Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Aktionsschilder ueber den Regalen in der Denner-Filiale in Rueschlikon, Kanton Zuerich, aufgenommen am 3. Maerz 2011. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Schnäppchen à gogo: Das ganze Jahr hindurch werben Händler mit massiven Rabatten, was viele Kunden jubeln lässt, aber so manche Firma in den Ruin treibt. Bild: KEYSTONE

Die Schweiz im Rabattrausch – doch profitieren die Kunden davon wirklich?

Studie: Die Rabattschlacht erreicht hierzulande neue Dimensionen – doch profitieren die Kunden davon wirklich?

Benjamin Weinmann / ch media



50 Prozent! 30 Prozent! 70 Prozent! Der Schweizer Detailhandel befindet sich im Rabattrausch. Die Zeiten, in denen der Ausverkauf gesetzlich geregelt war, sind längstens vorbei. In den vergangenen Jahren sind Rabattschilder in den Schaufenstern der Händler zum Alltag geworden. Immer mehr, immer häufiger, immer billiger lautet die Devise.

Aus dem Ausland übernommene Aktionstage wie der «Black Friday» oder «Cyber Monday» im November haben sich etabliert. Ein Branchenvertreter erinnert sich: «Als das Warenhaus Globus Ende der 90er-Jahre erstmals 10 Prozent Rabatt gewährte, brauchte es Sicherheitsleute, weil der Andrang so gross war.» Heute schrecke man mit 10 Prozent niemanden mehr auf. «20 Prozent sind das absolute Minimum, um Kunden anzulocken.»

Lebensmittel-Aktionen im Fokus

Die Dimensionen der Rabattschlacht im hiesigen Detailhandel zeigt die Studie «Schweiz. Promo-Report 2019» des Beratungsunternehmens «Fuhrer&Hotz». Teil davon ist eine repräsentative Umfrage bei 500 Konsumenten sowie eine Befragung von 135 Branchenvertretern. Kommende Woche werden die Resultate einem Fachpublikum vorgestellt, dieser Zeitung liegen sie bereits vor. Das Fazit: Das Aktionsbewusstsein der Schweizer Konsumenten ist in den letzten zwei Jahren massiv gestiegen – und zwar über alle Sortimente hinweg.

Ein Schild im Schaufenster eines Bekleidungsgeschaeftes weist auf einen Euro-Rabatt von 20 Prozent hin, am Mittwoch, 4. Februar 2015 in Bern. Die am meisten von der Frankenstaerke betroffenen Branchen Gastgewerbe sowie Industrie und Handel werden im Verlaufe des Jahres rund 0,7 Prozent der Stellen abbauen. Zu diesem Schluss kommen die Oekonomen der Credit Suisse in ihrem am Dienstag, 3. Februar, publizierten Branchenhandbuch. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Der Eurorabatt von 2015, als die Frankenstärke die Schweiz beschäftigte. Bild: KEYSTONE

58 Prozent der Studienteilnehmer geben an, beim Einkauf von Lebensmitteln stark auf Sonderangebote zu achten – eine Steigerung um 11 Prozentpunkte im Vergleich zu 2017. Gleich dahinter folgen Elektronikprodukte, Mode- und Sportartikel. Am wenigsten achten sich die Konsumenten auf Rabatte beim Einkauf von Büchern, CDs, Uhren und Schmuck.

Die Schnäppchen-Affinität kommt nicht von ungefähr. Bei der Befragung der Branchenvertreter wird ersichtlich, dass die Händler die Aktionitis befeuern. Hatten 2017 erst 20 Prozent angegeben, beim amerikanischen «Black Friday» mitzumachen, sind es heute bereits über 40 Prozent. Beim «Cyber Monday» für Online-Rabatte stieg der Wert von 7 auf 17 Prozent. Und für dieses Jahr planen die meisten noch höhere Rabatte an noch mehr Tagen für noch mehr Produkte.

«Black Friday» in der Schweiz

Die Warenhauskette Manor hatte den «Black Friday» als erster grosser Händler lanciert. «Die Rabattschlacht ist heute eine Realität, die wir nicht ändern können», sagt Geschäftsführer Jérôme Gilg im Gespräch: Der «Black Friday» habe einen enormen Effekt auf die Kundenfrequenz bei Manor, sowohl in den Geschäften als auch im Onlineshop. «Den Nutzen davon kann man kritisch hinterfragen, aber es machen nun mal alle mit. Insofern ist es unrealistisch, sich davon zu verabschieden.»

