Im Bankenland Schweiz ist das Verschieben von Geld eine langwierige Sache. Selbst im digitalen Zeitalter. Empfänger müssen Stunden, wenn nicht Tage auf ihr Geld warten. Das soll sich nun ändern. Neu bieten Schweizer Banken Instant-Zahlungen an. Sie sollen innert 10 Sekunden erfolgen.
Im Frühling 2023 kam Thomas Moser die Aufgabe zu, der Schweiz «die Zukunft des bargeldlosen Zahlungsverkehrs» näherzubringen. Es ging um die geplante Einführung der sogenannten Instant-Zahlungen. Um deren Funktionsweise anschaulich zu erklären, wählte das Stellvertretende Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB) den Vergleich mit der bekannten Bezahllösung Twint. «Twintet man Geld, wird es in Echtzeit dem Konto der zahlungsempfangenden Person gutgeschrieben», erklärte Moser.
Nur: Bei Twint kann der Kunde, der Geld erhält, zwar unmittelbar darüber verfügen. Das Kundenerlebnis suggeriert, das Geld sei in Sekundenschnelle zwischen den Konten verschoben worden. Doch im Hintergrund dauert es tatsächlich eine Weile, bis die involvierten Banken die Gelder überweisen. Das generiert Kreditrisiken, die abgesichert werden müssen. Das bekommt die Kundschaft durch Gebühren zu spüren.
Hier kommen die Instant-Zahlungen ins Spiel, die in der Schweiz seit dem 20. August möglich sind. Die Bankzahlungen im Hintergrund werden neu in Echtzeit - beziehungsweise in maximal 10 Sekunden - abgewickelt. Der Maximalbetrag liegt bei 20'000 Franken.
Somit kann erstmals rund um die Uhr, an Feiertagen und am Wochenende Geld verschoben werden. Online-Zahlungen erhalten zumindest für die Endkunden die gleiche Qualität wie Bargeld: Auch dort findet «ein sofortiger finaler Werttransfer» statt, wie es die SNB formuliert. Thomas Moser von der SNB ist davon überzeugt, dass dieses gewissermassen «hochgerüstete Twinten» bald zum Standard wird.
Übrigens: Auch Twint hat vor, bald Instant-Zahlungen anzubieten.
Die Technologie bringt laut den Entwicklern - die SNB und die Börsenbetreiberin SIX – viele Vorteile: Die Banken können ihre Risiken verringern. Ein Händler erhält den Ertrag aus einem Verkauf sofort und kann ihn reinvestieren. Der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr kann vereinfacht werden. In vielen EU-Ländern gibt es Instant-Zahlungen bereits seit 2017.
Seit dem 20. August nehmen rund 60 Schweizer Finanzinstitute diese Art von Zahlungen an. Damit sind laut SNB mehr als 95 Prozent des Schweizer Kundenzahlungsverkehrs abgedeckt. Bis spätestens Ende 2026 müssen alle Schweizer Banken den Service anbieten. Überschaubar ist bisher die Zahl der Banken, die Sofortzahlungen ausführen. Laut SNB werden aber in den nächsten Monaten weitere Institute hinzukommen.
Die Raiffeisen-Gruppe beispielsweise hat Instant-Zahlungen in ihr E-Banking integriert. Neu werden die Kunden in der Zahlungsmaske gefragt, ob sie die Option nutzen möchten. «Da Instant-Zahlungen eine sofortige Abbuchung des Betrags auf dem Konto zur Folge haben, werden die Kundinnen und Kunden im Bezahlprozess zusätzlich gefragt, ob die Zahlung wirklich unmittelbar ausgeführt werden soll», hält Raiffeisen fest.
Die Höhe der Gebühren variiert stark. Spitzenreiterin ist die Grossbank UBS. Sie verlangt für die Ausführung einer Sofortzahlung - unabhängig von der Betragshöhe - einen ganzen Fünfliber. Gemäss dem Vergleichsdienst Moneyland gibt es deutlich günstigere Alternativen: Bei der Berner Kantonalbank oder der Hypothekarbank Lenzburg fallen keine Kosten an. Die Raiffeisen-Gruppe empfiehlt ihren Genossenschaften, zwölf Zahlungen pro Jahr gratis anzubieten. Wer das Angebot häufiger nutzt, soll 2 Franken bezahlen, Firmenkunden 50 Rappen.
Tatsächlich könnte künftig ein Händler statt auf Debit- oder Kreditkarten auf Instant-Zahlungen setzen. Ein Autohändler könnte etwa einem Kunden für den Occassionswagen eine QR-Rechnung über 15'000 Franken in die Hand drücken. Dieser scannt sie und löst eine Instant-Zahlung aus. Der Händler sieht innert Sekunden, ob das Geld eingetroffen ist und kann die Autoschlüssel übergeben.
Wie attraktiv eine solche Instant-Zahlung für beide Seiten ist, hängt von den Gebühren ab. Heute kann der Händler das Sofortgeld gratis empfangen. Für ihn ist die Lösung interessant, weil er sich den Umweg über die Zahlungsabwickler und die Kartenfirmen sparen kann. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der Kunde bereit ist, je nach Bank für die Sofortzahlung bis zu fünf Franken zu bezahlen. Und: Auch die grossen Zahlungsabwickler sowie Visa und Mastercard sind nicht untätig geblieben. Sie bieten bereits eigene Instant-Dienstleistungen an. Klar ist: Die bestehenden Kartengebühren dürften noch stärker unter Druck geraten.
«Eine sofortige Zahlung macht auch sofortigen Betrug möglich», sagte Romano Ramanti, «Ethical Hacker» bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB), anlässlich eines Seminars zu den Risiken der neuen Zahlungsmethode. Tatsächlich hat die Bezahlung in Echtzeit für den Kunden nicht nur Vorteile. Auch Betrüger machen sich die Technologie zunutze. Während sich deren Tricks sich kaum verändert haben – die Kriminellen geben sich beispielsweise als falsche Polizisten aus –, drängen sie ihre Opfer neu zu einer Instant-Zahlung.
Der Vorteil für die Kriminellen: Sie erhalten das Geld sofort, und das Opfer kann die Transaktion nicht mehr stoppen, auch wenn es nur Minuten später erkennt, dass es auf einen Trick hereingefallen ist. Wie verlockend das für Betrüger ist, zeigt sich in Grossbritannien.
Dort ist seit der Einführung der Technologie eine «Betrugsepidemie» ausgebrochen. Allein im Jahr 2021 belief sich im Königreich die durch Sofortzahlungen erbeutete Summe auf 583 Millionen Pfund. Die Aufsicht reagierte und veranlasste, dass jeweils die involvierten Banken den ergaunerten Betrag zurückerstatten müssen. Vor diesem Hintergrund sind nun auch die Schweizer Banken gefordert, ihre Sicherheitsmassnahmen hochzufahren. Und die Kunden sollten wachsam bleiben. (aargauerzeitung.ch)
Immerhin 12 Mal ist es gratis bei der Raiffeisen. Aber schon bisschen bescheuert, dass so eine Dienstleistung Geld kosten soll.