Schweiz
Wirtschaft

Teilzeitboom: Ökonom fordert, dass Studierte mind. 70 Prozent arbeiten

Teilzeittrend: Schweizer arbeiten nur noch 31 Stunden pro Woche – das birgt Gefahren

Weil Teilzeitarbeit in der Schweiz boomt, ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit im Land auf 31 Stunden gesunken. Das führt zu wirtschaftlichen Problemen. Ein Ökonom nimmt nun insbesondere Studierte in die Pflicht – sie sollen mindestens 70 Prozent arbeiten müssen.
05.03.2023, 05:5505.03.2023, 12:15
Mehr «Schweiz»

Teilzeitarbeit boomt in der Schweiz: Insbesondere Männer entscheiden sich in der jüngeren Vergangenheit immer öfter, ihr 100-Prozent-Pensum ebenfalls zu reduzieren. Unterdessen arbeitet jeder fünfte Mann Teilzeit. Bei den Frauen ist es nach wie vor mehr als jede zweite. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik, die diese Woche veröffentlicht wurden, wie die «SonntagsZeitung» schreibt.

vater und kind
Immer mehr Männer entdecken Teilzeitarbeit für sich – um sich beispielsweise mehr der Familie zu widmen. (Symbolbild) Bild: Shutterstock

Diese besagen unter anderem auch, dass die durchschnittliche Arbeitszeit eines Schweizer Arbeitnehmers auf gerade einmal 31 Stunden gesunken ist. Zum Vergleich: 1990 betrug die Durchschnittsarbeitszeit noch 42 Stunden, was heute etwa einer klassischen 100-Prozent-Woche entspricht.

«Verbringen die heutigen Neopapis nicht mindestens einen Tag mit den Kindern, gelten sie als Rabenväter.»
Stefan Wolter

Für Stefan Wolter, Professor für Bildungsökonomie an der Universität Bern, ist das Bedürfnis nach Teilzeitarbeit auf individueller Ebene verständlich. Er geht davon aus, dass sich der Trend hin zu Teilzeitarbeit noch verstärken wird – insbesondere, weil die Männer die Teilzeit als Arbeitsmodell gerade erst entdeckt hätten. Zudem sei sie mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert oder gar gewünscht: «Verbringen die heutigen Neopapis nicht mindestens einen Tag mit den Kindern, gelten sie als Rabenväter», so Wolter im Gespräch mit der «SonntagsZeitung».

Aus wirtschaftlicher Perspektive verschärft der Trend aber zahlreiche Probleme: Der Fachkräftemangel intensiviert sich, der Migrationsdruck steigt, es fehlt an Steuergeldern und AHV-Einzahlungen.

Stefan C. Wolter, Direktor Schweizerische Koordinationsstelle fuer Bildungsforschung SKBF, spricht anlaesslich der Veroeffenlichung des Bildungsberichts Schweiz 2018, am Dienstag, 19. Juni 2018, in Be ...
Stefan Wolter sieht im Teilzeittrend eine Gefahr für die Solidarität.Bild: KEYSTONE

Ein wesentliches Problem ist dabei, dass insbesondere Gutverdienende ihr Pensum reduzieren. «Anders als die Kassiererin können sie es sich schlicht leisten», sagt Wolter gegenüber der «SonntagsZeitung». Das führt auch dazu, dass die Gutverdiener der Steuerprogression entkommen und damit letzten Endes gar nicht viel weniger Geld zur Verfügung haben, wenn sie zwischen 60 und 80 anstelle von 100 Prozent arbeiten.

Laut Wolter ist dadurch die für das Schweizer System wichtige Solidarität bedroht. Bildung entwickle sich aus gesellschaftlicher Sicht zu einer weniger lohnenswerten Investition, weil die Studierten mit ihren einbezahlten Steuern somit die von der Gesellschaft gestemmten Kosten für ihre Ausbildung nicht mehr decken.

Der Bildungsökonom hat für das skizzierte Problem auch einen Lösungsvorschlag zur Hand: Und zwar fordert er eine Rückzahlungspflicht von Studienkosten, sollten die von der Öffentlichkeit getragenen Kosten nicht mehr durch höhere Steuerabgaben während der Karriere kompensiert werden. Nach Berechnung von Wolter müssten Akademikerinnen und Akademiker im Schnitt mindestens 70 Prozent arbeiten, damit sich Kosten und Steuern die Waage halten.

Wolter rechnet damit, dass seiner Forderung insbesondere von linker Seite mit Kritik begegnet wird. Dies findet er inkonsequent, wie er der «SonntagsZeitung» sagt:

«Einerseits wird immer beklagt, dass mehr Kinder von Akademikern ins Gymnasium gehen als Kinder aus Arbeiterkreisen. Doch wenn es darum geht, dass die top ausgebildeten Akademikerkinder dann etwas zur Allgemeinheit beisteuern sollen – in Form von Arbeit – dann ist es auch wieder ungerecht.»

(con)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
295 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Glücklich
05.03.2023 06:37registriert August 2022
Ich habe bis zur Geburt unserer Kinder, 15-31igstes Lebensjahr immer 100% gearbeitet, danach haben meine Frau und ich die Pensen jeweils auf 60% reduziert. Heute sind die Kinder erwachsen aber weder meine Frau noch ich arbeiten wieder 100%. Wir beide arbeiten heute 70 und 80%, warum? Lebensqualität! Wir haben zwar dadurch etwas weniger Einkommen dafür aber geniessen wir Zusammen die zus. Freizeit mit Hobbys, Sport und unseren Enkeln.

Ich arbeite sehr gerne trotzdem arbeite ich zum Leben und Lebe nicht zum arbeiten.

Unsere Entscheidung war richtig und wir würden es wieder so machen!
37119
Melden
Zum Kommentar
avatar
Menel
05.03.2023 06:48registriert Februar 2015
"Ein Ökonom nimmt nun insbesondere Studierte in die Pflicht – sie sollen mindestens 70 Prozent arbeiten müssen."

Aha...was ist nur aus dem Mantra "Der Markt wird es regeln" geworden?
32927
Melden
Zum Kommentar
avatar
Pat da Rat
05.03.2023 06:35registriert Mai 2022
Ihm schwebt wohl das amerikanische Modell vor, wo Studierende auf Jahre hin verschuldet sind und den Aubildungskredit abstottern müssen. Also zum Zwangs-Alterssparen auch noch Zwangsverschuldung durch Studienkredite. Die Finanzindustrie wirds freuen, die wird sicher die passenden Produkte dafür anbieten, denn diese Kredite würden dann von den Bürgerlichen wieder unter "Eigenverantwortung und Privatwirtschaft" verkauft. Wetten? Also beim Studienkredit Zinsen kassieren und mit der PK Gebühren abzocken. Heureka, das perpetuum mobile der CH Finanzindustrie ist gefunden. Die Banken sind gerettet.
25520
Melden
Zum Kommentar
295
Leichtes Aufatmen: Die Ölpreise sinken trotz der Lage im Nahen Osten leicht

Die Ölpreise sind am Montag trotz des Angriffs des Irans auf Israel etwas gesunken. Am Morgen kostete ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juni weniger als 90 Dollar. Das waren gut 37 Cent weniger als am Freitag. Der Preis für ein Fass der US-Sorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im Mai fiel um 44 Cent auf 85,22 Dollar.

Zur Story