Ein Schild vor einer Apotheke macht auf Rabatte zum Anlass des Black Friday aufmerksam, am Freitag, 24. November 2017 in Bern. Black Friday wird in den USA der Freitag nach Thanksgiving genannt, an dem die ersten Weihnachtseinkaeufe getaetigt werden. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)

«Black Friday»-Werbung in Bern. Bild: KEYSTONE

Marco Fuhrer von der Beratungsfirma «Fuhrer&Hotz» überrascht diese Haltung nicht. «Alle Händler haben Angst, auf Rabatte zu verzichten, sie befürchten, Kunden zu verlieren.» Doch genau das sei das Problem. «Es ist ein Teufelskreis, aus dem viele nicht mehr rauskommen.» Denn die Kunden würden immer mehr Aktionen erwarten und zu Schnäppchenjägern herangezüchtet. «Sie warten bis zum nächs- ten Aktionstag. Dann wird gehamstert und auf Vorrat gekauft.»

Die Folge: Der Umsatz steigt kurzfristig, doch die Profitabilität sinkt langfristig. Wenn die Rabattschlacht so weitergehe, müssten weitere Geschäfte schliessen, sagt Fuhrer. Insbesondere Rabatte aufs ganze Sortiment seien oftmals Verzweiflungstaten. Die Händler müssten kreativer werden und Aktionspreise zum Beispiel nur den treusten Kunden gewähren oder den Kunden auf ihre Bedürfnisse ausgerichtete Bons verteilen.

Strukturwandel im Detailhandel

«Aber ein kleiner Händler kann bei dieser Rabattschlacht so oder so nicht gewinnen, er muss sich über andere Wege abheben», sagt Fuhrer. Ein Haushaltwarengeschäft könnte zum Beispiel nicht nur Pfannen verkaufen, sondern auch Kochkurse im Shop anbieten und so ein Erlebnis schaffen.

ARCHIVBILD - KREUZLINGEN HAT DEN EINKAUFSTOURISMUS SATT - Autokolonnen warten vor der deutschen Grenze Richtung Konstanz im Stau, am Samstag, 17. Januar 2015 in Kreuzlingen. Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank (SNB) und dem Fall des Eurokurses nutzen viele Einkaufstouristen die Moeglichkeit, im nahen Ausland Schnaeppchen zu machen. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

A traffic jam is pictured Saturday, 17 January 2015, in Kreuzlingen, Switzerland, near to the German border. After the Swiss central bank (SNB) announced on Thursday that it would give up its minimum exchange rate of 1.20 Swiss francs per euro, the euro dropped to its lowest level since November 2003. As consequence, Swiss shopping tourists do some shopping in Germany. (KEYSTONE/Ennio Leanza)

Einkaufstourismus und Online-Handel haben die Welt des Detailhandels drastisch verändert. Bild: KEYSTONE

Manuela Beer, Chefin der Modekette PKZ, sieht einen der Gründe für die Rabatt-Kultur im Strukturwandel. «Der Einkaufstourismus und die neue Onlinekonkurrenz haben viele Händler unter Zugzwang gebracht, vor allem Textilgeschäfte.» Leider hätten einige mit Rabatten überreagiert. Dies führte dazu, dass viele Modegeschäfte in den letzten zwei Jahren verschwunden sind, so wie Schild, Companys, Charles Vögele und OVS.

Zu den Ausverkauf- gesellten sich Liquidationsschilder. Daran hätten sich viele Kunden gewöhnt, sagt Beer. Im mittleren und oberen Preissegment, wo sich PKZ erfolgreich bewege, beobachtet sie aber eine Trendwende: «Während der Euro-Franken-Krise war die Preissensitivität bei fast allen Kunden spürbar, heute zählen Service und Qualität aber wieder mehr.»

«Etwas Blöderes gibt es nicht»

Der langjährige Chef des Lebensmittelhändlers Volg, Ferdinand Hirsig, hat kein Verständnis für übermässige Preisabschläge: «Etwas Blöderes als den ‹Black Friday› gibt es nicht, das ist reine Wertschöpfungsvernichtung.» Kurz vor Weihnachten Rabatte zu gewähren, sei fatal. «Zudem können wir uns bei Volg derart grosse Abschläge gar nicht leisten, dafür sind unsere Margen viel zu dünn.» Volg habe nach wie vor die gleiche Strategie mit wöchentlichen Aktionen auf gewissen Artikeln mit maximal 33 Prozent Rabatt.

