Wegen der starken Firmen geht es uns so gut.

Sie haben vier Kinder. Was haben Sie ihnen geraten, wenn es um Ausbildung und Berufswahl geht?
Ich glaube an die Kraft der Leidenschaft: Wenn man morgens aufsteht und sich auf das freut, was man tut, dann ist es das Richtige, und dann kommen die Erfüllung und der Erfolg von selbst. Ob es eine Lehre oder ein Studium ist, spielt keine Rolle. Meine Kinder haben sehr unterschiedliche, aber allesamt tolle Wege eingeschlagen.​

Zur Person

Jean-Christophe Deslarzes
Der heute 60-jährige Jurist begann seine Karriere 1991 als Steuer- und Rechtsberater bei Arthur Andersen, ging dann zu Firma Alusuisse, die mit der kanadischen Alcan fusionierte und später von der Rio-Tinto-Gruppe übernommen wurde. Er war unter anderem Personalleiter des Alcan-Konzerns und Chef der Rio Tinto Aluminium Fertigungsprodukte.

2010 wechselte Deslarzes als Personalchef zum französischen Detailhandelsriesen Carrefour, drei Jahre später ging er – ebenfalls als Personalchef – zu ABB, wo er bis 2019 blieb. 2015 wurde er zudem in den Verwaltungsrat des börsenkotierten Schweizer Personalvermittlers Adecco Group gewählt, der weltweit 39’000 Mitarbeitende zählt und jeden Tag 2 Millionen Personen unter Arbeitsvertrag hat.

2020 übernahm er von Rolf Dörig das Präsidium. Zudem ist Deslarzes auch Verwaltungsratspräsident von Constellium.

Er ist verheiratet, hat vier Kinder im Alter von 20 bis 27 und wohnt mit seiner Familie im Wallis sowie während der Woche in der Region von Zürich.

(aargauerzeitung.ch)

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