Junge Schweizer reisen kaum mehr im eigenen Land – dafür kommen viele US-Amerikaner
Der Schweizer Tourismus hat so viel Erfolg, dass ihn die Verantwortlichen bei jeder Gelegenheit herunterspielen. Martin Nydegger, der Direktor von Schweiz Tourismus, betonte am Mittwoch an der Jahresmedienkonferenz zum wiederholten Mal den Fokus der Organisation auf die Besucherlenkung. Keinesfalls soll wohl der Eindruck entstehen, dass die Marketingorganisation zu Übertourismus beiträgt und zu einem Besucheraufmarsch, der von der lokalen Bevölkerung nicht toleriert wird.
Ob es hierzulande Übertourismus gibt und ob dieser mehr als nur ein punktuelles Phänomen ist, wird hitzig diskutiert. Nicht immer stimmt die Berichterstattung mit den Zahlen überein. Nydegger wies etwa darauf hin, dass die Gäste aus Asien, die oft den Kopf für negative Tourismus-Effekte hinhalten müssen, viel seltener in die Schweiz reisen als noch vor ein paar Jahren. Gegenüber 2019, dem letzten Jahr vor der Coronakrise, betrug das Minus vergangenes Jahr 36,2 Prozent bei den Gästen aus China, 14,4 Prozent bei jenen aus Indien und 25,8 Prozent bei jenen aus Japan.
Dass es der Schweiz auch 2025 wieder zu einem Rekord mit 43,9 Millionen Hotelübernachtungen, sogenannten Logiernächten, reichte, liegt nicht an den Gästen aus dem Osten. Teilweise sind die Gründe für das Plus von 2,6 Prozent überraschend. So kamen die Deutschen trotz schlechter Stimmung im eigenen Land auf 3,8 Millionen Logiernächte, 2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die US-Amerikaner legten trotz Zoll-Wirren um 5,4 Prozent auf 3,6 Millionen zu. Ein starkes Wachstum gab es auch bei Gästen aus dem Vereinigten Königreich oder dem wirtschaftlich prosperierenden Polen.
Zum Bestwert beigetragen haben nicht zuletzt heimische Gäste, die mit 21 Millionen Logiernächten fast die Hälfte aller Übernachtungen auf sich vereinen. In dieser Gruppe wurde ein Plus von 1,4 Prozent verzeichnet. Allerdings profitierten nicht alle Regionen gleich. In den Städten sorgten Gäste aus der Schweiz für 6,5 Prozent mehr Übernachtungen. Das liegt auch an der Fussball-EM der Frauen im Sommer und am Eurovision Song Contest in Basel.
In den Bergen hingegen war die Zahl der heimischen Gäste rückläufig. Das Minus war mit 0,5 Prozent zwar gering, aber erstaunlich angesichts der stetig steigenden Bevölkerungszahl und der ungebrochenen Reiselust. Aufhorchen lassen auch Statistiken, die Schweiz Tourismus erhoben hat: Mehr als zwei Drittel der heimischen Gäste sind im eigenen Land ohne Kinder unterwegs, und unter den heimischen Gästen sind nur gerade 19 Prozent im Alter zwischen 16 und 35 Jahren.
Der Ausblick ist verhalten
Können sich nur noch wohlhabende Rentner die Ferien im eigenen Land leisten – und sterben die klassischen Wander- und Skiferien mit der Familie aus?
Davon will Nydegger nichts wissen. Es gebe immer noch tolle Angebote wie Reka-Dörfer oder Jugendherbergen, sagte er auf Anfrage von CH Media. Das Angebot an erschwinglichen Möglichkeiten habe sich nicht verändert. Die Preise für die Unterkünfte seien nicht signifikant gestiegen. Jene für die Bergbahnen seien vielleicht «um ein paar Prozent» rauf, doch darin sieht Nydegger nicht die Ursache der Flaute.
Viel eher spiele der starke Franken eine Rolle, der «tolle Reiseerlebnisse im Ausland» ermögliche. Das werde auch genutzt. Der Franken ist denn auch einer der Gründe, warum Schweiz Tourismus für 2026 mit einem «weitgehend stagnierenden Tourismusjahr» rechnet.
Ein Comeback der Chinesen plant Nydegger nicht ein. Düstere Wolken ziehen auch über dem Atlantik auf. Eine aktuelle Umfrage der European Travel Commission zeigt, dass die Reiseabsichten der US-Amerikaner nach Europa zuletzt deutlich gesunken sind. Im Zusammenhang mit ihnen spricht Nydegger vom «neuen WWW», das mitentscheidend sei für den Geschäftsgang: «Währung, Wirtschaftslage, Willkür» – eine Anspielung auf die Politik von Donald Trump, auch wenn dessen Name nicht fiel.
Er gehe davon aus, dass bei den Amerikanern ein Plafond erreicht sei, sagte Nydegger. Das ist für die Branche schade, weil sie als dankbare Gäste gelten. Sie übernachten oft in teuren Hotels, bleiben relativ lange und sind innerhalb des Landes umweltfreundlich unterwegs, nämlich in zwei Dritteln der Fälle mit dem Zug.
Immerhin kann die Schweiz davon profitieren, dass die Kanadier nicht mehr in die USA reisen wollen, seit sie von Trump wie eine Kolonie behandelt werden. Um fast 9 Prozent stieg 2025 die Zahl ihrer Logiernächte. «Andermatt statt Aspen, Verbier statt Vail», fasste es Nydegger zusammen. Hoffnung setzt er auch auf die Deutschen. Die Milliardeninvestitionen ihrer Regierung sollten Wirkung zeigen. Und wenn es Ende Jahr doch wieder für einen Rekord reicht, dürfte er kaum böse sein – Besucherlenkung und Kampf gegen Übertourismus hin oder her. (aargauerzeitung.ch)