Detailhandelsberater Marco Fuhrer weist auf ein weiteres Problem hin, wenn ein Produkt regelmässig mit 50 Prozent oder mehr Abschlag verkauft wird: Die Glaubwürdigkeit. «Der Kunde fragt sich dann, ob er durchs Jahr hindurch abgezockt wird, wenn plötzlich derart grosse Rabatte möglich sind an einzelnen Tagen.» So spricht denn auch der Bundesrat nach wie vor von einer Hochpreisinsel Schweiz. Mittels einer Kartellgesetzrevi- sion will er Parallelimporte künftig vereinfachen, um das Preisniveau hierzulande zu senken. Auch ohne Rabatte.

Neues Gesetz: Frankreich beschränkt Lebensmittel-Rabatte auf maximal 34 Prozent

Seit Anfang Jahr gelten in Frankreich für Supermärkte neue gesetzliche Rabatt-Vorschriften beim Verkauf von Lebensmitteln. Dazu gehört, dass der Preis mindestens zehn Prozent über dem Einstandspreis liegen muss und Rabatte nicht mehr als 34 Prozent betragen dürfen. Zudem dürfen die Händler maximal 25 Prozent ihrer Waren über Aktionspreise bewerben.

Ziel der neuen Vorgaben ist es, die Produzentenpreise für die Bauern zu verbessern und ihren Anteil an der Wertschöpfung zu sichern. Vor einem Jahr war es zutumultartigen Szenen in französischen Supermärkten gekommen, als diese Nutella-Aufstrich mit 70 Prozent Rabatt verkauften.

Der Schweizer Bauerverband sieht für eine ähnliche Regelung hierzulande keinen Bedarf. Dabei sei es auch hierzulande ein Fakt, dass immer weniger des Verkaufspreises zu den Bauernfamilien fliesse. «Das liegt aber weniger daran, dass die Verkaufspreise zu tief sind», sagt eine Verbandssprecherin. Diese seien in der Schweiz in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen. Das Problem sei vielmehr die starke Konzentration des Detail- und Zwischenhandels sowie der Verarbeitungsindustrie. Diese führe dazu, dass diese eine enorme Marktmacht hätten. «Sie legen die Verkaufspreise fest und ziehen ihre Margen und Gewinne ab.Die Landwirtschaft erhält, was übrig bleibt.»

Heisst übersetzt: Migros, Coop und Co. profitieren, während die Bauern leiden. Wenn, dann bräuchte es laut dem Verband wettbewerbspolitische Massnahmen und keine Rabatt-Gesetze à la Frankreich. Die Migros hält eine gesetzliche Rabattbeschränkung ebenfalls für unnötig, wenn auch aus anderen Gründen. In der Schweiz sei das Preisniveau generell höher wegen höherer Beschaffungs-, Personal und Werbekosten, sagt ein Sprecher. Dauerhaft könne man preislich nicht mit dem nahen Ausland mithalten. Rabatte seien eine Möglichkeit, um Kunden zumindest zeitweise von günstigen Preisen profitieren zu lassen. Coop will sich auf Anfrage nicht zum französischen Gesetz äussern. (BWE)

Das Einkaufen ohne Kassenschlange – So lauft das in Seattle

Video: watson

Statuen, Schmuck, Schnitzereien: Auf dem Times Square wird illegales Elfenbein geschreddert

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

29,8 Milliarden Franken Umsatz: Migros kann trotz Corona erneut zulegen

Die Migros hat auch während der Coronapandemie ihre Rekordjagd fortgesetzt. Hamsterkäufe und Onlineboom verhalfen dem «orangen Riesen» zu einem Umsatzplus von 4 Prozent auf 29,8 Milliarden Franken.

Damit hat die Migros ihren Rekord von 28,7 Milliarden Franken aus dem Jahr 2019 nochmals verbessert. Und die Migros kratzt erstmals an der Marke von 30 Milliarden.

Diese Grenze hatte Konkurrentin Coop im 2018 dank des damals in mehreren europäischen Ländern florierenden Grosshandels überschritten. …

Artikel lesen
Link zum Artikel